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Formel 1 in Spa : Hamilton spürt das Drama – und gewinnt trotzdem

Fährt allen davon: Lewis Hamilton ist auch in Spa nicht zu schlagen Bild: AP

Während bei Sebastian Vettel im Ferarri weiter nichts geht, fährt Lewis Hamilton auch in Spa zum Sieg. Auf der Strecke ist der Brite auf dem Weg zum siebten WM-Titel quasi unschlagbar. Doch in Monza kommt der Eingriff von außen.

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          Lewis Hamilton kämpfte mit seinen Gefühlen. „Ich habe einen Leistungsverlust“, rief er mitten im Großen Preis von Belgien am Sonntag in den Funk. Es hörte sich leicht angsterfüllt an, obwohl der Tacho Sekunden später auf 312 kletterte. In der letzten Runde sorgte sich der Engländer im Silberpfeil um seinen rechten Vorderreifen. Das gespürte Drama des Hochsensiblen entsprach allerdings nicht ganz der Realität. Hamilton gewann in Spa-Francorchamps souverän mit acht Sekunden vor seinem Teamkollegen Valtteri Bottas und Max Verstappen im Red Bull (15). Es ist der 89. Grand-Prix-Sieg des Engländers nach seiner 93. Pole Position. Seinen Vorsprung in der Fahrerwertung baute er auf 47 Punkte aus. So weit die Fakten. Sie führen zwangsläufig zur Dauerfrage: Wie kann Hamilton, wie kann Mercedes noch gestoppt werden auf dem Weg zum Titel?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Nicht mal mit einem Crash. In der elften Runde verlor Antonio Giovinazzi im Alfa Romeo nach einem Fahrfehler die Kontrolle über seinen Boliden. Da flogen die Fetzen. Ein herrenloses Hinterrad sprang George Russell im Williams gefährlich in den Weg: keine Chance. Der Williams prallte erst gegen das Wrackteil und dann in die Streckenbegrenzung. Beide Autos teurer Schrott, beide Fahrer wohlauf – und das Rennen wieder spannend? Denn das Sicherheitsfahrzeug fing die führenden Silberpfeile mit Hamilton knapp vor Bottas und dem um wenige Sekunden distanzierten Verstappen ein. Das Feld nutzte die Chance für einen Reifenwechsel und für den nächsten Versuch. „Wir sind so nah dran wie lange nicht mehr“, hatte Verstappen am Samstag gesagt, als Dritter des Startplatzrennens, nicht mal um eine halbe Sekunde distanziert über eine Runde von dem Supermodell des Jahres. Red Bull hatte einen größeren Rückstand erwartet.

          Der nächste Pokal: Lewis Hamilton gewinnt in Spa seinen 89. Grand Prix
          Der nächste Pokal: Lewis Hamilton gewinnt in Spa seinen 89. Grand Prix : Bild: EPA

          Aber die Kraft reichte nicht auf der entscheidenden Passage, wenn sie hinunter zur berühmten Kurve Eau Rouge, dann steil hinauf zur langen Geraden rasen und die Power im Heck ausspielen: 25 Sekunden Vollgas. Verstappen hatte auch beim zweiten Versuch keine Chance. Trotz des Windschattens. Hamilton brauchte keinen am Samstag für die Rekordrunde in Spa. Und fürchtete den Vorteil der Verfolger nicht am Sonntag. Das Weltmeisterteam riskierte sogar eine Annäherung in der Überholzone. Mercedes setzte auf mehr Abtrieb, kam deshalb glänzend durch den kurvenden Mittelsektor und hielt Red Bull doch im Vollgasabschnitt auf Distanz. Ganz zu schweigen von Ferrari. Was schwerfällt angesichts des Verlustes auf diesem Streckenteil: 1,5 Sekunden.

