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Formel 1 in Großbritannien : „Wir machen doch alles selbst“

  • -Aktualisiert am

Rekordsieger beim britischen Grand Prix: Jim Clark Bild: Associated Press

Erstes Rennen, Machtspiele, Geschichten, Skandale und noch viel mehr: Die Formel 1 ist Sache der Briten. Zum Rennen an diesem Wochenende in Silverstone kommt die Königsklasse des Motorsports damit zu sich selbst zurück.

          Dritter Versuch 2010: Alle vier Jahre hofft der britische Sportfan auf einen wunderbaren Sommer. Auf den WM-Titel der eigenen Elf im Fußball, auf einen Wimbledonsieger aus der Heimat und auf einen Triumph beim Großen Preis von England. An einen Hattrick wagen sie schon nicht mehr zu denken, 74 Jahre nach dem letzten Sieg eines Landsmannes (Fred Perry) auf dem heiligen Rasen, 44 Jahre nach dem Triumph in Wembley. Nur in der Formel 1 läuft es immer mal wieder rund. Die Briten wissen auch, warum. „That’s ours“, heißt es vor dem Großen Preis von England an diesem Sonntag, sechzig Jahre nach dem ersten aller Formel-1-Rennen am 13. Mai 1950 in Silverstone: „Das ist unsere Sache.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Ist sie es wirklich? Silverstone, am 8. Juli: Die Formel 1 ist wieder da. Obwohl sie längst woanders fahren wollte, in Donington. Aber die Traditionalisten setzten sich durch. Dabei hat sich so viel geändert seit Giuseppe Farina den ersten Grand Prix am riesigen Holzlenkrad eines Alfa gewann. In Silverstone änderte sich abgesehen vom jüngsten Streckenumbau wenig. Wald und Wiesen säumen das Areal. Platz haben sie in Mittelengland immer schon gehabt.

          Aber die winzigen Sträßchen auf den Postkarten der fünfziger Jahre säumen heute noch das Herz des britischen Motorsports. Viel zu kleine Adern für den großen Renn-Verkehr. Jahr für Jahr weitet der Rennzirkus seine Weltreise aus, verschafft sich Platz am Hafen von Valencia, zieht in Metropolen wie Singapur, kommt zu den Menschen. In England aber müssen die Zuschauer zuhause bleiben, wenn es ein paar Tage regnet. Weil ihre Autos sonst im Morast der Parkplätze versinken – wie 2000. „Es ist wie früher“, sagt Bernie Ecclestone. Man weiß nicht, ob sich der Chefmanager freut oder ob er spottet. Aber er hat Recht. Wer nach Silverstone fährt, kommt zum Ursprung zurück.

          Britisches Konstrukteursgenie: Colin Chapman (r., mit Jim Clark)

          In diesem Jahr sind die Briten stolz, Tradition und Moderne verbinden zu können. Denn mit dem Tross kreisen Lewis Hamilton und Jenson Button samt ihren McLaren-Mercedes in der Heimat. Sie bilden die Doppelspitze in Fahrer- und Konstrukteurswertung. „Das ist unsere Meisterschaft“, hat der Landlord des kleinen Pubs „The Queen's Head“ in Chackmore, ein paar Meilen von Silverstone gelegen, jahrelang behauptet: „Wir machen doch alles selbst.“ Weltmeister von Mike Hawthorn (1958) über Clark, Stewart bis hin zu Button (2009), begehrte wie gefürchtete Autos, Tragödien und natürlich auch Skandale. Nur ein Topteam denkt und baut nicht auf der Insel: Ferrari. Doch bei den Ausländern sitzen Engländer auf Schlüsselpositionen. Auch der Sprecher der Konstrukteurs-Vereinigung Fota ist Brite, wie der Besitzer der Vermarktungsrechte, der Chef der Rennleitung, der Boss der Technischen Kommission. Ganz zu schweigen vom großen, alten Steuermann. Bernie Ecclestone wird im Oktober 80.

          Colin Chapman gilt als Vater des englischen Höhenfluges

          Er war schon vor 60 Jahren dabei. Als Pilot in einer kleinen Klasse. Und merkte zu seinem Glück, dass er besser andere fahren lassen sollte. Ecclestone brauchte 25 Jahre, bis er begann, am großen Rad zu drehen. Seine Landsleute wollten schon viel früher zum Zug kommen. Angeblich spürten Agenten Ihrer Majestät im zerstörten Deutschland Silberpfeile auf und vermaßen sie. Aber erst Ende der sechziger Jahre setzte sich die Idee von den fliegenden Kisten auf Rädern durch. Bis heute wird die Leistungsfähigkeit der Boliden maßgeblich von der Kunst bestimmt, den Autos zu verleihen, was Flugzeuge nicht wollen: Bodenhaftung mit Hilfe einer effizienten Aerodynamik. Der letzte Schrei: ein „Windkanal“ im Auto, der den McLaren auf der Geraden flott macht. Als Vater des englischen Höhenfluges gilt der Lotus-Besitzer Colin Chapman. Der Preis dafür war hoch. „Wenn ich von meinem Hinterrad überholt werde“, sagte Weltmeister Graham Hill nur halb im Scherz, „weiß ich, dass ich in einem Lotus sitze.“ Die Sorge von Jochen Rindt war begründet. 1970 verunglückte er tödlich, nachdem eine Bremswelle im Lotus gebrochen war.

          34 Piloten sind bislang bei Rennen, Training und Testfahrten ums Leben gekommen, zuletzt Ayrton Senna 1994. Die Lehre daraus zog – ein Brite. Ohne die penetrante Sicherheitskampagnen von Max Mosley, bis zum vergangenen Herbst Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia), hätte Mark Webber seinen Salto mortale im Red Bull vor zwei Wochen in Valencia kaum unverletzt „gestanden“.

          Sebastian Vettel will die Party sprengen

          Mit Mosleys Namen sind auch die berühmtesten Geschichten und Skandale verbunden: die Verurteilung von McLaren-Mercedes zu 100 Millionen Dollar durch den Fia-Weltrat, weil Nigel Stepney Mike Coughlan 750 Seiten des neuesten Ferrari-Modells zuspielte. Beide übrigens Engländer. Mosley wirkte auch an der Aufdeckung des manipulierten Renault-Unfalls in Singapur 2008 mit, an dem Landsmann Pat Symonds seinen Anteil hatte. Und als Hauptdarsteller trat der Fia-Chef im illegal gefilmten, weltweit veröffentlichter Schlagabtausch eines sado-masochistischen Nachmittagsprogramms auf.

          Ob gefrorenes Benzin im Tank, Felgen mit Übergewicht, die kurz vor Rennende beim Boxenstopp montiert wurden, um das Mindestgewicht zu erreichen; Englands Motorsportprotagonisten steigerten Jahr für Jahr das Unterhaltungsprogramm. Und die Konkurrenz vom Kontinent? Spielverderber. Wie der Rekordmann, Schumacher, dessen Siegesserien Briten die Lust nahm, wenigstens mit Humor über die Runden zu kommen. Vorbei. Vielleicht. Die Gefahr kommt aus einer anderen Ecke. Sebastian Vettel will die Party des Gastgebers am Sonntag sprengen. Und wenn schon. Der gemeine Brite würde mit einer rhetorischen Frage antworten: „Und wer steckt hinter dem genialen Red Bull, ohne den euer Vettel nie so weit gekommen wäre?“ Adrian Newey. Natürlich, ein Engländer.

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