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Formel 1 in Frankreich : „Das muss ein genialer Grand Prix werden“

Die Fans freuen sich über die Rückkehr der Formel 1 nach Frankreich. Bild: AP

Die Formel 1 zieht es zu Autokraten und in Diktaturen. Die französische Politik setzt nun einen Kontrapunkt. Der Rennzirkus ist zurück in Le Castellet. Es geht um viel. Und das merkt man vor dem Rennen.

          Die Sonne strahlt über dem Midi. Dreißig Grad Celsius morgens um zehn in Frankreichs Süden. Am Himmel donnert es. Die Kunstflieger der Patrouille de France üben am Donnerstag für den Sonntag (16.10 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei RTL), zeichnen mit ihren Alpha-Jets die Trikolore in den Himmel. Bleu. Blanc. Rouge. Am Boden jault es. Tatü. Tata. Eine Kolonne Gendarmen in ihren Renaults rückt an. Auf dem Circuit Paul-Ricard nahe dem Örtchen Le Castellet im Département Var, im Hinterland der Côte d’Azur, kreisen offene Busse. Kinder betrachten aus dem ersten Stock schulklassenweise die Formel-1-Strecke. Der Grand Prix de France ist zurück. „Aujourd’hui, c’est le premier jour d’été“, sagt die Nachrichtensprecherin im Radio. Es ist ihre wichtigste Meldung: Der erste Tag des Sommers. Und die Formel 1 ist zurück in Frankreich.

          Der Ungar Ferenc Szisz war 1906 der erste Mensch überhaupt, der einen Grand Prix auf einer Rundstrecke gewann, nach zwölf Stunden in seinem Renault auf dem Kurs von Le Mans. Der Zweite, der Italiener Felice Navarro hatte 32 Minuten Rückstand. Und mit der Ausnahme von 1955, dem Jahr der Unfallkatastrophe im 24-Stunden-Rennen von Le Mans mit mehr als 80 Toten, kreiste die Formel 1 seit 1950 immer in Frankreich: In Reims und Rouen, in Dijon, in Le Castellet und in Magny-Cours. Bis 2008. Dann ging dem französischen Motorsportverband das Geld aus.

          Die Politik hatte das Interesse verloren. Das hat sich geändert. Das politische Interesse ist zurück. Das Geld auch. Hinter dem Grand Prix steht Christian Estrosi, einst Motorradrennfahrer, heute maßgeblicher Politiker im Midi. Der langjährige konservative Bürgermeister von Nizza und Präsident des Regionalrats der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur steht nun dem öffentlichen Gremium aus Vertretern der Region, des Départements und der Stadt Toulon vor, die 14 Millionen Euro der Steuerzahler ins Rennen einbringen. Weitere 16 Millionen sollen erwirtschaftet werden. Estrosi rechnet mit je 65.000 Zuschauern am Tag, 90 Prozent der Karten seien schon weg. Der Mann ist ambitioniert. „Vielleicht können wir sogar mit einem kleinen Gewinn rechnen, eine, anderthalb Millionen“, sagte er der Zeitung „Nice-Matin“.

          Das waren Zeiten: Sieger Jackie Stewart (Mitte) bei der Ehrung in Le Castellet 1971.

          Und: Es geht ums Prestige. Das zeigen die Jagdbomber am Himmel, das sagt Estrosi. „Wir haben keinen Raum für Fehler. Das Bild Frankreichs steht auf dem Spiel, das Vertrauen darauf, große internationale Veranstaltungen organisieren zu können. Der Grand Prix von Castellet muss ein genialer Grand Prix werden.“ Die Formel 1 zieht es zu Autokraten und in Diktaturen, Formel-1-Marketingchef Sean Bratches sinnierte im Frühjahr über Vorzüge eines Rennens in Vietnam. Die französische Politik setzt einen Kontrapunkt, engagiert sich in diesem Geschäft weit stärker, als es die deutschen Nachbarn tun. Das Geschäft in Le Castellet läuft dabei an einem alten Bekannten nicht vorbei: Die Anlage – Rennstrecke, Privatflugplatz, Luxusresort – gehört dem Familientrust des einstigen Formel-1-Rechteinhabers Bernie Ecclestone. Als das Projekt in Angriff genommen wurde, hatte Bernie E. noch das Sagen in der Formel 1. Im Fahrerlager machen Anekdoten die Runde, wie weit die Hubschrauberflüge zu anderen Herbergen sein dürfen, um bei den Übernachtungskosten am Grand-Prix-Wochenende gleichwohl günstiger wegzukommen als bei Familie Ecclestone.

          Der wahre Patron von Le Castellet allerdings ist weder Ecclestone noch Estrosi: Paul Ricard, 1907 geborener Spirituosenhersteller aus dem längst eingemeindeten Dörfchen Sainte-Marthe in den Hügeln hinter Marseille, hatte den Kurs einst bauen lassen. Er, der die Legende erzählte, als Jugendlicher habe er von einem Schäfer zum ersten Mal „Tigermilch“, also Pastis, zu kosten bekommen, ist der Großvater des französischen Sportmarketings. Die Schriftzüge für seine Pastis-Abfüllungen waren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr wegzudenken aus dem Sport im „L’Hexagone“.

          Rückkehr nach Le Castellet: Hier fährt die Formel 1 ab sofort wieder.

          Als er 1997 starb, hieß es in einem Nachruf, die Ricard-Werbung habe zu den fünf Ecken Frankreichs gehört wie der Citroën 2CV. Seine stolzeste Tat sei es gewesen, Kännchen mit dem Ricard-Schriftzug in der Wallfahrtsgrotte von Lourdes zu plazieren. Zwischen 1971 und 1990 kreiste die Formel 1 14 Mal auf seinem Circuit, allein fünf Rennen gewann Alain Prost, der einzige Franzose, der je Formel-1-Weltmeister wurde. Und am 25. Juli 1982 siegte René Arnoux im Renault vor Prost, Renault, Didier Pironi und Patrick Tambay, jeweils in einem Ferrari – so französisch war die Formel 1 nie wieder. Eine Wiederholung ist 2018 ausgeschlossen. Es kreisen drei Piloten mit französischer Rennlizenz: Pierre Gasly bei Toro Rosso, Romain Grosjean bei Haas und Esteban Ocon bei Force India. Ocon gilt als kommender Mann, wird von Mercedes protegiert.

          Und Renault? Arbeitet weiter daran, aufzuschließen. Ab kommender Saison sind die Franzosen Red Bull als Kunden für ihren Motor los. Angesichts der nicht eben reibungslosen Beziehung hält sich die Trauer bei Renault Sport in Grenzen. Auf der Strecke vertrauen die Franzosen einstweilen einem Deutschen: Nico Hülkenberg ist Achter der Weltmeisterschaft nach dem ersten Drittel der Saison. Ist der Auftritt in Frankreich im Renault etwas Besonderes? „Das ist hier eins von 21 Rennen“, sagt er am Donnerstagmittag. „Das ist doch immer das Tückische: Wenn man es extra gut machen will, geht es extra in die Hose.“ Auf Hülkenberg warten da schon acht Männer. Die Piloten der Patrouille de France wollen sein Autogramm.

          Formel 1

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