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          „Wir haben einen Schritt zurück gemacht“, sagte Charles Leclerc. Einen? Am Samstag fanden sich Leclerc und Vettel auf den Positionen 13 und 14 wieder. Hoffnungslos abgeschlagen der Sieger von 2019. Im vergangenen Jahr starteten die Roten noch aus der ersten Reihe. Um 0,4 Sekunden brauchte der Monegasse am Samstag auf seiner schnellsten Runde länger als beim Ritt zur Pole Position im Hohen Venn. Während alle anderen Teams schneller fuhren, erreichte die Scuderia in Belgien nicht mal das Vorjahresniveau. Die Reifen, klagte Teamchef Mattia Binotto. Nicht auf beste Klebetemperatur zu bekommen. Was aber mit den großen Problemen zusammenhängt: zu schlapp im Heck nach den Einschränkungen durch den Internationalen Automobilverband Fia für Ferrari.

          Deshalb wenig Abtrieb und dadurch kaum Chancen, mit den Reifen zu spielen. Leclerc versuchte es. Er startete mit der weichsten Gummimischung, schoss mit der besseren Haftung in der ersten Runde auf Rang neun vor, verlor aber mit dem hohen Reifenverschleiß schnell wieder an Tempo. Nach zehn Runden tauchte er wieder vor Sebastian Vettel, konservativ gestartet mit der Medium-Variante, auf Rang zwölf auf. „Ich habe so viele Probleme auf den Geraden“, rief Leclerc seinem Renningenieur zu. Selbst den Crash in der elften Runde wussten die Italiener nicht für einen taktischen Vorsprung zu nutzen. Leclerc stand als einer der Ersten zum Reifenwechsel an der Box. Aber die Crew brauchte so lange, dass er auf Rang 14 zurückfiel. Ein früher zweiter Pneu-Wechsel warf ihn auf den letzten Rang zurück, bevor er sich dem tapferen Vettel (nur ein Boxenstopp) näherte und als 14. hinter dem viermaligen Weltmeister ins Ziel kam. Was sie auch aushecken, es geht nichts voran in der roten Ecke.

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          Das wird sich bis zum nächsten Sonntag, zum Hochgeschwindigkeitsrennen in Monza, kaum ändern: drei Geraden verbunden mit Schikanen und der Parabolika-Kurve. Ein Fest für Antriebsstarke. Wenn da nicht der Eingriff der Fia wäre. Vom Großen Preis in Italien an ist der sogenannte „Partymodus“ untersagt. Der Regelhüter schreibt starke Einschränkungen vor, die unter anderem das Qualifying betreffen, wenn die Hersteller in der dritten Runde die Motorleistung aufdrehen. Vor allem bei Mercedes soll dann ein Ruck durch den Boliden gehen. Im Umkehrschluss wäre die Silberpfeil-Crew am stärksten betroffen. Teamchef Toto Wolff sprach gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom Versuch der Fia, unter anderem sein Team einzubremsen.

          Die Wertigkeit des Sports als freier Wettbewerb werde in Frage gestellt, wenn ein Seriensieger eingebremst werde, um mehr Spannung zu erzeugen: „Nach einem Drittel der Saison will man uns diesen hart erarbeiteten Vorteil wieder wegnehmen“, sagte Wolff, „wenn man das so weiter praktiziert, dann ist das so, als würde man Bayern München ohne Neuer spielen lassen.“ Immerhin gelingt der Formel1 eine dramatische Inszenierung mit ironischer Note: Weil Ferrari mit seinem unglaublich starken Antrieb 2019 Mercedes auf den Geraden abhängte, die Fia aber ein illegales Vorgehen nach eigener Darstellung nicht beweisen konnte, stürzten sich Wolffs Ingenieure in die Arbeit, bis ans „menschliche“ und „technische Limit“. Über den Winter einigte sich die Fia mit der Scuderia in einem geheim gehaltenen Abkommen auf eine gewaltig bremsende Abrüstung. Ferrari wird die nächste Direktive nicht viel nutzen. Aber vielleicht Red Bull.

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