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Formel-1-Finale : Sternstündchen in der arabischen Nacht

  • -Aktualisiert am

Bis zum Abwinken: Der Finne Bottas lässt sich von Hamilton nicht mehr einholen. Bild: AFP

Mercedes-Chefpilot und Weltmeister Lewis Hamilton findet zum Saisonabschluss in Beifahrer Valtteri Bottas seinen Meister. Sebastian Vettel im Ferrari dagegen wird abgehängt.

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          Die Formel 1 in Harmonie. Ungewöhnlich rührend hat sie sich am Sonntag verabschiedet von der Saison 2017. Mit Tränen am Ende des Fahrerfeldes und einer großen Gratulation für den Mann des Tages, Valtteri Bottas, der den Großen Preis von Abu Dhabi im Mercedes vor seinem Teamkollegen, dem neuen Champion, Lewis Hamilton und Ferraris diesmal chancenlosen Chefpiloten Sebastian Vettel gewann. Da standen die drei Arm in Arm auf dem Podium nach 94 Minuten Kreisverkehr auf der Yas-Marina-Rennstrecke. So erschöpft wie glücklich über das Ende einer langen Saison, die zum Finale noch einmal die Schnelllebigkeit im Renngeschäft vor Augen führte: Bottas, der Dritte der Fahrerwertung, stahl dem Weltmeister ausgerechnet zum Abschluss die Schau.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Als die Boliden gut 45 Minuten nach dem Start in der Dämmerung in die Nacht hineinrauschten, wurde das Spiel im gleißenden Flutlicht offensichtlich: Es war noch Tempo drin nach der schlauchenden Saison über 19 Rennen seit Ende März. Im letzten Grand Prix 2017 schien es für die Hauptdarsteller zwar um nichts mehr zu gehen: Hamilton schon längst Weltmeister, aber noch so hungrig, seinen vierten Titel zu veredeln mit einem Triumph im Finale. Der Mann mit dem Goldhelm, einem wohl bedachten, aber inoffiziellen Zeichen seiner Herrschaft, jagte seinen Teamkollegen. 21 Runden hatte er hinter Bottas gelegen, ohne heranzukommen.

          Aber als der Vordermann im identischen Auto zum ersten und einzigen Boxenstopp abbog, nahm das Rennen Fahrt auf. Hamilton endlich befreit von der „schmutzigen Luft“, die das Heck des Mercedes aufwirbelt! Bis dahin konnte selbst der erste Mann des Teams im zweiten Silberpfeil nicht an die Grenze gehen, nicht mehr gescheit bremsen am Limit. Ohne den lästigen Bottas vor sich gab der Engländer Gas, schien den winzigen Rückstand (0,2 Sekunden) aufzuholen und mit einen Vorsprung von seinem Reifenwechsel (24. Runde) zurückzukommen. Da wachte auf, wer sich zum Ende des Kreisverkehrs rund um den Globus der allgemeinen Müdigkeit gefügt hatte. Bottas, rief der Reporter, kontert mit einer „schnellsten Runde“. Und blieb knapp vor dem Champion.

          Das Rennen führte über 55 Runden. Es begann in der 25. Mit einem Werksduell von größerer symbolischer Bedeutung. Kann der über die Saison in den zweiten Stand versetzte Bottas, überspitzt geschrieben: der Beifahrer, dem neuen König der Autofahrer die Krönung vermasseln? Es gibt kaum ein Rennen, nicht mal ein Training, in dem die Hochgeschwindigkeitsartisten freiwillig ihr Tempo drosseln; falls nicht höhere taktische Erwägungen langfristig größeren Gewinn versprechen oder die Teamführung ein Rollenspiel festlegt. Am Sonntag herrschte freies Spiel. Was die klugen Köpfe unter den Helmen nutzten wollten, um sich über den Winter in den Oberstübchen der Rivalen festzusetzen: „Man denkt doch am ehesten an das letzte Rennen“, sagte Vettel.

          Als hätte ein Sieg von ihm in Abu Dhabi Hamilton einen harten Winter bereitet, weil der nächste Konter erst Ende März 2018 kommen kann, zum Saisonauftakt in Melbourne. Aber der Ferrari taugte am Sonntag nicht zu einer rechten Verfolgungsjagd. „Ich habe ein paar Runden Druck gemacht, aber dann sind sie davongezogen“, sagte Vettel. Die Mercedes-Crew blieb weit vorne an der Spitze unter sich. Hamilton immer in Schlagdistanz zu Bottas, Runde um Runde zur Freude des Daimler-Vorstands mit Boss Dieter Zetsche. Der erlebte eine Zeitreise in Abu Dhabi, von seinem Blick auf die Spuren der frühen Hochkulturen im nagelneuen arabischen Louvre am Samstag bis zur Vorführung der High-Tech-Gegenwart auf der Rennstrecke.

