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Formel 1 : „Iceman“ mit Hang zu Druckbetankung

  • -Aktualisiert am

Räikkönen wechselte von McLaren Mercedes zu den „Roten” Bild: REUTERS

Kimi Räikkönen soll bei Ferrari Michael Schumacher ersetzen: Hat sich Ferrari für die Lösung dieser Herkulesaufgabe einen Problemfall ins Haus geholt? Räikkönen: „Es wäre gut, wenn Schumacher den Wagen testen würde.“

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          Wer ersetzt Michael Schumacher? Fernando Alonso! Gilt nicht. Für diese Antwort gibt es in Madonna di Campiglio in diesen Tagen allenfalls Strafpunkte. Denn der zweimalige Formel-1-Weltmeister ist vorerst unerreichbar. Zumindest für Ferrari. Und so hat der berühmteste Rennstall der Formel 1 zum traditionellen Neujahrsempfang am Mittwoch erstmals ganz offiziell seine Lösung dieser Herkulesaufgabe präsentiert: Kimi Räikkönen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Jedenfalls übernimmt der Finne, von McLaren-Mercedes gekommen, vorerst nominell die Stelle des Deutschen. Aber auch seine Stellung? „Bei Ferrari“, versprach Ferrari-Chef Jean Todt dieser Tage, „gibt es keine Nummer eins.“ Das ist ein völlig neues Gefühl für die Scuderia und die rund 1000 Mitarbeiter vom Hausmeister bis zum Fiat-Boss Luca di Montezemolo. Denn elf Jahre lang gab es nie eine Diskussion. Schumacher war der Herr im Hause unter den Piloten.

          Die Chance bietet sich nur einmal im Leben

          Und wer zweifelte, wie einst Eddie Irvine oder Rubens Barrichello, den überzeugte der Deutsche auf der Strecke blitzschnell vom Standesunterschied. Hier der Champion, dort der gute zweite Mann. Nun aber sitzt bei Ferrari erstmals seit mehr als einer Dekade kein Weltmeister mehr am Steuer. Deshalb wähnt sich Räikkönens Teamkollege Felipe Massa vor dem ersten Grand Prix der Saison 2007 am 11. März in Melbourne im Gleichgewicht mit dem hochgeschätzten Finnen: „Ich bin zuversichtlich, dass wir die gleiche Behandlung erfahren.“

          Neben Schumacher war Felipe Massa zuletzt die klare Nummer zwei

          Falls dem so ist, dann steht Ferrari ein spannendes Rennen vor dem ersten Rennen ins Haus. Schließlich war es lange nicht so einfach, Chefpilot der Roten zu werden. Die Chance bietet sich wohl nur einmal im Leben. Und so hat sich Massa präpariert. Zunächst während der vergangenen Saison. Da lernte der Brasilianer nach eigenen Angaben von Schumacher, wie man an ein Rennen herangeht, wann man vorsichtiger, wann aggressiver fahren muss; dass man im Grand Prix immer alle Dinge gleichzeitig im Auge haben muss, wie man ein Auto auf den eigenen Fahrstil abstimmt und überhaupt die Behandlung der Technik rund um den Boliden.

          „Er kommt, fährt, und geht“

          Kurzum: „Michael war für mich ein unglaublich guter Lehrer.“ Und wohl auch ein Vorbild. Im Dezember gab sich der Brasilianer auch noch dem Selbststudium hin. „Ich habe mir überlegt, wie ich die Arbeit organisiere, wie ich die Rennen angehe, wie ich mit der Presse umgehe.“ Wenn das kein Signal ist: Ich, Massa, folge Schumacher. Vor der Frage, ob das auch nur annähernd möglich ist, steht der Verdacht, dass dieser Versuch einer Metamorphose vielleicht gar nicht nötig ist. „Ich werde meinen Arbeitsstil nicht ändern“, sagt Kimi Räikkönen.

          Was das heißt, kann man beim alten Arbeitgeber McLaren-Mercedes inzwischen ungeschminkt erfahren, wenn auch nur ohne Quellenangabe: „Er kommt, fährt und geht.“ Das mag überspitzt formuliert sein, aber es trifft den Kern. Einen akribischen Arbeiter, der in seiner Freizeit Stoßdämpfer-Herstellern Beine macht und sich schon mal freiwillig zu Testfahrten meldet, hat sich Ferrari mit Räikkönen (wohl wissend) nicht eingekauft: „Ich bin nicht Michael Schumacher.“ Aber zweifellos ein begnadet schneller Pilot. Kollegen halten ihn sogar für den Schnellsten in der Branche.

          Räikkönen ein Problemfall?

          Angeblich ist Ferrari diese Fähigkeit ein Jahressalär von 25 Millionen Dollar wert. Und noch mehr. Dort, wo Räikkönen bislang schwächelte, bei der Arbeit an den Details rund um den Boliden, setzt Ferrari auf den ergänzenden Schumacher-Faktor: „Das ist so eine Sache, wo Schumacher in seiner neuen Rolle eingreifen könnte“, sagte Todt dem „Corriere della Sera“: „Wir wollen sein Wissen und seine Erfahrung, die weltweit einzigartig sind, nutzen. Das ist für Ferrari und seine Fahrer ein Wert, den wir nicht einfach so herschenken dürfen.“ Eine Arbeitsteilung zu seinen Gunsten ist Räikkönen willkommen: „Es wäre gut, wenn Schumacher den Wagen testen würde.“

          Mit Räikkönen schluckt Ferrari nicht nur einen eigenwilligen, introvertierten WM-Kandidaten. Glaubt man an die süffisanten Prophezeiungen von McLarens Chef Ron Dennis, dann haben sich die Italiener einen Problemfall ins Haus geholt. Schließlich bekam der „Kontrollfreak“ (Räikkönen) die Freizeitgestaltung des Finnen, dessen mitunter dokumentierte Lust auf eine hochprozentige Druckbetankung, nicht in den Griff.

          „Ich darf etwas ändern“

          Ob's nur am Frust lag? „Was ich privat mache, hat keinen Einfluss auf meine Leistung. (. . .) Der Wagen war nicht schnell genug“, erklärt Räikkönen mit Blick auf das gescheiterte fünfjährige WM-Projekt mit McLaren-Mercedes. Am Piloten lag es nicht. Damit das so bleibt, bewegt sich Ferrari vom ersten Moment an mehr auf Räikkönen zu, als es Massa lieb sein kann: „Ich darf etwas ändern“, berichtet der Neue über sein Mitbestimmungsrecht bei der Rennwagenjustierung, „um es meinen Bedürfnissen anzupassen.“

          Vor der ersten Testfahrt ist die Laune bestens und die neue Heimat schon als Nest entdeckt. Das McLaren-Silber ließ den sogenannten „Iceman“ zuletzt kalt. Ferrari-Rot aber tut Räikkönen schon vom ersten Moment an gut, sagt er: „Es ist eine wärmere Farbe.“

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