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Formel 1 in Bahrein : Crash in der Wüste

Nahe Manama qualmten am Wochenende nicht nur die Reifen, sondern auch das Tränengas der Polizei Bild: dpa

Politiker, Menschenrechtsorganisationen und Medien haben den Auftritt der Formel 1 in Bahrein schwer kritisiert. Aber Fia-Präsident Todt ist zufrieden: Er sieht keinen Schaden. Auch im kommenden Jahr soll die Rennserie den Formel 1-Tross wieder in den Persischen Golf führen.

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          Einen Tag vor einem der umstrittensten Grand Prix in der Geschichte der Formel 1 spaziert Jean Todt durch das Fahrerlager des Bahrein International Circuit - aufrechter Gang, ein Lächeln im Gesicht. Der Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia) soll Antworten liefern, doch zunächst möchte er gar nichts sagen. Todt spricht an diesem Wochenende nur mit ausgewählten Journalisten, viele andere haben seiner Meinung nach zu kritisch berichtet. „Wir sind eine Sportorganisation, wir interessieren uns nur für den Sport“, behauptet der Sechsundsechzigjährige.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Politik aber interessiert sich für den Sport. Die Veranstalter in Bahrein haben den diesjährigen Grand Prix unter das Motto gesetzt: „UniF1ed - one nation in celebration“. (Vereinigt - eine Nation feiert.) „Es wäre ein Fehler gewesen“, fügt Todt hinzu, „nicht hierher zukommen.“ Keiner von den Teamchefs hat ihm öffentlich widersprochen.

          Am Tag des Rennens, das Sebastian Vettel gewann sind noch mehr Polizisten auf den Straßen zu sehen als zuvor, sie halten Maschinenpistolen in den Händen, stehen vor gepanzerten Fahrzeugen und errichten Sicherheitskontrollen. Protestierer versperren für zehn Minuten die Autobahn. Den Ablauf des Grand Prix stören sie nicht.

          Bewacht: Schwer bewaffnete Polizisten hielten die Protestanten von der Rennstrecke fern

          Nur die Haupttribüne ist besetzt. Wer in das Fahrerlager will, muss seine Taschen öffnen und einen Metalldetektor passieren. Der Große Preis von Bahrein soll mit allen Mitteln durchgesetzt werden. Trotz der zumeist friedlichen Proteste in der Hauptstadt, der Unruhen in den Dörfern, weiteren angeblich 80 Verhaftungen, der Verletzten und Toten. Erst am Samstag ist eine weitere Leiche gefunden worden.

          Opfer klagen an

          „Ich hoffe, dass diese Fahrer, die nicht über die Geschehnisse sprechen wollen, eines Tages ihre Meinung ändern. Wenn nicht, werden ihre Kinder sie vielleicht fragen, warum sie in einem Land ein Rennen gefahren sind, in dem die Herrschenden so viele Leute verhaften und foltern“, sagte Zainab Al-Khawaja der britischen Zeitung „Independent“. Ihr Vater Abdulhadi Al-Khawaja befindet sich seit mehr als siebzig Tagen im Hungerstreik, er war nach den blutigen Unruhen im Vorjahr verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

          Sehenden Auges ist die Formel 1 mitten hinein gerast in diesen Konflikt, aber erst vor Ort wird dem Tross bewusst, was das bedeutet. Das Team von Force India verzichtete am Freitag auf das zweite Training und verließ vorzeitig die Strecke. Zu groß ist die Angst, dass im Dunkeln wieder ein Molotowcocktail neben einem der Mechaniker-Busse explodieren könnte. So, wie es am Mittwochabend passiert ist. Am Qualifying und am Grand Prix nahm der Rennstall teil, doch die beiden Autos wurden am Samstag im Fernsehen nicht gezeigt. Eine späte Strafe? „Nein“, behauptete Chefvermarkter Bernie Ecclestone. Der Brite verwies darauf, dass das Logo für eine Whiskey-Marke sich nicht mit dem Verbot von Alkoholwerbung in Bahrein vereinbaren lassen. Am Sonntag fuhr Force India damit flott durchs Bild.

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