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Formel 1 : Im Gedankensimulator

Mark Webber (l.) hofft auf die Unterstützung von Sebastian Vettel Bild: dpa

Muss Red Bull im Kampf um die WM alles auf Mark Webber setzen? Mit der Kampagne des Getränkekonzerns zur Freiheit des Einzelnen wäre dies kaum zu vereinbaren - und Sebastian Vettel könnte plötzlich einen anderen Weg gehen wollen.

          3 Min.

          Als sich die Nacht über die südkoreanische Formel-1-Rennstrecke vor den Toren von Mokpo legte, sprach Sebastian Vettel über die dunklen Seiten seines Berufs: „Eine Drecksau muss man schon sein, so ein bisschen.“ Er lächelte dabei. Und hatte ein gutes Gewissen. Eine Stunde zuvor war es dem Red-Bull-Piloten gelungen, die eigene These im entscheidenden Augenblick zu widerlegen und den inneren Schweinehund auszubremsen. Vettel parkte seinen maladen Red Bull nach 45 Runden an der Spitze des Feldes nicht an einer für die Kollegen „gefährlichen“ Stelle.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Dann wäre während der Bergung des Boliden das Sicherheitsfahrzeug wieder auf die Piste geschickt worden, der neue Führende Fernando Alonso hätte seinen Vorsprung und vielleicht unter dem Druck des Verfolgers Lewis Hamilton noch seinen gerade geerbten Sieg verloren. Vettel hätte das geholfen im Kampf um den WM-Titel: „Ich habe sofort darüber nachgedacht“, gab der 23 Jahre alte Hesse zu und grinste, bevor er mit ernster Miene fortfuhr: „Aber so viel Sportsmann muss man schon sein.“

          Jetzt steht er wie ein kleiner Ritter da. Hochangesehen nach seinem bravourösen Kampf in schwierigen Bedingungen, aber ziemlich abgeschlagen bei seinem zweiten Versuch, jüngster Weltmeister in der Formel-1-Geschichte zu werden. Statt als Führender nach Südamerika zu reisen, liegt der Hesse mit 25 Punkten Rückstand vor den beiden abschließenden Grand Prix hinter Ferrari-Star Alonso, seinem Teamkollegen Mark Webber (14) sowie Lewis Hamilton (4) im (McLaren-Mercedes) nur noch auf Rang vier der Fahrerwertung. Selbst zwei Siege in São Paulo am Sonntag (Rennstart: 17.00 Uhr / FAZ.NET-Formel-1-Liveticker) und eine Woche später in Abu Dhabi allein reichten nicht. Alonso dürfte jeweils nicht über Rang vier hinauskommen.

          Teamchef Christian Horner: „Natürlich werden wir uns die Situation bis vor Brasilien anschauen”

          Der erste Dienstleister

          Der beste Mann des Herbstes, der um eine Nuance schnellere der beiden Red-Bull-Piloten, braucht also Glück. Und - aus seiner Cockpit-Sicht - jede nur erdenkliche Hilfe. Doch draußen in der Welt des Motorsports betrachten Experten Vettel nun als ersten Dienstleister von Red Bull. Der Rennstall möge ihn zur Unterstützung des Teamkollegen Webber einsetzen. Der hatte zwar in Südkorea bei der Verfolgung von Vettel wegen eines Fahrfehlers Form und Fassung seines RB6 bis zur Unfahrbarkeit ramponiert. Der Totalschaden entpuppte sich aber im Moment von Vettels Unglück nur als größere Beule. „Es ist noch alles intakt“, sagte Webber gelassen, „ich habe noch gute Chancen, Weltmeister zu werden.“ Prompt diagnostiziert die Konkurrenz nicht ohne Amüsement den nächsten Härtetest für die Formel 1 und Red Bull: „Jetzt“, sagt McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh, „kommen wir in eine kritische Phase.“

          Christian Horner drehte und wendete sich in Südkorea. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass der englische Teamchef des österreichischen Rennstalls die Politik vorgibt. Während Red-Bull-Konsulent Helmut Marko an der einen Ecke des Fahrerlagers vom „vollen Angriff, was sonst?“ im Sinne Vettels sprach und von taktischen Spielen nichts wissen wollte, ließ sich Horner immerhin eine gewisse Nachdenklichkeit entlocken. „Natürlich werden wir uns die Situation bis vor Brasilien anschauen.“

          Gedankenspiele

          Also im Gedankensimulator ein paar Konstellationen durchspielen: Was etwa, wenn Vettel kurz vor dem Ende des Großen Preises von Brasilien auf dem Kurs von Interlagos vor Webber und Alonso führen sollte? Webbers Antwort kennt man seit dem Sommer, als er - die Fahrerwertung anführend - ziemlich unverblümt eine Entscheidung zu seinen Gunsten forderte. Vettel dagegen beschäftigt nur ein Gedanke: „Ich werde bis zum Schluss kämpfen.“

          Red Bull steckt in der Zwickmühle. Auf der Zielgeraden droht der Rennstall zu verlieren, was in der Welt für wertvoll gehalten wird: den Fahrertitel. Um eines Prinzips willen. Während Ferrari in Hockenheim mit einem Diktat die Hackordnung bestätigte, Alonso an Felipe Massa vorbei zum Sieg dirigierte, spielt Horner im Teamsport Formel 1 tapfer den Schutzpatron der Individuen. Er verteidigt als Gleichstellungsbeauftragte ausgerechnet den Archetyp des Egomanen. Der Engländer kann wohl kaum anders. 100.000 Dollar, so viel kostet ein Verstoß gegen die verbotene Teamorder, legt man die jüngste Rechtsprechung des Internationalen Automobil-Verbandes zugrunde, könnte sich zwar auch Red Bull leisten. Aber die Ferrari-Variante ist mit der Kampagne des Getränkekonzerns zur Freiheit des Einzelnen kaum zu vereinbaren.

          Selbst wenn sich Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz zu einer kurzfristigen Kurskorrektur entschlösse und mit dem besten Auto ins ersehnte Ziel käme, riskierte Red Bull einen Verlust auf lange Sicht. „Ich hoffe, Sebastian wird noch viele Jahre für uns fahren“, hat Horner vor ein paar Wochen gesagt. Warum aber sollte Sebastian Vettel seinen Vertrag verlängern, wenn ihm an anderer Stelle im Fahrerlager eine geringere Anfälligkeit des Autos und eine bevorzugte Behandlung - bei entsprechender Leistung - in Aussicht gestellt wird? An Angeboten wird es nicht mangeln. An der Bereitschaft, mal ein anderes Prinzip ausprobieren zu wollen, wohl auch nicht. Wie war das noch? „Man muss schon eine Drecksau sein, so ein bisschen.“

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