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Formel 1 in Barcelona : Vettel siegt im Nervenspiel

Absprung: Vettel im Ziel Bild: AFP

Sebastian Vettel gerät in Barcelona mächtig unter Druck von Lewis Hamilton, doch er hält den Briten in Schach. Jenson Button wird Dritter, Vettels Red-Bull-Teamkollege Webber nur Vierter. Schumacher wird Sechster, Rosberg Siebter, Heidfeld Achter.

          3 Min.

          So hart musste Sebastian Vettel noch für keinen seiner vier Saisonsiege arbeiten. Sechs Zehntelsekunden, ein Wimpernschlag - so gering war sein Vorsprung im Ziel nach 307 Kilometern auf dem Circuit de Catalunya auf Lewis Hamilton (McLaren). Und umso größer war seine Erleichterung, als sich der Weltmeister aus dem Auto wuchtete, das Visier nach oben schob, den Jubel seines Teams empfing und dabei wie ein kleiner Herrscher die Arme ausbreitete. Als wollte er sagen: Schaut her, wir haben es schon wieder geschafft!

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Abermals erklang die Nationalhymne während der Siegerehrung, noch einmal blieb den anderen nur die Zuschauerrolle. 118 Punkte hat Vettel im Gesamtklassement gesammelt, Hamilton folgt ihm mit 77. Auf der Strecke aber kommen sie sich wieder näher. „Das war verrückt, das war so verrückt“, sagte Vettel, als ihm der Engländer gratulierte. Der Deutsche spürt, dass der Atem bei beiden McLaren heißer wird. Denn auch Jenson Button schob sich mit einer cleveren Strategie noch auf das Podium, er stoppte nur drei Mal, während alle anderen an der Spitze vier Mal hielten.

          Der Grand Prix besaß etwas von einem Schachspiel auf Rädern. Denn der Kurs in Barcelona ist ein besonderer. Schon immer wurde dort kaum überholt, und daran änderte nun weder das Energie-Rückgewinnungssystem Kers noch der verstellbare Heckflügel etwas. Umso bedeutender war der Start. Außen zog Vettel sofort an seinem Teamkollegen Mark Webber vorbei, dem Ansturm von Fernando Alonso (Ferrari) auf der Innenbahn aber konnte er nicht widerstehen. Der Spanier schoss zunächst von Platz vier auf eins nach vorne, die Zuschauer erhoben sich auf den Tribünen, sie jubelten und kreischten bei jeder Runde.

          Absprung: Vettel im Ziel Bilderstrecke

          „Maximaler Stress“

          Im Parallelflug kreisten Alonso und Vettel die nächsten Minuten um den Kurs, nicht einmal eine halbe Sekunde trennte beide. Für einen Angriff des Weltmeisters aber reichte es nicht. Also holten die Strategen ihn jeweils als zuerst an die Box. In der 19. Runde hatte Vettel dann freie Fahrt, fuhr sofort eineinhalb Sekunden schneller als die anderen und sicherte sich so die Führung. Einzig Hamilton konnte ihm noch folgen. Nur etwas mehr als eine Sekunde betrug der Rückstand des Engländers nach 41 Runden. Eine Überraschung, schließlich hatte Red Bull das gesamte Wochenende dominiert und die Gegner im Qualifikationstraining um beinahe eine Sekunde distanziert. „

          Alle haben gedacht, dass es ein Rennen zwischen mir und Mark wird“, sagte Vettel. „Eine Red-Bull-Show. Aber so schnell können sich die Dinge ändern.“ Auch, weil Kers bei seinem Red Bull wieder einmal streikte. „Zehn Runden vor Schluss habe ich die Nachricht bekommen, dass ich es nicht mehr benutzen soll. Das war natürlich nicht gerade die Nachricht, auf die ich gewartet habe.“ Es war so etwas wie das Signal für die Angriffe von Hamilton. Bei jeder Gelegenheit nutzte der Engländer den Boost-Knopf und den verstellbaren Heckflügel, immer wieder zog er aus dem Windschatten und demonstrierte Stärke. Die Nervosität am Kommandostand von Red Bull wuchs. Teamchef Christian Horner wippte immer schneller mit seinen Füßen - und lobte am Ende seinen Chefpiloten: „Sebastian hat das Spaß gemacht“, saget er. „Uns weniger, es war maximaler Stress für uns.“

          Aufgedreht wie selten zuvor zeigte sich Vettel nach dem Rennen. Er redete und redete und wollte jedem von seinen Eindrücken auf der Piste erzählen. Das zeigte vor allem eines. Wie besonders dieser Erfolg für ihn war. „Zehn Runden vor Ende haben meine Reifen nachgelassen. Ich habe nur gehofft, dass Lewis das gleiche passiert.“ Auf den Geraden war der McLaren schneller, in den Kurven zog Vettel jeweils ein Stück davon. Und so nutzte Hamilton die letzten Rennen vor allem zur Gegner-Analyse in der Nahaufnahme. „Dieser Red Bull hat einen unglaublichen Abtrieb. Das war beeindruckend zu sehen. Ich hatte nie eine richtige Möglichkeit zu überholen.“

          „Phantastisch, Jenson“

          So glücklich Vettel über dieses Kompliment war, so nachdenklich zeigte er sich schon eine halbe Stunde nach der Zieldurchfahrt. „Wir haben nicht erwartet, dass es so knapp war. Wir müssen jetzt mal schauen, woran das lag.“ Zumal Webber vor Alonso nur Vierter wurde. In Runde 36 musste der Australier Button passieren lassen, eine Umdrehung später konnte sich auch der Spanier nicht wehren. „Phantastisch, Jenson“, funkte das Team. „Brillant.“ Es waren die einzigen echten Manöver an der Spitze. Und sie waren nur deshalb möglich, weil Button auf der weichen Reifenmischung unterwegs war und die anderen beiden zu diesem Zeitpunkt auf harten Pneus. Mehr als zwei Sekunden betrug der Zeitunterschied an diesem Wochenende.

          Ein eigenes Rennen fuhren die beiden Mercedes-Piloten gegeneinander. Michael Schumacher zeigte wieder einmal die bessere Reaktion und verbesserte sich beim Start von Platz zehn auf sechs. Nico Rosberg blieb Siebter. Daran sollte sich bis zum Ende nichts ändern. Erstmals seit Rosbergs Ausfall in Melbourne blieb der Rekordweltmeister damit vor seinem jungen Herausforderer. Am eigentlichen Problem ändert das nichts. Der Mercedes ist noch immer zu langsam. Wie langsam, konnte in der 56. Runde zunächst Rosberg und wenige Augenblicke später Schumacher beobachten. Vettel und Hamilton schossen an ihnen vorbei und überrundeten sie. „Ich bin nicht begeistert“, sagte Schumacher. „Pace und Balance des Autos waren sehr dürftig.“

          Rosberg sah es ähnlich: „Es war alles ein bisschen schwierig heute. Die Strategie war nicht einfach, mein Heckflügel hat nicht funktioniert, der Funk nicht - und die Trinkflasche auch nicht.“ Zufriedener war Nick Heidfeld, der Achter wurde. Als 24. und Letzter hatte er das Rennen aufgenommen, weil sein Renault im dritten dreien Training Feuer gefangen hatte und die Mechaniker den Boliden bis zum Qualifikationstraining nicht mehr fahrbereit bekamen. Auch bei Vettel ging noch etwas schief. Kurz vor der Siegerehrung kollidierte er mit einem Kameramann, stieß sich seinen Kopf - und trug selbst dort ein Lächeln davon.

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