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Nach nächstem Vettel-Fiasko : Plötzlich spielt Ferrari den Samariter

  • -Aktualisiert am

Auch in Ungarn hat es nicht für das Podium gereicht: Sebastian Vettel fuhr abermals nur hinterher. Bild: Reuters

Sportlich läuft es in dieser Formel-1-Saison noch überhaupt nicht für die Scuderia um den deutschen Piloten Sebastian Vettel. Teamchef Mattia Binotto hat nun aber einen Plan, um Sympathien zu gewinnen.

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          Ferrari wird langsam besser. Das liegt daran, dass die vor einer Woche in Österreich präsentierten neuen Aerodynamikentwicklungen langsam Wirkung zeigen. Und dass Motorleistung auf dem Hungaroring eine geringere Rolle spielt als in Spielberg. Das ändert nichts daran, dass Ferrari weiter im Mittelfeld feststeckt. Auch beim Großen Preis von Ungarn reichte es für Sebastian Vettel lediglich für den sechsten Rang, dabei wurde er sogar vom Sieger Lewis Hamilton überrundet. Nur der Abstand zur Spitze ist vorübergehend geschrumpft.

          Zielscheibe in der Heimat ist jetzt Teamchef Mattia Binotto. Der hat in seiner 25-jährigen Dienstzeit in Maranello schon einige stürmische Zeiten erlebt, wenn auch in einer weniger exponierten Position: „Diese Erfahrung hat mich darauf vorbereitet, was ich jetzt als Teamchef aushalten muss. Der Druck kommt hauptsächlich von außen, aber wir machen ihn uns auch selbst. Wir kennen unsere Ziele. Was wir im Augenblick sehen, ist für Ferrari nicht gut genug.“

          Mangels Erfolg auf der Rennstrecke versucht die Teamführung auf einem anderen Parkett Sympathien zu gewinnen. Binotto verkauft den berühmtesten Rennstall der Welt gerade gerne als Samariter des Sports. Der Mann mit der Harry-Potter-Frisur wird dabei nicht müde zu betonen, wie wichtig die Rolle von Ferrari in diesem Sport ist und wie dankbar die Gegner sein müssen, dass Maranello am Ende der Reduzierung des Kostendeckels von 175 auf zunächst 145 Millionen Dollar zugestimmt hat. Man habe es zum Wohle des Sports und gegen eigene Interessen getan. Das könne man von einigen Konkurrenten nicht behaupten. Der Gegenvorschlag von Ferrari, die Finanzkrise nach dem Vorbild der MotoGP mit Kundenteams zu lösen, fiel durch. Leicht verstimmt berichtet Binotto: „Er wurde von allen Beteiligten abgelehnt.“

          Ein Zeichen setzen

          Wenn man zurzeit schon nicht Erster auf der Strecke sein kann, will man wenigstens als Erster das neue Concorde-Abkommen unterschreiben und damit ein Zeichen setzen. Der Grundsatzvertrag regelt die Ausschüttung der Einnahmen an die Teams, die Gewaltenteilung und das Mitspracherecht der Teilnehmer bei Regeländerungen. „Wir von Ferrari sind bereit zu unterschreiben. Sogar schon sehr bald. Das ist wichtig für die Zukunft des Sports, denn es schafft Klarheit, auch für die anderen Teams.“ Das Formel-1-Management reibt sich bei solchen Aussagen die Hände. Wenn Ferrari im Boot ist, ziehen die anderen nach. Mercedes-Teamchef Toto Wolff dagegen ist entsetzt über so wenig taktisches Geschick: „Verhandlungen sollten hinter verschlossenen Türen geführt werden. Es gibt da noch Punkte, die geklärt werden müssen.“ Wie üblich hat sich Ferrari die besten Konditionen gesichert und sogar ein abgeschwächtes Vetorecht erstritten. Was Binotto so umschreibt: „Wir sind froh, dass die Formel die Bedeutung unserer Rolle in diesem Geschäft verstanden hat. Das war der Schlüssel für uns.“

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          Die Beziehungen zum Weltverband sind dagegen seit diesem Winter wegen der Motor-Affäre angespannt. Die Fia ist bis heute nicht glücklich über den Vergleich in dem Motorenstreit, in den sie wegen der schwierigen Beweisführung im Verdacht um mögliche Tricksereien hineingetrieben wurde. Die Fia hatte öffentlich Zweifel an der Legalität des Motors bekundet, kann sie aber nicht artikulieren, weil Ferrari auf das vereinbarte Stillhalteabkommen pocht. Binotto steht weiter auf dem Standpunkt, dass sich Ferrari nichts zuschulden kommen ließ. „Es lag kein klarer Regelverstoß vor. Deshalb wurden wir auch nicht disqualifiziert.“ Den eklatanten Leistungsverlust vom letzten auf dieses Jahr erklärt er wortreich mit den vielen Restriktionen, die den Motorherstellern seit November 2019 auferlegt wurden. „Diese Klarstellungen treffen nicht nur uns, sondern auch andere. Wenn ich mir die Leistungsdaten in dieser Saison anschaue, dann mussten auch andere Hersteller reagieren.“ Was er dabei unterschlägt: Ferrari musste mehr Federn lassen als alle anderen.

          Hofft auf Sympathien: Mattia Binotto
          Hofft auf Sympathien: Mattia Binotto : Bild: Reuters

          Jetzt trifft Ferrari eine der vielen Sparmaßnahmen, die die Corona-Krise geboren hat. Bis zum Ende des Jahres gilt beim Verbrennungsmotor, dem Turbolader und der Elektromaschine MGU-H ein Entwicklungsstopp. Interessant ist, dass Ferrari diese Maßnahme nicht verhindern konnte, obwohl man schon im Februar wusste, dass der Motor die größte Baustelle im Paket ist. Die Konkurrenz vermutet darin eine versteckte Bestrafung durch den Weltverband. Ferrari erklärt es damit, dass man zum Wohle des Sports sämtliche Sparmaßnahmen mitgetragen hätte. „Es gibt kein Team, das so viele Kompromisse eingehen musste wie wir“, sagt Binotto.

          Auch bei der Homologation von Fahrzeugkomponenten sieht sich Ferrari in der Opferrolle. Insgesamt 40 Bereiche des Autos werden bis Ende 2021 festgeschrieben. Jedes Team darf sich aus dieser Liste nach einem Token-System einen Bereich heraussuchen, an dem man nachbessern will. Ferrari hat seine beiden Token der Fia schon mitgeteilt. Und seine beiden Kunden HaasF1 und Alfa Romeo müssen mitziehen, weil sie große Teile ihres Autos in Maranello einkaufen. Mercedes-Kunde Racing Point dagegen nutzt ein Schlupfloch. Für die bei Mercedes eingekauften Teile gilt die Token-Regel nicht, weil Racing Point sich immer am Vorjahresauto bedient. „Das ist unfair gegenüber den Teams, die nur zwei Teile anfassen dürfen. Dieses Limit sollte für alle gelten“, fordert Binotto. Die Sorge von Ferrari liegt auf der Hand. Racing Point ist plötzlich ein direkter Gegner auf der Rennstrecke.

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