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Formel 1 : Gefahr, Zerreißprobe, Abgrund? Die Formel 1 im ewigen Kreisverkehr

  • -Aktualisiert am

Hebt die Faust vor Freude und zum Zeichen seiner Kampfbereitschaft: Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo Bild: AP

Die Formel 1 vor der Zerreißprobe, die Formel 1 in Gefahr, die Formel 1 am Abgrund: Auf diese dramatischen Zeilen ließen sich die gesammelten Aussagen destillieren, mit denen die Mächtigen der Branche in Monza die Stimmung beschrieben haben. Jeder will den Wettlauf um Macht und Moneten gewinnen.

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          Die Formel 1 vor der Zerreißprobe, die Formel 1 in Gefahr, die Formel 1 am Abgrund: Auf diese dramatischen Zeilen ließen sich die gesammelten Aussagen destillieren, mit denen die Mächtigen der Branche das Geschehen um den Großen Preis von Italien in Monza würzten.

          Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo drohte nur leicht verklausuliert damit, daß sich der Traditionsrennstall ganz schnell aus der glitzernden Welt des großen Motorsports zurückziehen könnte. Max Mosley, Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA) kündigte umfassende Regeländerungen an - notfalls über die Köpfe der Teams hinweg. Diese wiederum erklärten ihre Bereitschaft, vor die Gerichte zu ziehen, falls es soweit käme (F.A.Z. vom 3. September). Und die Vereinigung der in der Formel 1 vertretenen Automobilkonzerne (GPWC) forderte wiederum kategorisch mehr Einfluß und Geld, ansonsten würden sie vielleicht doch noch eine Gegenserie etablieren.

          Ecclestones Welt

          Alle, die auf die Formel 1 nicht verzichten wollen oder können, seien beruhigt: Was in Monza toste, war kein Schlachtenlärm, sondern nur Säbelrasseln. Keine Partei hat ein Interesse daran, daß im Kampf untereinander die Bühne zusammenbricht. Worum geht es eigentlich? Selbst Insider verlieren im Wust der Details den Überblick. Auf den Punkt gebracht: Alles dreht sich um Macht und Geld. Diese beiden erstrebenswerten Dinge bündelte 25 Jahre lang Bernie Ecclestone. Als der englische Unternehmer mit dem Schwerpunkt Gebrauchtwagenhandel 1972 den traditionsreichen Rennstall von Jack Brabham übernahm, war er überrascht, wie amateurhaft die Formel 1 aufgezogen wurde. Er gründete die Vereinigung der Rennställe, wurde deren Präsident, überzeugte die Teams von einer gemeinsamen Vermarktung und führte den Verbund dank seines Verhandlungsgeschicks in goldene Zeiten. Die reich gewordenen Rennstallbesitzer dankten ihm seine Wohltaten mit Nibelungentreue und fragten nicht weiter nach, wie groß eigentlich der Kuchen war, den Ecclestone für sie buk, und wieviel Krumen er ihnen davon überließ. Was sie nun bekamen, war unvergleichlich viel mehr als das, was sie jemals hatten.

          Die Automobilkonzerne aber, die seit den neunziger Jahren verstärkt in die Formel 1 einstiegen und mit ihren Investitionen im dreistelligen Millionenbereich noch einmal aufwerteten, begnügten sich nach einiger Zeit nicht mehr mit der Rolle der stummen Geld- und Motorenlieferanten. Sie wollten Transparenz, Planungssicherheit und Einfluß. Ecclestone machte kleinere Zugeständnisse, nahm einige wieder zurück; auf jeden Fall ließ er nicht zu, daß sein über Jahrzehnten aufgebautes Dickicht aus Geschäftsbeziehungen, Beteiligungen und Abhängigkeiten ganz durchschaut werden konnte.

          Der Streit schwelt seit Jahren, mittlerweile geht der zähe Ecclestone auf die 74 zu, und so langsam bringen sich alle Interessengruppen in Position, den großen Zampano zu beerben. Ecclestone allerdings klammert sich an seinen Posten und mit einer gewissen Boshaftigkeit läßt er die Jüngeren spüren, daß noch Leben in ihm steckt. Als Ferrari-Präsident Montezemolo am Samstag im Fahrerlager von Monza wieder einmal zu einer Suada anhob, erschien plötzlich der kleine Engländer im Raum. Und der mächtige italienische Unternehmer, der gerade noch gewettert hatte, daß sich die Rennställe unmöglich länger mit 47 Prozent der Fernseheinnahmen abspeisen lassen könnten, wurde ganz verlegen. Immerhin entzog er sich Ecclestones dringender Aufforderung, gemeinsam den Raum zu verlassen und sich als Zeichen der Annäherung gemeinsam den Fotografen zu stellen. Eine groteske, kabarettreife Szene.

          Auf der großen Feier, mit der Ferrari am Samstag abend das Jubiläum von 700 Grand-Prix-Starts beging, klang dann Montezemolo ganz anders. Da drohte er nicht mit Ferraris Rückzug aus der Formel 1, sondern sprach von der großen Passion, die noch sehr lange Bestand haben werde.

          Mitspieler Mosley


          Grundsätzlich verfolgen die anderen Automobilkonzerne die gleichen Interessen wie Ferrari, die Beschneidung von Ecclestones Macht. Und wären sich alle einig, hätte der Engländer einen noch schwereren Stand. Aber er versteht es geschickt, die sieben Hersteller immer wieder zu spalten, wobei Ferrari immer so etwas wie eine Außenseiterrolle im Verbund der Hersteller einnahm. Dabei kommt ihm ein alter Spezi aus den siebziger Jahren zu Hilfe: Max Mosley. Der frühere Mitbesitzer des Rennstalls March ist als Präsident der FIA so was wie der oberste Regelgeber und -hüter der Formel 1. Seit einiger Zeit propagiert Mosley, die Formel 1 müsse billiger und sicherer werden. Deshalb fordert er die Rennställe seit anderthalb Jahren auf, Abrüstungsvorschläge zu machen, ansonsten würde die FIA die Teams vor vollendete Tatsachen stellen. Und tatsächlich vermögen sich die zehn Rennställe und noch nicht einmal die sieben Automobilwerke zur Zeit auf ein Reglement zu einigen. Deshalb präsentierte Mosley vor Monza drei eigene Vorschläge die Aerodynamik, die Motoren und die Reifen betreffend.

          Die Rennställe haben nun 45 Tage Zeit, sich auf einen dieser Vorschläge oder auf eine Mischung dieser drei zu einigen. Andernfalls trifft die FIA die Entscheidung. Dagegen haben einige Werke schon mit Rückzug oder mit gerichtlichen Schritten gedroht, was Mosley ziemlich kalt ließ. "Wir ziehen das durch", sagt der Engländer. Warten wir es ab, ob es so weit kommt. Der Vorhang zum nächsten Akt des Formel-1-Theaters hebt sich bestimmt in Kürze.

          "Ich hätte nicht gedacht, daß die beiden noch nach vorne kämen. Aber sie waren unantastbar."

          BAR-Pilot Jenson Button

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