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Pause wegen Corona-Krise : Auch jetzt feilscht und streitet die Formel 1

Funkenflug in der Formel 1 – auch in der Zwangspause Bild: Reuters

Die Formel 1 fürchtet wegen der Corona-Krise Totalverluste. Halten alle in diesen schweren Tagen wenigstens zusammen? Nein. Die Teams bleiben auf Ego-Kurs. Und immer wieder scheiterten Vorstöße mit klugen Ideen.

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          Auf die Formel 1 ist Verlass. Es wird weiter gestritten. Seit zwanzig Jahren klagen die kleineren Teams über die Kostensteigerung durch den Druck der Konzerne in der Branche. Trotzdem sind die meisten im Rennen geblieben. Diesmal aber sind Warnungen vor dem Existenzverlust berechtigt. Acht der geplanten 22 Grands Prix sind verschoben worden, der Große Preis von Monaco wurde abgesagt. Immer noch tut die Formel-1-Führung so, als wollte sie im Juni mit der Saison beginnen und könnte 15 Rennen in dieser Saison austragen.

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          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Notfalls sollen Vettel und Co über den 31. Dezember hinaus ins neue Jahr hineinsausen. Die Realität schreibt an einem anderen Drehbuch: Kanada wird die Grenzen Mitte Juni kaum öffnen für einen Tausend-Mann-Zirkus aus Europa. Zu glauben, dass Frankreich und Österreich zwei und drei Wochen später eine Willkommensadresse ohne Quarantäne-Zeit verschicken, ist naiv. Aber in England wird die Formel 1 im Juli auf ihrem Geburtsplatz in Silverstone kreisen, obwohl Wimbledon abgesagt wurde?

          Bernie Ecclestone, der ehemalige Chefmanager, empfahl dieser Tage die Absage der Saison. Die Formel 1 werde wiederkommen. Der Brite, auf dem Weg zum 90. Geburtstag, kennt sich aus mit Zukunftsthemen unter schwierigen Bedingungen. Er sieht laut eigener Darstellung wieder Vaterfreuden entgegen. Die Formel 1 dagegen fürchtet Totalverluste. Pro Grand Prix verliert der Zirkus geschätzt bis zu 90 Millionen Euro, insofern Veranstalter, Fernsehsender und Sponsoren nicht zahlen oder Vorlagen zurückverlangen. Ende der vergangenen Woche reagierte die Rating-Agentur Moody’s. Sie stufte die Formel-1-Gesellschaft herab (B2).

          In der Corona-Krise steckt auch eine Chance. Der Internationale Automobil-Verband (Fia) ergriff sie. Die Regelbehörde rief eine Art Notstandsprogramm auf. Es gibt ihr Freiheiten: Ein neuer Rennkalender kann nun in Zusammenarbeit mit dem Formel-1-Management freihändig gestaltet werden. Die Teams müssen nicht mehr gefragt werden, ob ihnen ein Zeitpunkt genehm ist oder nicht. Nicht mal, ob sie einverstanden sind, ein Grand-Prix-Wochenende von drei auf zwei Tage zu reduzieren. Änderungen des Reglements sind ohne einhundertprozentige Zustimmung zuständiger Gremien möglich. Es reichen 60 Prozent.

          Laut dem Fachmagazin „Auto Motor und Sport“ glaubt die Fia, ihr Regelwerk erlaube die Durchsetzung eines drastischen Sparplanes, zum Wohl der Allgemeinheit, versteht sich. Corona der Hebel – nicht nur für die Fia. Zwanzig Jahre kämpfen die unterschiedlichsten Parteien um eine „gerechte“ Verteilung der Einnahmen, um eine Reduzierung des teuren Wettrüstens. Sei es, um den Gewinn möglichst hoch zu halten, die Leistungsdichte zu erhöhen oder um nur halbwegs würdig im Rennen zu bleiben.

          Immer wieder scheiterten Vorstöße mit klugen Ideen an egoistischen Motiven. Selbst die endlich unter großen Mühen errungene Festlegung auf ein maximales Budget von 175 Millionen Dollar (umgerechnet 162 Millionen Euro) wirkt nicht überzeugend. Zwanzig Ausnahmen, unter anderem Freiräume für die Festlegung von Fahrergehältern und die Honorierung von Spitzenpersonal, verstärkten den Eindruck einer Scheinlösung. Ganz zu schweigen von den massiven Schwierigkeiten der kleineren Rennställe, über 100 Millionen Dollar (92,55 Millionen Euro) verfügen zu können. Jetzt aber, da die Räder stillstehen, kommt Bewegung ins Spiel.

          An diesem Montag soll es eine Video-Konferenz mit Teamchefs, Fia-Präsident Jean Todt und der Formel-1-Geschäftsführung geben, eine Diskussion über die Fortsetzung des Sparprogramms. Das große, teure Reformprogramm der Formel 1 für 2021, strenge wie enge Konstruktionsvorschriften, ist schon verschoben worden. Die Chassis der bislang aufgebockten Generation 2020 werden auch (oder erst?) 2021 eingesetzt, Änderungen sind untersagt. Dieses sogenannte Einfrieren der Technik soll erweitert werden auf die Motoren, auch von Getriebe, Aufhängungsteilen und anderem ist die Rede. Es geht zudem um die Frage, ob und wann etwa im Laufe eines Grand-Prix-Wochenendes auf die ständige Erneuerung des Boliden an Haupt und Gliedern verzichtet werden muss, um die ständige Lieferkette Fabrik–Rennstrecke zu stoppen.

          Der heikelste Diskussionspunkt aber dreht sich um die Herabsetzung des erlaubten Gesamtetats. Laut „Auto, Motor und Sport“ fordern kleinere Teams eine Obergrenze von 100 Millionen Dollar inklusive des Abbaus der gewährten Freizügigkeit etwa beim Fahrersalär. Zu einem so großen Schritt wird es kaum kommen im Klub der Streiter, Feilscher und Strategen. Selbst wenn Konzerne wie Daimler oder Renault mehr denn je ihr Interesse am Formel-1-Geschäft überdenken werden unter dem Druck von Gegnern im eigenen Haus angesichts der Corona-Folgen. Aber das Virus bewegt die zum Zwangsurlaub verdammte Szene, vor allem im Kopf schnell zu bleiben und vorauszudenken. Was, wenn ein Großer den Kleinen entgegenkommt und 150 Millionen als Grenze akzeptiert, aber mit dem Entgegenkommen eine Verschiebung der großen Regelreform um ein weiteres Jahr auf 2023 verknüpft? Clever.

          Sportdirektor Helmut Marko hatte kurz vor dem geplanten, dann abgesagten Saisonstart in Australien gegenüber dieser Zeitung von einem Entwicklungssprung seines Teams gesprochen: „Wir glauben, dass wir an Ferrari vorbei sind und nicht weit weg von Mercedes.“ Red Bull wähnt sich auf dem Sprung. Und hätte, ließe sich die große Regeländerung um zwei Jahre verzögern, Spielraum auf seinem Spezialgebiet. Denn die Freiheiten auf dem Gebiet der Aerodynamik blieben unangetastet. Corona, so scheint’s, beflügelt. Nämlich die Schnellsten, ihre Schnelligkeit zu konservieren.

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