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Formel 1 in Malaysia : Untergang um five o'Glock

  • -Aktualisiert am

Alle Ampeln auf Rot - nach starkem Regen wurde der zweite Lauf der Saison abgebrochen Bild: dpa

Aquaplaning, Abflüge, Abbruch: Im Chaos von Sepang war Button am Ende der lachende Sieger. Wegen starken Regens dauerte das Rennen von Malaysia nur 32 Runden. Auch zwei Deutsche können sich über halbierte Punkte freuen.

          3 Min.

          Einfach fortgespült von Mutter Natur: Der technisch modernste Spitzensport ist am Sonntag trotz aller Finessen im malaysischen Alltag untergegangen. Regen und Dunkelheit stoppten das zweite Saisonrennen der Formel 1 vor den Toren von Kuala Lumpur nach 32 von 56 Runden ein für allemal. Als Sieger des Großen Preises von Malaysia ließ sich Jenson Button (Brawn GP), Gewinner auch des Auftaktrennens in Melbourne (siehe auch: Formel 1: Doppelsieg für Brawn durch Button und Barrichello), feiern.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Kurzgeschichte eines kuriosen, unterhaltsamen, für die Piloten höchst schwierigen Rennens aber bestimmten zwei Deutsche: BMW-Fahrer Nick Heidfeld als aus den Tiefen der Fluten im letzten Moment auftauchender Zweiter und - etwas spektakulärer - Timo Glock, der in seinem Toyota als Dritter das Ziel erreichte.

          Die Tour bis zum ersten Abbruch wegen Regens seit 1991 behagte ihren Landsleuten im Feld weniger. Nico Rosberg (Williams) belegte trotz Startplatzes vier und 15 Runden langer Führungsarbeit auf trockener Piste nur Rang acht hinter Weltmeister Lewis Hamilton. Sebastian Vettel spülte das Wasser von der Piste, ehe ihn ein Elektronikdefekt bremste (15.). Adrian Sutil kam als Vorletzter immerhin vor seinem Teamkollegen bei Force India ins Ziel.

          Sieg auf dem Parkplatz: Gleich erfährt Button, dass er gewonnen hat

          Man kann in diesen Tagen die Uhr nach dem Naturschauspiel stellen. Etwa zur Tea Time gibt's regelmäßig ein Donner-Wetter. Keine 23 Runden hatte die Formel 1 hinter sich, als der Regen einsetzte. Button ließ sich nicht beeindrucken. Er führte souverän auch nach der zweiten Boxenstopp-Arie zur Umrüstung auf die widrigen Verhältnisse die neue Hackordnung an.

          Neunter, Achter, Siebter, Sechster, Fünfter, Vierter, Dritter ...

          Vor Rosberg, Jarno Trulli (Toyota), seinem Teamkollegen Rubens Barrichello, Heidfeld, Red-Bull-Pilot Webber, Hamilton, dem Ferrari-Star Felipe Massa, Nelson Piquet im Renault. Glock hatte man schon lange nicht mehr im Sinn, so weit hinterher, als Zehnter (45 Sekunden). Aber dann trauten die Zuschauer ihren Augen kaum. Wie konnte es sein, dass einer im Feld, mittendrin, plötzlich so viel schneller fuhr als all die anderen? Erst zehn Sekunden pro Runde, dann immerhin noch fünf.

          Der rot-weiße Bolide flog mit dem Steuermann aus dem Odenwald an Freund und Feind vorbei durch die Gischt: Neunter, Achter, Siebter, Sechster, Fünfter, Vierter, Dritter und dann: Zweiter. Alles innerhalb von sieben Runden. Mal leicht und lässig, mal mit einem Drift in der letzten Kurve zur Absicherung vor dem nachhakenden Webber. Natürlich hatten die Teams den Coup schnell kapiert. Auch Glock kann nicht über das Wasser fahren. Aber im Zusammenspiel mit seiner Kommandozentrale fast die gesamte Konkurrenz narren.

