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Formel 1 in Silverstone : Hamilton vom Glück geküsst

  • -Aktualisiert am

Balsam auf die britische Sport-Seele. Hamilton genießt den Sieg Bild: REUTERS

Lewis Hamilton profitiert vom Ausfall von Nico Rosberg, gewinnt das Heimrennen in Silverstone und glaubt wieder an seine WM-Chance. Nach einem heftigen Unfall von Kimi Räikkönen ist das Rennen lange unterbrochen.

          3 Min.

          Am Samstag der Verlierer, am Sonntag der große Sieger: Das war Balsam auf die Seele der gebeutelten britischen Sportfans. Erst das frühe Ausscheiden bei der Fußball-WM, dann die frühe Niederlage von Andy Murray in Wimbledon, am Samstag die Verletzung des geliebten Radprofis Mark Cavendish zum Start der Tour de France in England. Da kam Lewis Hamiltons Formel-1-Sieg beim Großen Preis von England in Silverstone gerade Recht.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Mit seinem fünften Saisonerfolg vor Valtteri Bottas im Williams und Daniel Ricciardo (Red Bull) ist der 29 Jahre alte Brite in der Fahrerwertung bis auf vier Punkte an den Führenden Nico Rosberg (165) herangekommen. Dabei profitierte er vom Ausfall des Deutschen wegen eines Getriebeschadens. „Das Wochenende hat gezeigt: du darfst niemals aufgeben“, sagte Hamilton. „Dieses Rennen wird mich wirklich nach vorne tragen.“

          Massa verhindert den Frontalzusammenstoß

          Dabei standen zunächst andere im Mittelpunkt – Ferrari: Das hat es in dieser Saison auf der Piste noch nicht gegeben. Am Sonntag war es 61 Sekunden nach dem Start so weit. Kimi Räikkönen raste beim Versuch, mit Vollgas von Rang 16 nach vorne zu kommen in der fünften Kurve über die Strecke hinaus auf den Rasen und verlor bei der Rückkehr auf den Asphalt wegen einer Bodenwelle die Kontrolle über seinen Ferrari. Der schleudernde Rennwagen prallte gegen die Streckenbegrenzung, kreiselte zurück auf die Wellington-Gerade, tauchte in die Gruppe vorbeirasender Boliden ein und wurde, was für ein Zufall, nur von einem Williams getroffen.

          Die Hände zum Himmel: Lewis Hamilton gewinnt das Rennen in Silverstone Bilderstrecke

          Dabei verhinderte Williams-Pilot Felipe Massa mit einen absichtlichen Drift einen Frontalzusammenstoß bei Tempo 250. Während der Brasilianer keine Blessuren erlitt, humpelte Räikkönen mit einer Hüftprellung davon. Ein symbolisches Bild für die Situation der Italiener. Ferrari liegt teilweise in Trümmern, geht am Stock. Selbst Rang sechs von Fernando Alonso ändert nichts an dem Bild. Nun versucht die Scuderia den früheren Technikchef Ross Brawn, bis zum Herbst Teamchef bei Mercedes, zurückzuholen.

          Wenn Ferrari auch nicht viel Power hat in diesem Jahr, für die Verbiegung einer Leitplanke zur Tea-Time, die Verzögerung beim Aufprall soll bis zu 47g betragen haben, reichte es. Sechzig Minuten dauerte die Reparatur bis zum Neustart. Zeit, nachzudenken über die ersten 61 Sekunden. Rosberg hatte die Führung von der Pole Position aus souverän behauptet, aber Weltmeister Sebastian Vettel war mit seinem Red Bull in den ersten Kurven von Rang zwei auf Platz fünf zurückgefallen, hinter Hamilton.

          Nur Sechster im Qualifying, weil er auf seiner Heimatstrecke den schnellen Wetterwechsel schlechter eingeschätzt hatte als die Deutschen; da schien das Rennen gelaufen: „Selbst wenn ich bis auf Rang zwei vorkomme“, hatte Hamilton vor der Abfahrt gesagt, „so wird Nico doch längst über allen Bergen sein.“ Wenn da nicht Räikkönen in die Quere gekommen wäre. Denn nach dem Neustart brauchte Hamilton nur zwei Runden, um die McLaren-Fraktion mit Kevin Magnussen und Jenson Button zu überholen – als seien die Kollegen auf Spazierfahrt in der Grafschaft Buckinghamshire.

          „Ich gebe doch nie auf“

          So war es nicht. Aber der Mercedes zeigte in den „schnellen“ Kurven und auf den Geraden von Silverstone wieder sein volles Potential, die geballte Überlegenheit. 2,5 Sekunden fuhren die Silberpfeil-Piloten anfangs schneller als die schnellsten Verfolger – pro Runde (!). Trotzdem bekam Hamilton noch ein bisschen Recht. Als er nach den zeitraubenden Überholmanövern in der vierten von 52 Runden auf Rang zwei auftauchte, lag Rosberg schon fünf Sekunden vor ihm, außer Sichtweite. Im Gegensatz zum Samstag aber brach er seine Jagd auf Rang eins nicht ab, diesmal bis zum Letzten getrieben von dem Willen, „das Blatt“ im Zweikampf um den WM-Titel „zu wenden“.

