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Hamilton gewinnt in Frankreich : Wie eine Sonntagsfahrt im Cabriolet

  • -Aktualisiert am

Lässige Ouvertüre vor dem Rennen Bild: Reuters

Lewis Hamilton gehen in der Formel 1 die Gegner aus: Der vierte Sieg in Serie gerät beim Großen Preis in Frankreich nie in Gefahr. Vettel wird Fünfter, Ferrari ist chancenlos.

          26 Grad Celsius Lufttemperatur zeigte das Thermometer am Sonntagnachmittag auf der Rennstrecke Paul Ricard in Südfrankreich an, auf 51 hatte sich der Asphalt aufgeheizt, ehe die Formel-1-Piloten in ihren feuerfesten Montur samt Handschuhen in ihre Cockpits kletterten. Nach gut eineinhalb Stunden sprang Lewis Hamilton frisch und fröhlich aus seinem Mercedes.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Als käme er nicht vom Großen Preis von Frankreich, sondern von einer Sonntagsfahrt im luftigen Cabriolet. „Oh, es war nicht einfach“, sagte der Brite, „das ist es immer. Es ist immer eine Herausforderung.“ Nur sah es diesmal nicht danach aus: Der sechste Saisonsieg im Mercedes vor seinem Teamkollegen Valtteri Bottas bescherte dem Team den achten Sieg – im achten Rennen. Ferrari hatte mit dem jungen Charles Leclerc auf Rang drei vom ersten bis zum letzten Meter keine Chance, während Sebastian Vettel von Rang sieben auf Platz fünf vorfuhr. Der Rheinländer Nico Hülkenberg belegte zunächst Rang neun mit seinem Renault, rückte später aber einen Platz vor, weil sein Teamkollege Daniel Ricciardo für zwei unerlaubte Manöver in der Schlussrunde jeweils fünf Sekunden Zeitstrafe erhielt und damit vom siebten auf den elften Platz zurückfiel.

          Mehr als die Fortsetzung der Niederlagenserie schmerzt Ferrari vermutlich eine andere Erkenntnis: Die Scuderia sah auch im Rennen viel älter aus, als es der runderneuerte Bolide glauben machte. Ein veränderter Front-, ein modifizierter Heckspoiler und andere frisch aus der Fabrik in Maranello angekarrte Teile hatte die Scuderia nach der Testphase am Freitag am Auto gelassen. Der Unterboden wurde wieder abgeschraubt und eingepackt. Allein auf die befreiende Beflügelung wartete Ferrari vergeblich. Erst hatte Mercedes im Qualifying mit Hamilton auf seiner 86. Pole Position vor dessen Teamkollegen Bottas demonstriert, wer das Tempo vorgibt: 0,6 Sekunden lag der Brite beim Sprint über eine Runde vor Leclerc (3.) und 1,4 vor dem indisponierten, von den Reifen genervten Vettel (7.). Im Grand Prix setzte sich das Debakel nach dem unspektakulären Start dann auf gleichem Niveau fort. Mercedes kontrollierte mit Hamilton, Leclerc konnte das Tempo nicht halten in dieser Prozession auf der Rennstrecke Paul Ricard. Und Vettel hetzte hinterher.

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          Immerhin einer zeigte unter Druck etwas von dem, was die Formel 1 belebt zur Mittagszeit: Überholmanöver. Der Hesse verlor zunächst 15 Sekunden, bis er in der sechsten Runde auch den zweiten McLaren hinter sich lassen konnte. Das Publikum dankte mit Applaus und sah, wie sich der viermalige Weltmeister mit leicht besseren Rundenzeiten als sein Teamkollege um Schadensbegrenzung bemühte. An dem auf 15 Sekunden angewachsenen Rückstand hinter Verstappen im Red Bull knabberte er mühsam, aber kontinuierlich Runde für Runde.

          Was jedem vor Augen führte, wie weit Ferrari den eigenen Ansprüchen in Frankreich hinterherjagt. „Wäre ich weiter vorne losgefahren, wäre ich auch dort ins Ziel gekommen“, sagte Vettel dem Bezahlsender Sky: „Der Speed zwischen Platz drei und fünf war der Gleiche. Das Ergebnis ist in Ordnung.“ Der angekündigte Fortschritt auf dem Weg zur Wende im Kampf um die Weltmeisterschaft ließ sich wohl auch durch eine Ferrari-Brille beim besten Willen nicht erkennen.

