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Formel 1 : Geheimer Tank bringt BAR-Honda in Betrugsverdacht

Button muß weiter um seinen dritten Platz fürchten Bild: AP

Der Bolide, mit dem Jenson Button in Imola auf Rang drei fuhr, wird von den Kontrolleuren als zu leicht befunden. Das britische Formel-1-Team BAR-Honda soll mit einem geheimen Zusatztank das Gewicht manipuliert haben.

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          Erst das Fest und nun der Kater. Zwei Tag nach der großen Formel-1-Show am Sonntag während des Großen Preises von San Marino in Imola, als sich Michael Schumacher und Fernando Alonso ein atemraubendes Duell bis ins Ziel lieferten, wird die Rennserie von einem schweren Betrugsvorwurf getroffen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Der Rennstall BAR-Honda steht unter dem dringenden Verdacht, einen großen Teil des vierten Rennens, das Pilot Jenson Button als Dritter beendete, absichtlich untergewichtig gefahren zu sein. Das meldete "Auto, Motor und Sport" am Dienstag. Der Internationale Automobil-Verband (FIA) wird am 4. Mai über dem Fall öffentlich und wohl auch vor laufenden Kameras zu Gericht sitzen. Sollte BAR ein Betrug bewiesen werden, dann müßte das Team laut Regelwerk von der Weltmeisterschaft ausgeschlossen werden. Bereits zu Beginn dieses Jahres hatte FIA-Präsident Max Mosley eine harte Haltung angekündigt: "Egal wer betrügt, ob Ferrari bis hinunter zu Minardi, es wäre das Ende für sie in der Meisterschaft."

          „Zehn Kilo kann man nicht mehr mit Schlampigkeit erklären"

          Der Fall BAR schien schon am Sonntag abend nach stundenlangen Untersuchungen erledigt. Jedenfalls sahen die Streckenstewarts, eine Art Standgericht, keinen Grund, den Rennstall zu bestrafen. Aber die FIA akzeptierte das Urteil ihrer eigenen Kommission nicht und legte Berufung ein. Und das war passiert: Der erfahrene Chefkommissar Charlie Whiting mißtraute den guten Rundenzeiten Buttons während des Rennens nach den eher schwachen Touren bei den ersten drei Grand Prix. Zudem kam der Brite jeweils mit den Letzten zum Nachtanken.

          Ist im BAR-Honda ein geheimer Tank versteckt?

          Beim ersten obligatorischen Wiegen nach dem Grand Prix entsprach das Auto dann noch den Regeln. Whiting ordnete aber einen zweiten Wiegevorgang mit entleertem Tank wie Leitungssystem an. Und siehe da, der Bolide lag plötzlich gut zehn Kilogramm unter dem Mindestgewicht von 605 Kilogramm inklusive Fahrer. "Das ist kein Zufall mehr. Ein, zwei Kilo, das kann schon mal passieren, wenn man nicht aufpaßt", sagte ein Formel-1-Konstrukteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, "aber zehn kann man nicht mehr mit Schlampigkeit erklären."

          Wozu braucht BAR einen Geheimtank?

          Nach Angaben von "Auto Motor und Sport" hatte BAR einen Zusatztank eingebaut, der in den der FIA vorliegenden technischen Zeichnungen nicht zu sehen ist. Beim letzten Boxenstop könnte der Behälter dann während des Tankvorganges gefüllt worden sein, um wieder auf das Mindestgewicht zu kommen. Stimmen die Vorwürfe, dann wäre Button im zweiten Zeittraining und in den ersten 48 von 62 Runden in Imola pro Umlauf mindestens vier Zehntelsekunden schneller gewesen als in einem regelkonformen Renner. Zudem schont ein leichteres Auto die Reifen. Seit dieser Saison darf in Zeittraining und Rennen nur noch ein Satz verwendet werden.

          Nick Frey, Teamchef von BAR, beteuert, sein Rennstall habe nicht gegen den Sportcode verstoßen. "BAR-Honda wird der FIA die gleichen Daten vorlegen wie den Rennkommissaren, und wir sind zuversichtlich, daß wir einmal mehr beweisen können, daß unser Auto in allen Punkten den Regeln entspricht", ließ Frey erklären: "Wir haben in Imola bewiesen, daß wir während des ganzen Rennens immer über dem Gewichtslimit lagen. (...) Das haben uns die Stewarts mit einem unterzeichneten Dokument bestätigt." Daß Buttons Auto einen Geheimtank hatte, bestätigte allerdings ein FIA-Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "BAR wurde gefragt, ob es einen geheimen Tank gibt. Das haben sie verneint. Dann aber ist mit Hilfe eines Endoskop der Geheimtank im eigentlichen Tank entdeckt worden." Wozu braucht BAR einen Geheimtank, wenn die Zahl der Reservoirs im Tank frei ist?

          "Das ist unser Doping"

          Gewichtsmanipulationen sind in der Formel 1 immer wieder entdeckt worden. 1984 füllte Tyrrell seine Autos kurz vor Rennende mit bleihaltigem Benzin in doppeltem Sinne: Neben dem Treibstoff liefen auch Bleikugeln in den Tank. Tyrrell wurden alle WM-Punkte für die komplette Saison gestrichen. Das Toyota-Rallye-Team wurde 1996 wegen eines Betrugsversuches von der Meisterschaft ausgeschlossen und für zwei Jahre aus dem Verkehr gezogen.

          In der modernen Formel 1 machte der FIA zuletzt die schwer zu kontrollierende Elektronik zu schaffen. "Das ist unser Doping", sagte FIA-Chef Mosley in den vergangenen Jahren immer wieder. Mit einer Freigabe versuchte die FIA die Manipulationsgefahr auf diesem Gebiet zu unterlaufen, nachdem sie wiederholt Indizien für Verstöße gesammelt hatte. Zwar gibt es eine Art Selbstreinigungskraft in der Formel 1, weil sich die Teams gegenseitig mit Argusaugen überwachen. Aber selbst wenn sich die FIA mit Hilfe von Informationen via Gegner eines Verstoßes sicher war, so konnte sie den vermeintlichen Täter doch nicht immer überführen. Der spektakulärste Fall liegt elf Jahre zurück. Im Sommer 1994 entdeckte die FIA in der Software von Benetton ein System für eine damals verbotenen elektronische Fahrhilfe. Michael Schumachers Rennstall erklärte damals, es sei zu aufwendig gewesen, das 1993 noch erlaubte Programm zu löschen. Nun scheint die Formel1 wieder ein Fall für James Bond zu sein. Aber diesmal ist 007 wohl nicht der Code für den Sieg des Guten - es ist die Typenbezeichnung des geheimnisvollen BAR.

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