          „Ich gebe doch nie auf.“ Das mögen die Briten. „Push hard now“, „Mach richtig Druck“, rief ihm der Renningenieur via Funk zu, als der Vorsprung Rosbergs zu schrumpfen begann. Da spürten die – geschätzt – rund 100 000 Zuschauer an der Strecke, dass es rund gehen würde, auch hinter den beiden Silberpfeilen: Alonso und Vettel kämpften dort um Rang fünf; ein Duell am Limit, die Boliden über Runden immer wieder Rad an Rad, mit einem harten Verteidiger Alonso und einem schimpfenden Vettel noch nach seinem Überholmanöver: „Das kann er nicht machen, er drängt mich von der Piste.“

          Wende mit technischem Hintergrund

          Im Fokus aber stand die Jagd von Hamilton auf Rosberg, die um die Vorherrschaft in der Formel 1. Vor den Augen von Prinz Harry drehten sich die beiden um die Machtfrage: Wer ist hier der King? „Ok, Lewis, drei Zehntelsekunden schneller als in Sektor eins“, rief der Renningenieur. Hamilton kam näher und näher, verlor zwar beim ersten Boxenstopp wegen einer Verzögerung 1,4 Sekunden. Aber im Handumdrehen hatte er den Rückstand wieder reduziert, auf vier, drei, zwei, auf Zehntelsekunden. Da jubelten die Fans auf den Rängen, rissen die Arme hoch, winkten Hamilton zu, als er Rosberg überholte, ja stehen ließ.

          Denn diese Wende hatte keinen menschlichen, sondern eine technischen Hintergrund: Getriebeprobleme zwangen Rosberg in der 30. Runde auf die Wiese zu fahren: Feierabend. „Sehr ärgerlich. Ich habe es schon relativ früh gemerkt, es wurde dann immer schlimmer. Ich habe dann gefunkt, dass wir irgendwelche Einstellungen ändern, damit ich wenigstens die Zielflagge sehe, weil ich die Punkte brauche“, sagte Rosberg. Der Ausfall ist bitter, aber doch keine große Klage wert. Denn erstens hat Hamilton schon zwei hinter sich. Und zweitens steht es im großen Rennen der Formel 1 zur Halbzeit nun nahezu unentschieden.

          Grand Prix von Großbritannien, in Silverstone (52 Runden à 5,891 km/306,198 km):

          1. Lewis Hamilton (England) Mercedes 2:26:52,094 Std. (Schnitt: 125,091 km/h)
          2. Valtteri Bottas (Finnland) Williams + 0:30,135 Min. Min.
          3. Daniel Ricciardo (Australien) Red Bull + 0:46,495
          4. Jenson Button (England) McLaren Mercedes + 0:47,390
          5. Sebastian Vettel (Heppenheim) Red Bull + 0:53,864
          6. Fernando Alonso (Spanien) Ferrari + 0:59,946
          7. Kevin Magnussen (Dänemark) McLaren Mercedes + 1:02,563
          8. Nico Hülkenberg (Emmerich) Force India + 1:28,692
          9. Daniil Kwjat (Russland) Toro Rosso + 1:29,340
          10. Jean-Eric Vergne (Frankreich) Toro Rosso + 1 Runde
          11. Sergio Perez (Mexiko) Force India + 1 Runde
          12. Romain Grosjean (Frankreich) Lotus + 1 Runde
          13. Adrian Sutil (Gräfelfing) Sauber + 1 Runde
          14. Jules Bianchi (Frankreich) Marussia + 1 Runde
          15. Kamui Kobayashi (Japan) Caterham + 2 Runden
          16. Max Chilton (England) Marussia + 2 Runden
          17. Pastor Maldonado (Venezuela) Lotus + 3 Runden

          Ausfälle: Kimi Räikkönen (Finnland) Ferrari (1. Runde); Felipe Massa (Brasilien) Williams (1. Runde); Esteban Gutiérrez (Mexiko) Sauber (9. Runde); Marcus Ericsson (Schweden) Caterham (12. Runde); Nico Rosberg (Wiesbaden) Mercedes (28. Runde)

          Schnellste Rennrunde: Lewis Hamilton (Mercedes) 1:37,176 Min.
          Pole Position: Nico Rosberg (Mercedes) 1:35,766 Min.

          Fahrer-Wertung nach 9 von 19 Rennen:

          1. Nico Rosberg 165
          2. Lewis Hamilton 161
          3. Daniel Ricciardo 98
          4. Fernando Alonso 87
          5. Valtteri Bottas 73
          6. Sebastian Vettel 70
          7. Nico Hülkenberg 63

          8. Jenson Button 55
          9. Kevin Magnussen 35
          10. Felipe Massa 30
          11. Sergio Perez 28
          12. Kimi Räikkönen 19
          13. Jean-Eric Vergne 9
          14. Romain Grosjean 8
          15. Daniil Kwjat 6
          16. Jules Bianchi 2

          Team-Wertung nach 9 von 19 Rennen:

          1. Mercedes 326
          2. Red Bull 168
          3. Ferrari 106
          4. Williams 103
          5. Force India 91
          6. McLaren Mercedes 90
          7. Toro Rosso 15
          8. Lotus 8
          9. Marussia 2

          Nächstes Rennen: GP Deutschland am 20. Juli am Hockenheimring

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