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          Ob es gar ein Rückschritt war? Die Streckenführung mit den vielen unterschiedlichen Kurven kam am Sonntag dem Mercedes entgegen, der Eigenschaft des Boliden, viel Abtrieb zu produzieren. Auch deshalb können die Silberpfeil-Piloten die Reifen besser nutzen als die teils schlitternde wie schimpfende Konkurrenz. Hamilton blieb nach seinem Boxenstopp sogar noch vor Vettel, der als letzter Pilot der Top-Teams zum Reifenwechsel abbog und als Fünfter hinter Verstappen wieder auf die Piste schoss, ohne sich dem Niederländer im weiteren Verlauf vielversprechend nähern zu können.

          Und so kam, dank fast 54 Sekunden Vorsprung vor seinem nächsten Verfolger, Carlos Sainz J. im McLaren, „Plan F“ ins Spiel in der 50. von 52 Runden: ein zweiter Boxenstopp, frische Reifen und die Jagd auf die beste, einen Sonderpunkt werte Rundenzeit. Gesagt, getan. Zwar sauste Hamilton als Sieger mit der Bestzeit des Grand Prix ins Ziel. Aber als Vettel die Linie kreuzte, wurde er zum Punktsieger erklärt. Um 24 Tausendstelsekunden unterbot er Hamilton – auf den viel jüngeren Pneus.

          Mit Abstand hinterher: Sebastian Vettel

          Das gesamte Spiel verdeutlichte den Zuschauern die Überlegenheit des Weltmeisterteams wie zuletzt nur beim Großen Preis von Spanien. Wenn also die Roten schon das Silbergrau am Horizont verschwinden sehen: Wäre es dann nicht Zeit, den Blick zu wenden auf ein Werksduell unter Silberpfeilpiloten, Hamilton gegen Bottas im identischen Auto? Die Vorlage hatte der fünfmalige Champion aus England selbst formuliert am Samstag nach dem Sieg im Startplatzrennen: „Ich fühle mich definitiv nicht unschlagbar.“

          Er ist es auch nicht, obwohl seine Statistik eine gewisse Siegermentalität ausstrahlt. Seit Beginn der Hybrid-Ära 2014 gewann Hamilton mehr als die Hälfte aller Grands Prix (57 in 108) Rennen. 79 sind es insgesamt, Michael Schumachers Rekord (91) erscheint längst in Reichweite. Davon mögen sich selbst gestandene Grand-Prix-Sieger beeindrucken lassen. Bottas aber gewann immerhin zweimal in dieser Saison. Der Finne führte die WM sogar an nach vier Grands Prix, wenn auch nur mit einem Punkt. In Frankreich kündigte er eine Attacke an, quasi parallel zu Ferrari: „Ich bin bereit, alles zu geben.“ Wenn das alles war, was die Zuschauer zu sehen bekamen, dann wird es ziemlich einsam um Hamilton, der gerne mit seiner Lust auf harte Zweikämpfe kokettiert.

          Am Start kam Bottas nicht schneller in die Gänge; in den ersten Runden blieb er zwar auf Tuchfühlung. Aber nach zehn Touren konnte Hamilton ihn schon nicht mehr im Rückspiegel sehen. Der Chefpilot verlor vorerst nicht nur einen Gegner im eigenen Rennstall, sondern auch einen Antreiber: „Ich werde von Valtteri immer gepusht.“ Wurde, nicht werde. Bottas verlor noch seinen komfortablen Vorsprung vor Leclerc, kam nur 0,9 Sekunden vor dem Monegassen ins Ziel, als Zweiter. Formel-1-Insider sprechen in solchen Fällen gerne vom „ersten Verlierer“. Hamilton führt die Fahrerweltmeisterschaft nun mit 187 Punkten an, vor Bottas (151) und Vettel (111). Dem Briten gehen die Gegner aus.

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