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Mehr als Formel-1-Rekorde : Hamiltons großer Preis

  • -Aktualisiert am

Stiller Protest: Hamilton will auf Diskriminierung und Polizeigewalt in Amerika aufmerksam machen. Bild: AP

Mit dem 91. Formel-1-Sieg könnte Lewis Hamilton in Sotschi Michael Schumacher einholen. Doch der Brite sagt, es gebe Wichtigeres. Hamilton reichen Rekorde auf der Rennstrecke nicht (mehr).

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          Am Sonntag (13.10 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1, bei RTL und Sky) könnte Lewis Hamilton in Russland mit seinem 91. Sieg Michael Schumacher einholen und dem Deutschen davonfahren. Alle schauen auf diese magische Zahl des Motorsports. Auf eine Leistung, die selbst jüngere Fahrer für unüberbietbar hielten, als Schumacher 2012 zurücktrat. Lewis Hamilton sagt, es gebe Wichtigeres.

          Für den sechsmaligen Champion ist es der Protest gegen die Gewalt von Polizisten gegen schwarze Menschen. Hamilton hat ihn in den vergangenen Monaten zu seinem eigenen gemacht. Mit scharfer Kritik, mit Aufforderungen an seine Kollegen, mit weltweit wahrgenommenen Auftritten. Es ist wohl kein Zufall, dass der Brite den kämpferischen, den politischen Jahrhundertstar des Sports bewundert: Muhammad Ali boxte wie kein Zweiter gegen die Unterdrückung.

          Hamilton reichen Rekorde der Rennstrecke nicht (mehr). Sie würden ihn allenfalls numerisch von Schumacher unterscheiden. Was bringt das schon der Menschheit, ob einer 100 statt 91 Rennen im Kreis gewonnen hat, acht statt sieben Weltmeisterschaften, wenn er „nebenbei“ einen Kampf aufnimmt, der viel mühseliger, gefährlicher ist und der Gesellschaft dient statt dem Ego?

          In der kapitalistischen wie multikulturellen Formel-1-Gesellschaft ist Rassismus nicht öffentlich erkennbar. Sie setzt auf Leistung, versteht sich als Unterhaltungsunternehmen ohne großen Bezug zu Menschenrechtsfragen. Sonst würde sie nicht ungerührt zu brutalen Autokraten in die Diaspora des Motorsports reisen. Sie fährt, wo der Rubel rollt. Auch Hamilton verlangt seinen Teil. Und nutzt seine Spitzenposition in dem von Weißen beherrschten Sport für seine Kernbotschaft: Ich gehe über das Limit.

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          Beim Sieg vor zwei Wochen in Mugello war das nicht nötig. Aber bei der Siegerehrung, zu der er ein T-Shirt mit einem Schriftzug in Englisch trug, dessen Übersetzung so lautet: „Nehmt die Polizisten fest, die Breonna Taylor töteten.“ Frau Taylor war von Polizisten erschossen worden, als diese irrtümlich ihre Wohnung stürmten und ein Freund der Getöteten aus Angst das Feuer eröffnet hatte. Hamilton hält seine Aufforderung für eine allgemeine Botschaft gegen Rassismus. Sie hat aber einen starken politischen Charakter, geht weit über das hinaus, was der Internationale Automobil-Verband (Fia) an Äußerungen gegen Rassismus während seiner Wettbewerbe toleriert, seit dem Saisonstart protegiert.

          Hamilton machte die Siegerehrung zu einer Plattform für seine Politik. Diese Freiheit wollen sich sowohl der Weltverband als auch das Formel-1-Management allein mit Blick auf die Interessen der Sponsoren nicht leisten. Am Sonntag soll das Podium offiziell eine „neutrale“ Zone sein: Auftritt nur im Rennoverall. Hamilton hat das erwartet. Er folge seinem Herzen und mache, was er für richtig halte, ließ er wissen. Wie weit er sich von Schumacher entfernt, wird sich zeigen, wenn Hamilton für seine bewundernswerte Überzeugung einen Preis zahlen muss.

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          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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