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Formel 1 in Malaysia : Ein Rennen am Limit

Freund der Extreme: Formel-1-Pilot und Hobby-Triathlet Jenson Button (2. v.l.) beim Joggen auf dem Kurs von Malaysia Bild: REUTERS

Die Bedingungen beim Großen Preis von Malaysia treiben Mensch und Maschine in den Grenzbereich. Die tropische Hitze lässt die Fahrer leiden. Auch die Reifen machen Probleme beim härtesten Grand Prix des Jahres.

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          Die Trinkflasche ist immer dabei. Sebastian Vettel trägt sie in der rechten Hand von Termin zu Termin. Rund sechs Liter Wasser und Elektrolytgetränke schüttet der Weltmeister derzeit pro Tag in sich hinein. „Die Hitze ist sehr anstrengend“, sagt er. 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, mehr als 35 Grad Celsius im Schatten, aber da ist kein Schatten auf dem Sepang International Circuit.

          Michael Wittershagen
          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist eine schwüle Hitze, die Mensch und Maschine in den Grenzbereich treibt. Neben den Rennen in Singapur und Monte Carlo ist der Große Preis von Malaysia an diesem Sonntag (Start: 9 Uhr MEZ / Live im Formel-1-Ticker bei FAZ.NET) der härteste Grand Prix des Jahres in der Formel 1. 56 Runden, 310 Kilometer, 784 Kurven - bis zu vier Liter Flüssigkeit verlieren die Piloten während der Hatz in den Tropen. Und wenn sie dabei innerlich zu sehr austrocknen, dann verlieren sie auch die Konzentration.

          Vettel trägt kurze Hose und T-Shirt. Er ist schmal, aber die Muskeln und Sehnen zeichnen sich unter der Haut ab. Seit Monaten trainiert er, um die Anforderungen einer Saison bestehen zu können. Er arbeitet im Kraftraum, läuft, fährt Mountainbike, spielt Badminton, um seine Koordination zu schärfen. Fahren können sie schließlich alle auf diesem Niveau, den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage machen neben den Autos deshalb oft andere Parameter: die mentale Stärke, das Verhalten in Stresssituationen oder die Fehlerquote.

          Jeder dieser Faktoren ist mehr oder weniger abhängig von der körperlichen Fitness. Schon lange sind die Hauptdarsteller der Formel 1 austrainierte Sportler, die meisten von ihnen haben einen Körperfettanteil wie zum Beispiel Leichtathleten in den Lauf- und Sprungdisziplinen bei den Olympischen Spielen: etwa sieben Prozent.

          „Du brauchst jeden Muskel, das hilft mir enorm“

          Einer derjenigen, der Gefallen gefunden hat am Extrem, ist Jenson Button (McLaren). „Es geht schon lange nicht mehr um das Auto“, sagt der Dreiunddreißigjährige, „du musst dich selbst auf das höchste Niveau bringen, deine Reaktionen schärfen, an deinem Körper arbeiten. Dann kannst du die anderen besiegen.“ Zwei Wochen nach dem Saisonfinale der vergangenen Saison in Brasilien startete Button bei einem Marathon auf Hawaii; er wollte in weniger als drei Stunden ins Ziel kommen, und es gelang ihm.

          Button ist nebenberuflich begeisterter Triathlet, im vergangenen Jahr qualifizierte er sich sogar für die Weltmeisterschaft über die Halb-Ironman-Distanz (1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren, 21 Kilometer Laufen). „Ich finde es wichtig, außerhalb der Formel 1 ein Hobby zu haben“, sagt Button. „Triathlon ist perfekt. Du brauchst jeden Muskel, das hilft mir enorm. Erst war es nur Arbeit, ich wollte fit werden. Aber als ich besser wurde, wollte ich die anderen schlagen.“

          Jenson Button beim Großen Preis von Australien in Melbourne
          Jenson Button beim Großen Preis von Australien in Melbourne : Bild: dpa

