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Formel-1-Chaos in Italien : „Die wollen uns killen, oder was?“

Massencrash in der Formel 1: Das Rennen in Mugello wurde mehrmals unterbrochen. Bild: AFP

Auffahrunfälle, Reifenschäden, drei Starts und nur zwölf Autos im Ziel: Im Chaos von Mugello gewinnt Hamilton den dramatischen Grand Prix der Toskana vor Bottas. Im 1000. Formel-1-Rennen von Ferrari spielen Leclerc und Vettel keine Rolle.

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          Wer gewinnt Formel-1-Rennen? Das Team und der Fahrer mit den stärksten Nerven und den wenigsten Fehlern. Kein Wunder, dass am Sonntagnachmittag am Ende des Großen Preises der Toskana wieder Lewis Hamilton die Faust des Siegers ballte, während sein Teamkollege bei Mercedes, Valtteri Bottas, nach dem Chaos auf der Piste von Mugello, obwohl Zweiter vor Alexander Albon im Red Bull, die Arme sinken ließ. Hamiltons 90. Grand-Prix-Sieg ernüchterte allenfalls den Finnen. Dem Engländer fehlt noch ein Erfolg, um den Rekord von Michael Schumacher einzustellen. „Das fühlt sich nicht real an. Ich hätte nie gedacht, dass es dazu kommen würde(...) Es steckt viel harte Arbeit dahinter. Heute fühlte es sich an wie drei Rennen an einem Tag.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Endlich schien Red Bull wieder in Schlagdistanz, Max Verstappen kam mit seinem Teamkollegen Albon in der zweiten Startreihe den Silberpfeilen so nahe wie lange nicht mehr. Aber kaum verloschen die Rotlichter, kaum hatte Verstappen den verschlafenen Start von Hamilton für eine Attacke genutzt, da schrie er ins Bordmikrophon: „No power, no power.“ Alle Kraft verloren. Rechts und links schossen die Hinterbänkler am Niederländer vorbei. Die plötzliche Dichte im Mittelfeld löste nach wenigen Kurven eine Karambolage aus: Der Hass von Romain Grosjean auf Abwegen, Pierre Gasly, der Überraschungssieger von Monza mit dem Alpha Tauri im Kies versenkt, nicht weit von ihm Verstappen gestrandet. Und Vettels Ferrari getroffen am Frontflügel, weil der Deutsche einem kreiselnden McLaren nicht ausweichen konnte.

          Der nötige Boxenstopp warf ihn auf den letzten Rang zurück. Aber kaum verließ das Safety-Car die Piste, sah Vettel von ganz hinten, wie sich einige Formel-1-Boliden im Handumdrehen in Einzelteile auflösen. Weil Bottas als Führender nach seinem Blitzstart vorbei an Hamilton so spät wie möglich auf der Zielgeraden wieder voll aufs Gas stieg, um dem Weltmeister in seinem Nacken nicht unnötig lange Windschatten zu bieten, kam die Spitze nicht in die Gänge. Hinten aber beschleunigten die Piloten, weil sie dachten, das Rennen sei wieder freigeben, auf 270, 280. Die gewaltige Verzögerung im Mittelfeld überraschte Antonio Giovinazzi, er prallte chancenlos mit seinem Alfa Romeo in den Williams von Nicholas Latifi. Carlos Sainz (McLaren) schoss ins Heck des Alfa.

          Da flogen die Fetzen. „Ich war auf Vollgas“, sagte Giovinazzi, „wie die anderen auch, wir hatten keine Chance, auszuweichen. Sehr gefährlich.“ Als sich der Staub legte, passierte Vettel vier Wracks. Alle Piloten entkamen dem Crash mit einem Schrecken oder Prellungen. Mancher ließ seiner Wut freien Lauf: „Die wollen uns killen oder was?“, rief Grosjean der Rennleitung zu. „Es ist kein schönes Gefühl, wenn man mit 280 plötzlich auf stehende Autos zurast“, fügte Sainz hinzu. Für Vettel änderte sich nicht viel. Beim Neustart aus dem Stand fuhr er als 13. los, als Letzter.