          „Lass die anderen ihre Regenreifen ruhig zerstören“

          Der 26 Jahre alte Odenwälder ließ sich nicht Regenreifen aufziehen, sondern sogenannte Intermediates. Ein Pneu für leichten Niederschlag: „Natürlich war das ein Risiko“, erzählte Glock, „aber ich habe mir gesagt. Lass die anderen ihre Regenreifen ruhig zerstören.“ Glocks Gegner schauten sich das Spiel eine Weile an. Wohl in der Hoffnung, der Himmel über Sepang werde sich noch öffnen wie ein Schleusentor. Aber dann schossen sie doch der Reihe nach an die Box, um es dem Deutschen nachzumachen, auf sein Tempo zu kommen. Als Letzter gar der Führende, Button.

          Ob die Piloten den Donnerschlag gehört haben just in diesem Moment? Für einen Augenblick fiel das Bild auf den Monitoren aus. Als es wiederkam, sah man Glock zur Box rollen. Diesmal ließ er sich Regenreifen von seinem Team im Handumdrehen montieren. Prompt folgte ein Wolkenbruch. Selbst Atheisten könnte so ein Niederschlag Zweifel an der biblischen Geschichte um Noahs Arche austreiben. So ein millionenschwerer Bolide anno 2009 taugt aber nicht mal für den deutschen Nieselregen. Zwar lief Button, er führte mit riesigem Vorsprung, zum 4. Mal den Boxen-Hafen an, um Glocks nächsten Fortschritt einzufangen, McLaren und Ferrari folgten. Aber zwei Runden später (in der 33.) - längst leitete das Sicherheitsfahrzeug die Autos wie auf einer Bootstour um den Kurs - brach die Rennleitung den Grand Prix ab.

          „Es war unfahrbar. Der Abbruch ist die richtige Entscheidung“

          Auf der Zielgeraden parkten die Autos, abgedeckt, um nicht vollzulaufen. Piloten diskutierten im strömenden Regen. 50 Minuten lang warteten die Zuschauer, vertrieben sich die Zeit mit Rutschfahrten auf dem aufgeweichten Rasen sanfter Hügel rund um die Strecke. Nur einem schien es bald zu dämmern, angesichts der Uhrzeit. Ferraris Kimi Räikkönen stand in Shorts vor dem Kühlschrank in der Ferrari-Box und fischte sich ein Eis heraus, gut acht Minuten bevor die Rennleitung vor der heraufziehenden Nacht offiziell den Stecker zog: Feierabend um 18:52 Uhr. Halbe statt voller Punktzahl für die ersten acht.

          „Man konnte die Strecke im Regen schon nicht mehr sehen“, erklärte Button: „Es war unfahrbar. Der Abbruch ist die richtige Entscheidung.“ Sagte der Sieger. Die Kollegen schlossen sich an. Glock wäre gerne noch etwas gefahren, um den letzten Stand zu korrigieren: „Erst hat man mir gesagt, ich sei Führender. Nach dem Abbruch hieß es, ich sei Zweiter. Nun bin ich Dritter.“ Still und fast heimlich hatte Heidfeld ihn in der 31. Runde, während seines letzten Boxenstopps, überholt; auf Reifen, deren Zustand kaum für weitere Touren gereicht hätte. Die Saftey-Car-Phase rettete Heidfeld: „Ein bisschen Glück mit dem Wetter muss man haben.“ Und den nötigen Überblick. In Malaysia kann man die Laune der Natur kalkulieren.

          Vorzeitig abgebrochene Formel-1-Rennen:

          30. Mai 1950: GP von Indianapolis (500 Meilen) nach 345 Meilen wegen Regens - Sieger: John Parsons (Vereinigte Staaten) Wynn's Kurtis

          19. September 1971: GP Kanada nach 64 von 80 Runden wegen Regens - Sieger Jacky Stewart (Schottland) Tyrrell-Ford

          27. Januar 1974: GP Brasilien in der 32. von 40 Runden wegen Regens - Sieger:Emerson Fittipaldi (Brasilien) McLaren-Ford

          27. April 1975: GP Spanien nach 29 von 75 Runden wegen des Unfalls von Rolf Stommelen, bei dem fünf Zuschauer starben - Sieger: Jochen Mass (Bad Dürkheim) McLaren-Ford

          19. Juli 1975: GP England in der 56. von 67 Runden wegen Regens - Sieger: Emerson Fittipaldi (Brasilien) McLaren-Ford

          17. August 1975: GP Österreich in der 29. von 54 Runden wegen Regens - Sieger: Vittorio Brambilla (Italien) March-Ford

          29. März 1981: GP Brasilien nach zwei Stunden (Zeitlimit) in der 62. von 63 Runden wegen Regens - Sieger: Carlos Reutemann (Argentinien) Williams-Ford