          Was der Unterschied zur Formel 1 sei? „Ein Triathlon ist sehr vergleichbar mit einem Rennen: Wenn du im Ziel bist, spürst du ein massives Hoch, aber der Fall danach ist enorm. Nach einer halben Stunde willst du nur noch ins Bett gehen.“ Donnerstagnachmittag, kurz vor vier Uhr Ortszeit. Heftiger Regen prasselt nieder über der Strecke von Sepang, die Mechaniker verschwinden in den Garagen. Die Vorhersage für die kommenden Tage: „Isolated thunderstorms“ - örtliche Gewitter. Im vergangenen Jahr musste das Rennen deshalb für 51 Minuten unterbrochen werden, 2009 konnte es überhaupt nicht zu Ende gefahren werden. Abbruch nach 31 Runden.

          „Du musst hier immer auf alles gefasst sein“, sagt Vettel. Sonderlich beunruhigt klingt er nicht. Zumindest nicht wegen des Wetters. Am vergangenen Sonntag in Melbourne haben ihm allerdings die Reifen Probleme bereitet, er verlor in seinem RB9 schneller an Halt als die meisten anderen und wurde deshalb lediglich Dritter. Tagelang haben die Experten im Rennstall nun analysiert, was das Problem war: „Wir haben viel gelernt, und wir lernen immer weiter - aber es gibt immer noch Dinge, die wir nicht verstanden haben“, sagt Vettel. Weder bei den Testfahrten noch beim Auftakt in Australien konnten die Teams analysieren, wie die Gummis bei Bedingungen wie in Malaysia reagieren.

          Die Reifen sind nicht das einzige Problem

          Kaum ein anderer Kurs im Rennkalender geht so schonungslos mit den Reifen um wie jener in Malaysia. Der Streckenbelag ist rauh, es gibt viele Hochgeschwindigkeitskurven, die Verantwortlichen von Pirelli haben sich deshalb für die beiden härteren Mischungen entschieden. „Diese Strecke ist in jeder Hinsicht extrem“, sagt Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery, „dieses Wochenende ist auch für uns am härtesten.“ Schon wird gefürchtet, dass wieder die Gummifetzen fliegen und die Fahrer drei Mal oder öfter zum Boxenstopp abbiegen müssen.

          Die Reifen sind jedoch nicht das einzige Problem: Wegen der geringen Luftdichte verlieren die Rennwagen rund sieben Prozent an Abtrieb; wegen der schwülen Hitze rufen die Motoren im Vergleich zum Rennen in Melbourne rund sechs Prozent (etwa 40 PS) weniger Leistung ab; die Bremsscheiben können im Verlauf des Rennens mehr als 800 Grad Celsius heiß werden und müssen wie alle anderen Elemente am Auto besonders gekühlt werden.

          Jenson Button (rechts) beim Lauftraining in Sepang
          Jenson Button (rechts) beim Lauftraining in Sepang : Bild: REUTERS

          Ein Rennen am Limit. „Es gibt keine Erfolgsformel, mit der die Fahrer verhindern können, dass sie unter der Hitze leiden“, sagt Edoardo Bendinelli, der Physiotherapeut von Fernando Alonso (Ferrari). „Du kannst nur die Beschwerden ein wenig lindern“, sagt Bendinelli. „Es ist unglaublich anstrengend, ein Rennen in dieser furchtbaren Hitze durchzuhalten“, sagt Alonso.

          Vor dem Start taucht der Spanier die Füße in Eiswasser, Button geht mit einer Hightech-Kühlweste in die Startaufstellung und zieht diese erst kurz vor dem Start aus, Nico Hülkenberg (Sauber) legt sein Unterhemd ins Gefrierfach, ehe er es anzieht. Auf mehr als fünfzig Grad Celsius heizt sich das Cockpit auf, von hinten strahlt die Hitze des Motors, von unten der aufgewärmte Asphalt. Die Fahrer tragen feuerfeste Unterwäsche, einen dicken Rennanzug, sie können kaum atmen unter dem Helm und der Schutzhaube für den Kopf. „Du hast noch ein bisschen Fahrtwind, aber so richtig hilft der dir auch nicht“, sagt Vettel.

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