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          Vor einem Jahr noch wäre der viermalige Weltmeister in einem Ferrari selbst vom letzten Rang aus eine Gefahr gewesen für die Erstbesten. Tempi passati zum 1000. Grand Prix von Ferrari. Das ließ sich an der Spitze ablesen, weil sich hinter den Silberpfeilen Charles Leclerc im zweiten Ferrari clever durch die Crashphasen auf Rang drei gearbeitet hatte. Ein kleines Glück für Mercedes. Denn der Monegasse hielt den beiden den Rücken frei als rasende Bremse vor Lance Stroll im Racing Point, Vettels zukünftiges Team.

          Nach den spektakulären ersten zehn Runden ordnete sich das Feld wieder nach dem alten Muster. Hamilton kam viel besser in Schwung beim zweiten Start als Bottas. Auf der Außenbahn zog er in der ersten Kurve am Finnen vorbei. Ein beruhigendes Bild für die Teamführung. Bottas ließ dem Champion Platz, anstatt sich hinaustragen zu lassen, Hamilton den Spielraum zu nehmen, wie es unter Fahrern unterschiedlicher Rennställe üblich ist.

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          Braver Bottas. Er hat sich angenähert in dieser Saison, ist häufig auf Tuchfühlung, fährt im Training die schnellsten Runden, führt im Qualifying. Und dann kommt Hamilton im letzten Moment doch noch vorbei. Und sei es nur mit einem Vorsprung von 0,059 Sekunden wie am Samstag: 95. Pole-Position für den Engländer. Er nutzt fast jede Chance, eine Schwäche, einen Fehler auszugleichen. Das ist die Extraklasse im Vergleich mit einem starken Teamkollegen.

          Peu á peu arbeitete er sich ein Vorsprung von mehreren Sekunden heraus, konnte sich sogar einen „Undercut“-Versuch von Bottas locker leisten. Der hatte eigentlich gefordert, in jedem Fall andere Reifen haben zu wollen als der Champion, kam aber aus Sicherheitsgründen wegen vibrierender Pneus zuerst an die Box. Nachfolger Hamilton fuhr mit demselben Reifentyp zurück in die Führungsposition. Alles beim Alten.

          Bei Ferrari ließ sich immerhin eine Annäherung erkennen zu Gunsten von Vettel. Im Qualifying schwer geschlagen von Leclerc, gab der Hesse zu, in zwei Biegungen des Kurses nicht die Kurve wie ein Weltmeister zu bekommen. Aber selbst mit einer besseren Linie und mehr Vertrauen wäre er im SF1000 nicht weit gekommen. Sein Teamkollege aus Monaco wurde durchgereicht. „Was ist mit Plan C?“, fragte Leclerc, „wir haben nichts zu verlieren, wir sind zu langsam.“

          Boxenstopp, harte Reifen. Aber auch das nutzte nicht viel. Weil Stroll auf Position drei mit seinem Racing Point wegen eines technischen Defektes mit Tempo 280 von der Strecke abkam und in die Reifenstapel schleuderte, rückten beide Ferrari nach dem dritten stehenden Start in die Punkteränge: Leclerc wurde mit Glück noch Achter, 1,3 Sekunden vor Vettel auf Rang zehn, nichts, was dem Deutschen Auftrieb verleiht, eher zu Träumen animiert. Etwa von Michael Schumachers Siegerauto von 2004. Sohn Mick fuhr vier Demonstrationsrunden in Mugello, trieb das Weltmeistermodell „ans Limit“ . Vettel wirkte begeistert: „Mit dem würde ich gerne heute fahren“, hatte er vor dem Start gesagt. Aber es reichte nicht mal für seine Oldtimer-Sammlung: „Leider zu teuer.“

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