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Formel 1 in Austin : Hamilton macht die WM nur etwas spannender

  • Aktualisiert am

Das Ergebnis in Austin: Hamilton gewinnt, Rosberg applaudiert, Ricciardo lacht. Bild: Reuters

Vierter Sieg im fünften Rennen: Wieder gewinnt Hamilton den Großen Preis der Vereinigten Staaten. Aber drei Rennen vor Ende der Formel-1-WM ist der Triumph nicht ganz so süß.

          Vierter Erfolg im fünften Versuch: Mehr konnte Lewis Hamilton am Sonntag nicht leisten. Schon wieder hat er den Großen Preis der Vereinigten Staaten gewonnen. Die makellose Serie in Austin bewegte ihn zu einem großen Lächeln und Optimismus: „Es geht noch was“, sagte der Brite. Aber drei Rennen vor Ende der Formel-1-Weltmeisterschaft ist der Triumph nicht ganz so süß. Denn sein schärfster Rivale im Kampf um den Titel, Nico Rosberg, wurde im zweiten Mercedes Zweiter vor Daniel Ricciardo (Red Bull). In der Fahrerwertung hat Hamilton damit zwar den Rückstand hinter Rosberg von 33 auf 26 Punkte reduziert. Aber dem in Monaco aufgewachsenen Deutschen reichen zum ersten WM-Triumph zwei zweite Plätze und ein dritter Rang in Mexiko am kommenden Sonntag, in Sao Paulo und Abu Dhabi – falls Hamilton alles gewinnt.

          Vor einem Jahr hatte der Tagessieger Rosberg in der ersten Kurve von der Piste gedrängt, Startplatz zwei in eine Führung verwandelt und gewonnen. Diesmal wollte Rosberg, Zweiter beim Qualifikationstraining hinter dem Engländer, den Spieß umdrehen: „Mein Plan ist es, in der ersten Kurve vorne zu sein.“ 250 Meter blieben ihm, aus dem Stand an die Spitze zu stürmen. Aber die Formel 1 bietet Siegertypen wie Hamilton genügend Spielraum, vorher an den Nuancen zu feilen, die den Unterschied machen.

          Zwei Stunden hockte er in der vergangenen Woche im Formel-1-Simulator von Mercedes am Hauptsitz des Rennstalls in Brackley. Die Hauptübung: Zusehen, dass er besser vom Fleck kommt. Der Weltmeister arbeitete an der Koordination von Finger (beim Einkuppeln) und „Gas-Fuß“. Um den besten Schlupf zu bekommen, also das Durchdrehen der Räder zu optimieren. Dieses komplexe Spiel entscheidet über das Maß der Beschleunigung.

          „Ich bin doch nicht hier, um Vierter zu werden“

          Rosberg war im Schnitt schneller aus dem Stand losgesaust in dieser Saison; Hamilton hatte vor zwei Wochen in Suzuka im Eifer des Gefechts mit zu viel Druck auf das Gaspedal und zu wenig Fingerspitzengefühl quasi die Abfahrt verpasst. Die Übungsstunden aber halfen ihm, auf einer seiner Lieblingsstrecken Rosberg auf Distanz zu halten. Der erkannte sofort die Aussichtslosigkeit seiner Strategie für die ersten Meter und versuchte, seine Position zu sichern vor der Linkskurve.

          Doch beim Einlenken tauchte links neben ihm Ricciardo auf und schlüpfte durch. Wie das? Der Australier im Red Bull raketengleich am Mercedes vorbei? Es lag auch an den Reifen. Ricciardo startete mit den weicheren Gummis, die kurzfristig mehr Haftung bieten, vor allem beim Start. Er sprengte damit nicht nur die Mercedes-Phalanx, sondern gewann auch ein paar Freunde aus dem Lager der Silberpfeile: Hamilton-Fans und Mitarbeiter in der Box.

          Die Formel 1 präsentierte sich in Austin sehr amerikanisch. Bilderstrecke

          Was tun in dieser heiklen Phase der WM? Hamilton fuhr souverän voran. Schon seine Tour zur Pole-Position hatte gezeigt, wie wohl er sich auf dem „Circuit of the Americas“ fühlt. Der Engländer, das zeigte sich früh im Rennen, war nicht einzuholen ohne fremde Hilfe oder technische Defekte. Es sei denn über eine andere Strategie. Und so wechselte Rosberg beim ersten Boxenstopp auf die härteste zur Verfügung stehende Reifenmischung, die klassische Langzeittour stand ihm bevor. Und damit nicht etwa der kurzfristige Angriff auf Ricciardo, sondern ein Geduldsspiel für Nervenstarke.

          Weil sich von hinten Max Verstappen näherte auf den weicheren Pneus. Verstappen, der Teenager, der sich um wenig schert, der WM-Kandidaten schon mal zu Ausweichmanövern provoziert und in Austin über Funk, Rosberg vor Augen, gleich zu verstehen, gab, was ihn motiviert: „Ich bin doch nicht hier, um Vierter zu werden.“ Sondern um nach vorne zu schießen, im Red Bull an jedem vorbei, der sich als Hindernis entpuppt auf seinem Weg an die Spitze. Aber just als der Niederländer zur Attacke hätte ansetzen können, bremste ihn seine Crew: „Achte auf deine Reifen!“

          „Das waren geschenkte Boxenstopps“

          Als er dann noch zu früh zum zweiten Boxenstopp abbog und die unvorbereiteten Mechaniker in Hektik versetzte, konnte Rosberg durchatmen. Die Gefahr war gebannt. Ein paar Runden später stoppte Verstappen ein Motorproblem. Rosberg konnte wieder entspannt nach vorne schauen auf Rang zwei, auf den nächsten Schritt zum Titel. Denn zwischenzeitlich war er wegen des Service-Aufenthalts von Ricciardo auf die zweite Position hinter Hamilton gerückt.

