https://www.faz.net/-gtl-78kky

Formel 1 in Bahrein : Geschlossene Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Wer zur Freude des Regimes in der Wüste kreist, sollte nicht schweigen. Sonst macht er sich gemein Bild: REUTERS

Mit einem Blick hinaus aus ihrer Welt hätte die Formel-1-Gesellschaft erkennen können, dass die Demonstranten sich in Bahrein nur wünschen, was Westeuropäer für selbstverständlich halten: Grundrechte.

          2 Min.

          77 Prozent der Bahreinis, behauptet der Kronprinz des Königreichs, wünschen sich ein Formel-1-Rennen in ihrem Land. Das wären bei 1,2 Millionen Einwohnern rund 960.000. Am Sonntag sind etwa 15.000 Zuschauer zum Grand Prix gekommen. Nur die Haupttribüne war gefüllt. Ob darauf vor allem Bürger des Landes saßen, ist schwer zu sagen. In jedem Fall klafft eine Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Was an der Sicht des Kronprinzen liegen könnte. Er ist der Motor hinter der Veranstaltung. Er verkaufte das einzige, internationale Großereignis von Bahrein vor allem im Fahrerlager als Feiertag für sein Land. Die Sicherheitskontrollen, vergitterte Geländewagen der Aufpasser, die von bewaffneten Polizisten bewachte Autobahn, die Checkpoints erweckten dann doch den Eindruck, dass nicht jeder Bahreini frohlockte.

          Das hätten die geschlossene Formel-1-Gesellschaft mit einem Blick hinaus aus ihrer Welt, dem Fahrerlager, erkennen können. Zum Beispiel am Freitagnachmittag. Da spazierten nicht ein paar unzufriedene Miesmacher auf der Budaiya-Road im nördlichen Distrikt, sondern Frauen, Kinder, Alte und Männer. Sie protestierten friedlich, sie zeigten Bilder von zu Tode Gefolterten, sie forderten demokratische Verhältnisse, Gerechtigkeit, Bildung für alle, sie wünschten die Abdankung des Königs und manche auch den Abzug der Formel 1. Das waren nicht ein paar wenige, verbohrte religiöse Fanatiker, wie es unter Motorsportexperten kolportiert wurde, sondern, sehr vorsichtig geschätzt, Zehntausende Menschen, arme, reiche, Arbeiter wie Akademiker, die sich wünschen, was Westeuropäer für selbstverständlich halten: Grundrechte. Ihre Ablehnung richtete sich nicht gegen Piloten oder Rennställe.

          Mitspieler im Konflikt

          Kaum jemand kennt die Namen. Nein, die Protestbewegung in Bahrein betrachtet die Formel-1-Blase als willfähriges Instrument des Regimes, als reines Propaganda-Instrument. Weil sie fürchtet, die Königsfamilie beweise mit der ungestörten Übertragung des Grand Prix in alle Welt, wie problemlos das Leben in Bahrein ist, obwohl nicht nur Menschenrechtler und politische Führer aus fadenscheinigen Gründen für Jahre im Gefängnis hocken.

          Die Formel 1 ist mit ihrem fürstlich bezahlten Ausflug an den Golf wieder zum Mitspieler im Konflikt geworden. Von einer Neutralität kann keine Rede sein. Nachdem Chefmanager Bernie Ecclestone und Jean Todt, der Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes, allen Ernstes behauptet haben, ihr Sport könne zur Lösung der Bürgernöte beitragen, hat sie sich endgültig offiziell auf die Seite derer geschlagen, die mit oder sogar wegen der Menschenrechtsverletzungen königlich leben. Das sollte all den Schweigern im Fahrerlager zu denken geben. Sie können ihren Führern Ecclestone und Todt, wie sie es am Donnerstag noch formulierten, nicht vertrauen. Und sie dürfen sich auch nicht auf die angeblich so komplizierte Lage berufen, auf einen von der Regierung immer wieder ins Feld geführten Kampf der schiitischen Mehrheit im Land gegen die sunnitische Minderheit in den mächtigsten Positionen.

          Im Haus des inhaftierten Menschenrechtlers Nabeel Rajab sprachen am Samstag zwei sunnitische Parlamentsabgeordnete unter vielen Schiiten, die keinen Zweifel ließen, dass dieser Konflikt von den Hardlinern der Königsfamilie künstlich befeuert wird. Das Regime wolle eine Verständigung unter allen Umständen verhindern und setze auf Spaltung. Teile und herrsche: Diese Strategie sollte den Formel-1-Insidern bekannt sein. Ecclestone, ein bekennender Fan von Diktaturen, ist damit über Jahrzehnte im Rennen geblieben. Jedes seiner Opfer hat die Chance, den Zirkus zu verlassen und trotzdem gut zu leben. Die gepeinigten Bahreinis aber haben keine Wahl. Wer vor ihren Augen zur Freude des Regimes in der Wüste kreist, sollte nicht schweigen. Sonst macht er sich gemein.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Weitere Themen

          Ein Spiel für die Ewigkeit?

          Olympisches Softball-Finale : Ein Spiel für die Ewigkeit?

          Es ist ein außergewöhnlicher Sportmoment: Japan gewinnt das olympische Finale im Softball. Doch der große Sieg könnte auch der letzte gewesen sein, da Softball wieder aus dem Programm gestrichen wird.

          Topmeldungen

          Der schottische Staatsphilosoph David Hume (1711 bis 1776) war einer der ersten, der sich zur Staatsverschuldung geäußert hat.

          Staatsverschuldung : Zerstörerischer Staatskredit

          Das Für und Wider von Staatsverschuldung ist ein wichtiges Thema unter bekannten Philosophen wie David Hume und Ökonomen wie Lorenz von Stein. Heutzutage geraten aber vor allem die Einwände in Vergessenheit.
          Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalnyj im Februar während eines Prozesses in einem Gerichtssaal in Moskau

          Russland sperrt Online-Kanäle : Kein Publikum für Putins Gegner

          Die Schikanen gegen Alexej Nawalnyj und seine Organisationen gehen weiter. Nach der Sperrung Dutzender Internetseiten will die Medienaufsicht nun gegen Youtube-Kanäle vorgehen. Doch der russische Oppositionsführer hat einen Plan.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.