          27. September 1981: GP Kanada nach zwei Stunden (Zeitlimit) in der 63. von 70 Runden wegen Regens - Sieger: Jacques Lafitte (Frankreich) - Ligier-Matra

          6. Juni 1982: GP der USA-Ost nach zwei Stunden (Zeitlimit) in der 62. von 70 Runden, nachdem das Rennen zuvor wegen eines Unfalls nach 6 Runden unterbrochen worden war - Sieger: John Watson (Großbritannien) McLaren-Ford

          3. Juni 1984: GP Monaco in der 31. von 77 Runden wegen Regens - Sieger: Alain Prost (Frankreich) - McLaren-TAG

          21. April 1985: GP Portugal nach zwei Stunden (Zeitlimit) in der 67. von 69 Runden wegen Regens - Sieger: Ayrton Senna (Brasilien) Lotus- Renault

          21. Juli 1985: GP England nach 65 von 66 Runden wegen eines Fehlers des Zuständigen an der Start-Ziel-Linie - Sieger: Nelson Piquet (Brasilien) Brabham-BMW

          10. August 1986: GP Ungarn nach zwei Stunden (Zeitlimit) in der 76. von 77 Runden - Sieger: Nelson Piquet (Brasilien) Williams-Honda

          4. Juni 1989: GP USA nach zwei Stunden (Zeitlimit) in der 75. von 81 Runden - Sieger: Alain Prost (Frankreich) McLaren-Honda

          5. November 1989: GP Australien nach zwei Stunden (Zeitlimit) in der 70. von 81 Runden, nachdem es zuvor wegen eines Unfalls nach zwei Runden zu einem Neustart kommen war - Sieger: Thierry Boutsen (Belgien) Williams-Renault

          23. September 1990: GP Portugal nach 61 von 71 Runden wegen eines Unfalls - Sieger: Nigel Mansell (Großbritannien) Ferrari

          10. März 1991: GP der Vereinigten Staaten nach zwei Stunden (Zeitlimit) in der 81. von 82 Runden - Sieger: Ayrton Senna (Brasilien) McLaren-Honda

          3. November 1991: GP Australien nach 14 von 81 Runden wegen Regens - Sieger: Ayrton Senna (Brasilien) McLaren-Honda

          5. Juli 1992: GP Frankreich nach 18 von 72 Runden wegen Regens - Sieger: Nigel Mansell (Großbritannien) Williams-Renault

          11. Juni 1995: GP Kanada nach 68 von 69 Runden gewertet, weil Zuschauer auf die Strecke gestürmt waren - Sieger: Jean Alesi (Frankreich) Ferrari

          19. Mai 1996: GP Monaco nach zwei Stunden (Zeitlimit) nach 75 von 78 Runden - Sieger: Olivier Panis (Frankreich) Ligier-Mugen

          11. Mai 1997: GP Monaco nach zwei Stunden (Zeitlimit) in der 62. von 78 Runden wegen Regens - Sieger: Michael Schumacher (Kerpen) Ferrari

          15. Juni 1997: GP Kanada nach 54 von 69 Runden wegen eines Unfalls - Sieger: Michael Schumacher (Kerpen) Ferrari

          6. April 2003: GP Brasilien nach 56 von 71 Runden wegen eines Unfalls - Sieger: Giancarlo Fisichella (Italien) Jordan-Ford

          25. Mai 2008: GP Monaco nach zwei Stunden (Zeitlimit) nach 76 von 78 Runden - Sieger: Lewis Hamilton (Großbritannien) McLaren-Mercedes

          5. April 2009: GP Malaysia nach 31 von 56 Runden wegen Regens - Sieger: Jenson Button (Großbritannien) Brawn-Mercedes

          Anmerkungen: Rennen, die nach einem Abbruch wieder gestartet und zu Ende gefahren wurden, sind in dieser Statistik nicht aufgeführt. Sind bei einem Abbruch mindestens 50 Prozent der Renndistanz absolviert, gibt es die halbe Punktzahl; bei über 75 Prozent erhalten die Fahrer die volle Punktzahl.

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