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Formel 1 : Hülkenberg ist auf dem Sprung

  • -Aktualisiert am

Erfolgreich: Hülkenberg und sein GP-2-Dienstwagen Bild: picture-alliance/ dpa

Nico Hülkenberg fühlt sich reif für die Formel 1. Der Rheinländer gilt als größte deutsche Motorsport-Hoffnung in den Nachwuchsklassen. Sein Talent hat er jetzt am Nürburgring bewiesen - und die Aussichten auf ein Cockpit in der Grand-Prix-Klasse sind gut.

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          Als die zweite Klasse am Sonntag Rennen fuhr, schauten die Stars der Formel 1 genauer hin. Weil man etwas für die nahe Zukunft lernen konnte. Wie es denn so zugeht auf regennasser Piste, wenn 26 Boliden der GP2, dem Sprungbrett für die Formel 1, mit Karacho in die erste scharfe Kurve stechen. Angeblich hat mancher Formel-1-Pilot bei diesem Vorspiel für den Großen Preis von Deutschland auch seinen eigenen Nachfolger gesehen. Nelson Piquet jr., so das Gerücht, wird bei Renault schon beim nächsten Rennen in Ungarn durch den Franzosen Romain Grosjean ersetzt.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Auch ein junger Deutscher macht sich berechtigte Hoffnungen auf eine Beförderung. In der Eifel stürmte er am Samstag von der Pole Position zum ersten Saisonsieg in der GP2. Am Sonntag steigerte er seine erstklassige Vorstellung mit einem Sieg im Sprintrennen von Startplatz acht aus. Der Sprung von Nico Hülkenberg auf Platz eins der Gesamtwertung nach fünf von zehn Rennen unterfüttert die selbstbewusste Bewerbung: „Ich bin reif für die Formel 1.“

          26 Sekunden Vorsprung am Nürburgring

          Hülkenberg überragt die meisten Konkurrenten. Er ist 1,85 Meter groß. Und so auf seinen zehrenden Job fixiert, dass wohlmeinende Mütter ihm wohl stündlich Schokolade zustecken würden: 74 Kilogramm lassen den Rheinländer als Schlacks erscheinen. Sein Händedruck aber verrät Kraft und Entschlossenheit. Er hat sie umgesetzt in Erfolge: deutscher Juniorenmeister im Kart mit 13 Jahren, Kartmeister bei den Großen, Sieger der Formel BMW-ADAC, Champion in der Formel-3-Euroserie.

          In der Ausbildung: Hülkenberg bei Testrunden im Williams im Januar in Portugal

          Am Sonntag begeisterte der Meister aller gefahrenen Klassen nicht nur seine Fans: vier in der ersten Runde überholt, den Fünften in der dritten, den Sechsten in der vierten von 24. Und das, ohne Zeit zu verlieren, wie es sonst bei den tückischen Manövern passiert. Im Gegenteil. Hülkenberg jagte mit Bestzeiten an seinen Vorderleuten vorbei und hinter dem Führenden her. Auch Vitali Petrov hätte ihn nicht aufhalten können. Der Russe musste aber kurz vor dem Zweikampf wegen eines Verkehrsvergehens (beim Start) zu einer Durchfahrtsstrafe in die Boxengasse abbiegen. Fortan drehte Hülkenberg einsam seine Runden. Der Zweite kam erst 26 Sekunden nach ihm ins Ziel.

          Williams investiert in den Rheinländer

          Für diese Momente ist Hülkenberg ein Risiko eingegangen. Offiziell steht er mit fast 22 Jahren ohne Berufsausbildung da. Die Lehre im Speditionsunternehmen der Eltern zum Kaufmann hat er abgebrochen. „Ich war von den ersten zehn Stunden in der Berufsschule nur zwei da. Sie haben gesagt, das reicht nicht. Dann habe ich mich ganz für den Rennsport entschieden.“ Für die Leidenschaft, für den Spaß – und die Arbeit. Wenn er nicht Rennen fährt, tritt Hülkenberg zu einer Ausbildung bei einer der renommiertesten Rennwagen-Manufakturen an, die die Formel 1 zu bieten hat: bei Williams Grand Prix Engineering. Das Team von Nico Rosberg hat den Piloten aus Emmerich 2008 als Testfahrer engagiert. Die Begeisterung hielt sich zunächst in Grenzen. Hülkenbergs selbstbewusster Auftritt befremdete die Engländer. Zwei Anfängerfehler, er kam bei Funktionstest von der Piste ab, stärkten nicht gerade das Vertrauen.

          Doch inzwischen investiert Teamchef Sir Frank Williams in den Rheinländer. „Ich gehe früh in die Fabrik“, sagt Hülkenberg, „und laufe nun für ein Jahr jede Abteilung durch. Ich muss auch selbst Hand anlegen.“ Statt als Gabelstaplerfahrer auf dem Hof der Hülkenberg-Spedition Lkw zu beladen, häuft er nun wertvolles Wissen über die komplexen Boliden an. „Von der Mechanik über die Aerodynamik bis zur Elektronik, von der Fertigung bis zur Montage. Ein Fahrer muss verstehen, wie ein Rennwagen funktioniert“, sagt der Lehrling aus freien Stücken: „Das war mein Wunsch.“ Williams’ Technischer Direktor Sam Michael hat ihm gerne entsprochen. Der Rennstall ließ bis zum Rennen in der Eifel mit vergleichsweise geringem Budget (geschätzte 80 Millionen Euro) zwar Werksteams wie BMW, McLaren-Mercedes und Renault hinter sich.

          Große Sprünge, die Verpflichtung fertig ausgebildeter Spitzenpiloten, aber kann sich der neunmalige Konstrukteursweltmeister nicht leisten. Das ist die Chance für den nächsten Deutschen, den Manager Willi Weber nach den Schumachers in die Spitzenklasse begleiten will. Williams besitzt angeblich das Vorgriffsrecht auf Hülkenberg für 2010. Falls Rosberg seinen Platz räumt, könnte er zum Zuge kommen. Unwahrscheinlich ist das nicht. Denn dem Sohn des ehemaligen Formel-1-Weltmeisters schwebt nach vier Jahren ein Wechsel vor. „Williams“, sagte Rosberg in der Eifel, „ist nur eine Option.“ Geht er, dürfte Hülkenberg seinen Chef Sir Frank an ein besonderes Urteil erinnern: „Alles, was ich bisher von ihm gesehen habe“, sagt Williams im Frühjahr, „deutet auf eine große Zukunft hin.“

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