          Und weil die Parkposition von Verstappen an einer ungesicherten Stelle die Rennleitung zwang, das virtuelle Safety-Car loszuschicken in der 30. Runde, winkte dem Deutschen auch das Glück. Während die Boliden mit einem vorgegebenen Tempo um die Piste zockelten, nutzte Mercedes die Gelegenheit für den letzten Reifenwechsel. Zum Verdruss von Ricciardo: Er sah Rosberg auf frischen Reifen im Vorteil: „Das waren geschenkte Boxenstopps.“

          Der Frust des sonst so fröhlichen Australiers sagt viel über die Laune bei Ferrari: Kimi Räikkönen nicht ins Ziel gekommen und der viermalige Weltmeister Vettel Vierter, um 40 Sekunden distanziert. Ratlos hatte die Scuderia-Crew die Langsamkeit ihres roten Renners entdeckt, am Samstag eine Sekunde hinter Mercedes zurück über eine Runde. Das Räderwerk streikt. Was an der Stimmung liegen soll, wenn man dem ehemaligen Ferrari-Ingenieur Luca Baldisseri glauben darf: „Ferrari hat kein Team mehr, sondern eine Gruppe ängstlicher Angestellter. Dort herrscht ein Terrorklima.“

          Angst tritt auf die Bremse? Eher die Sorge, zu spät zu kommen, zu stark aufs Gas. Was Fehler provoziert. Räikkönen musste nach seinem letzten Reifenwechsel am Ende der Boxengasse stehen bleiben. Vettel, das deutete Nico Hülkenberg nach seinem Ausfall in der ersten Kurve an, versuche auf Kosten anderer, die Schwäche von Ferrari zu überfahren: „Manchmal ist er sehr aggressiv und vergisst, dass es noch andere Autos gibt. Wir wollen alle überleben.“ Der Landsmann aus Hessen war mit Hülkenbergs Force India beim Einlenken kollidiert. Feierabend, „nach fünf Sekunden, das ist frustrierend“.

          Grand Prix der Vereinigten Staaten in Austin/Texas

          56 Runden à 5,507 km/308,405 km:

          1. Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes 1:38:12,618 Std.;
          2. Nico Rosberg (Wiesbaden) - Mercedes + 4,520;
          3. Daniel Ricciardo (Australien) - Red Bull + 19,692;
          4. Sebastian Vettel (Heppenheim) - Ferrari + 43,134;
          5. Fernando Alonso (Spanien) - McLaren + 1:33,953;
          6. Carlos Sainz Jr. (Spanien) - Toro Rosso + 1:36,124;
          7. Felipe Massa (Brasilien) - Williams + 1 Rd.;
          8. Sergio Perez (Mexiko) - Force India + 1 Rd.;
          9. Jenson Button (Großbritannien) - McLaren + 1 Rd.;
          10. Romain Grosjean (Frankreich) - Haas + 1 Rd.;
          11. Kevin Magnussen (Dänemark) - Renault + 1 Rd.;
          12. Daniil Kwjat (Russland) - Toro Rosso + 1 Rd.;
          13. Jolyon Palmer (Großbritannien) - Renault + 1 Rd.;
          14. Marcus Ericsson (Schweden) - Sauber + 1 Rd.;
          15. Felipe Nasr (Brasilien) - Sauber + 1 Rd.;
          16. Valtteri Bottas (Finnland) - Williams + 1 Rd.;
          17. Pascal Wehrlein (Worndorf) - Manor Racing + 1 Rd.;
          18. Esteban Ocon (Frankreich) - Manor Racing + 2 Rd.

          Ausfälle: Nico Hülkenberg (Emmerich) - Force India (2. Rd.); Esteban Gutierrez (Mexiko) - Haas (16. Rd.); Max Verstappen (Niederlande) - Red Bull (29. Rd.); Kimi Räikkönen (Finnland) - Ferrari (39. Rd.)

          Fahrer-Wertung, Stand nach 18 von 21 Wettbewerben:

          1. Nico Rosberg (Wiesbaden) - Mercedes 331 Pkt.;
          2. Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes 305;
          3. Daniel Ricciardo (Australien) - Red Bull 227;
          4. Sebastian Vettel (Heppenheim) - Ferrari 177;
          5. Kimi Räikkönen (Finnland) - Ferrari 170;
          6. Max Verstappen (Niederlande) - Red Bull 165;
          7. Sergio Perez (Mexiko) - Force India 84;
          8. Valtteri Bottas (Finnland) - Williams 81;
          9. Nico Hülkenberg (Emmerich) - Force India 54;
          10. Fernando Alonso (Spanien) - McLaren 52;
          11. Felipe Massa (Brasilien) - Williams 49;
          12. Carlos Sainz Jr. (Spanien) - Toro Rosso 38;
          13. Romain Grosjean (Frankreich) - Haas 29;
          14. Daniil Kwjat (Russland) - Toro Rosso 25;
          15. Jenson Button (Großbritannien) - McLaren 21;
          16. Kevin Magnussen (Dänemark) - Renault 7;
          17. Jolyon Palmer (Großbritannien) - Renault 1;
          18. Pascal Wehrlein (Worndorf) 1;
          19. Stoffel Vandoorne (Belgien) - McLaren 1

          Konstrukteurs-Wertung, Stand nach 18 von 21 Wettbewerben:

          1. Mercedes 636 Pkt.;
          2. Red Bull 400;
          3. Ferrari 347;
          4. Force India 138;
          5. Williams 130;
          6. McLaren 74;
          7. Toro Rosso 55;
          8. Haas 29;
          9. Renault 8;
          10. Manor Racing 1

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