          Weltmeister Hamilton (links) gratuliert Abu-Dhabi-Sieger Bottas.

          Seine Silberpfeile präsentierten in der letzten recht beweglichen Ausstellung die Kunst des Jahres in der skurrilen Rennszene: unglaublich schnell, aber auch haltbar zu sein an den Grenzen der Belastbarkeit. Ein Sternstündchen in der arabischen Nacht. Wer dann gewinnt, mag dem Management egal sein. Hamilton aber, zumindest beim Samstag nach der Niederlage im Kampf um die Pole Position frei von einem Anflug jeglicher Majestätsbeleidigung, wollte auch im letzten Moment dort ankommen, wo er sich sieht: auf dem Thron. Also blies er zur Jagd. Immer schön ein gutes Sekündchen hinter Bottas, sich im Rückspiegel des Finnen zeigen, auf einen Fehler lauern im Drucktopf des Renn-Geschäfts.

          Gedacht, passiert. In der 49. Runde verbremst sich Bottas. Hamilton „hängt“ ihm fast im Getriebe, wieder nur 0,2 Sekunden Rückstand, die britische Enklave ist elektrisiert, wartet gespannt auf die entscheidende Attacke. Aber dann hängt Bottas den Meisterfahrer im letzten Sektor wieder ab und lässt kurz darauf eine „schnellste Runde“ folgen. Hamilton versteht das Signal: Rundenrekord, Pole Position für Bottas am Samstag, ein Sieg am Sonntag. Der Chefpilot hat im Beifahrer seinen Meister gefunden: „Gratulation, das war erstklassig, was Valtteri geleistet hat.“

          Vettel wird in der Dunkelheit von Abu Dhabi Dritter.

          Weiter hinten im Feld ist die Hackordnung auch am letzten Tag unverrückbar geblieben: Der abgehängte Vettel (19 Sekunden) hält seinen Teamkollegen Räikkönen gewaltig auf Abstand (23 Sekunden). Und Nico Hülkenberg gelingt sogar das Kunststück, trotz einer Fünf-Sekunden-Strafe wegen eines gewinnbringenden Ausflugs neben die Piste Sechster zu werden vor seinem ehemaligen Teamkollegen Sergio Perez im Force India. Renault beförderte er damit auf Platz sechs der Konstrukteurswertung, was seinem Rennstall einen zusätzlichen Millionen-Betrag in Dollar aus der Vermarktungskasse der Formel 1 garantiert. Der Rheinländer ist sein Geld wert.

          So dachten nicht alle Teams in den vergangenen Wochen über ihre Piloten. Und deshalb steckt in dem Finale auf Zeit auch ein Ende für immer. Der kleine Brasilianer Felipe Massa (Zehnter) stieg nach 269 Grand Prix zum letzten Mal aus – warf Kusshände ins Publikum und formulierte Liebesgrüße. Pascal Wehrlein fühlt sich nicht so angenommen. Rang 14 im schwachen Sauber ist vermutlich der letzte gute Eindruck, den der Deutsche in der Königsklasse hinterlassen wird. Seine Hoffnung auf ein neues Cockpit sind gering. Vermutlich kehrt er zurück in die DTM – zu Mercedes.

          Lauda verkündet im TV Abschied als Formel-1-Experte

          Niki Lauda hat nach dem Formel-1-Finale in Abu Dhabi seinen Abschied als TV-Experte bei RTL verkündet. „Ich habe eine persönliche Entscheidung getroffen, und zwar, dass ich nicht mehr RTL-Experte sein werde“, sagte der dreimalige Weltmeister am Sonntag live im Fernsehen. „Ich möchte allen RTL-Zuschauern danken“, sagte der 68-Jährige in Abu Dhabi weiter und zog seine markante rote Kappe vom Kopf. Lauda war bereits seit 1995 Formel-1-Experte für RTL, war in seinem Engagement aber zuletzt schon kürzergetreten.

          Ob RTL weiter und in welchem Rahmen die Motorsportkönigsklasse übertragen kann, ist fraglich. Der Vertrag des Privatsenders, der seit Mitte 1991 jeden Grand Prix live im frei empfangbaren Fernsehen gezeigt hat, läuft nun aus. Auch der Pay-TV-Sender Sky verhandelt derzeit mit der neuen Formel-1-Führung über ein neues Rechtepaket. (dpa)

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