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Formel-1-Tests in Barcelona : Zweifel an Erklärung für Alonsos Unfall

  • -Aktualisiert am

Noch nicht wieder ganz fit: Fernando Alonso verlässt das Krankenhaus in Barcelona Bild: dpa

Drei Tage nach seinem Unfall verlässt Formel-1-Pilot Fernando Alonso das Krankenhaus und erholt sich nun daheim. Das McLaren-Team gibt weiter einer Windböe die Schuld – doch Experten bezweifeln, dass das die ganze Wahrheit ist.

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          Fernando Alonso hat auch eine dritte Nacht im Hospital General de Catalunya verbracht. Am Mittwoch durfte er das Krankenhaus schließlich verlassen, am frühen Nachmittag verfasste sein Arbeitgeber, der Rennstall McLaren eine Pressemitteilung. Alonso erhole sich nunmehr daheim. Die letzte Runde der Testfahrten vor dem Start in die neue Formel-1-Saison am 15. März in Melbourne findet ohne ihn statt. Dabei braucht der Spanier den nächsten Test dringend: 536 Kilometer hat Fernando Alonso bislang im McLaren-Honda zurückgelegt. Zum Vergleich: Mercedes-Pilot Nico Rosberg kam bislang auf 2281 Kilometer. Einen höheren Kilometerstand des zweimaligen Weltmeisters im neuen MP4-30 verhinderten bislang diverse Defekte – und der Unfall vom Sonntag auf dem Circuit de Catalunya.

          Der Spanier war mit dem Hubschrauber in eine Klinik geflogen worden. Offiziell zur Beobachtung im Rahmen der üblichen Vorsichtsmaßnahmen. Das Statement des Rennstalls McLaren, ihr Fahrer sei unverletzt und habe bei allen CT-Scans normale Werte gezeigt, stimmt angesichts der langen Verweildauer im Krankenhaus, der Aussagen des Rettungspersonals und der nunmehr nötigen weiteren Erholung nachdenklich.

          Seitlich von einer Windböe erfasst

          Auch wegen der anfänglichen Verdunkelungspolitik des Teams wird im Netz weiter eifrig über Alonsos Unfall diskutiert. In Spanien verfestigt sich die Meinung, dass McLaren nicht die ganze Wahrheit sagt. Fotografen, die am Ort des Geschehens waren, zweifeln offen die Darstellung des Rennstalls an, nach der Alonsos Rennwagen von einer starken Windböe erfasst wurde. Er erwähnt Vettel, der praktisch gleichzeitig durch die Kurve fuhr, ohne von der Strecke zu fliegen. Auch er war in diesem Moment dem Wind ausgesetzt. Nach einem Tag Bedenkzeit brachte McLaren etwas Licht in den Unfallhergang.

          Demnach wurde Alonso beim Einlenken in die Curva Renault, wo mehr als 200 Kilometer pro Stunde erreicht werden, seitlich von einer starken Windböe erfasst und nach außen auf den Kunstrasen gedrückt. Der Verlust an Traktion habe das Auto kurz instabil gemacht. Als das linke Hinterrad wieder Haftung auf dem Asphalt vorfand, bog der McLaren nach innen ab. Das war der Moment, an dem der nachfolgende Sebastian Vettel den Kollegen ins Blickfeld bekam. Für den Ferrari-Piloten sah die Irrfahrt von Alonso nach innen nicht mehr wie ein richtiger Unfall aus, weil das Auto Tempo verloren hatte. Vettel schätzte die Geschwindigkeit auf rund 150 Kilometer pro Stunde.

          Da Alonso in diesem Moment noch gelenkt, gebremst und herunter geschaltet hat, scheidet die Theorie einer Ohnmacht im Cockpit aus. Damit auch alle Spekulationen, ein elektrischer Schlag oder Batteriedämpfe hätten den Fahrer benebelt. Der Fahrer verlor beim ersten Mauerkontakt kurz das Bewusstsein. Deshalb dauerte es dann noch 15 Sekunden, bis der McLaren zum Stillstand kam. Alonso zeigte in dieser Phase offenbar keine Reaktionen mehr. Gleich nach dem Aufprall soll er auf einfache Fragen keine Antwort gewusst haben. Zum Beispiel die nach seinem Namen. Experten sagen, das sind typische Symptome einer Gehirnerschütterung. Am Dienstag bekam Alonso Besuch von McLarens Teamchef Eric Boullier und von Pedro de la Rosa, dem früheren Formel-1-Piloten. Er sei als Freund da, sagte de la Rosa, mehr nicht.

          Für eine Gehirnerschütterung sprechen auch die relativ hohen Verzögerungswerte. Beim ersten der beiden Einschläge in die Mauer wurden 30,7 g gemessen. Dabei sind über einen Zeitraum von 54 Millisekunden Verzögerungen über 15 g gemessen worden. Eine scheinbar niedrige Zahl, aber über einen relativ langen Zeitraum. Da Alonso beim Aufprall nach Augenzeugenberichten nicht besonders schnell unterwegs war, verwundern die hohen Kräfte, denen der Fahrer ausgesetzt war. Dafür gibt es aber eine Erklärung. Der McLaren prallte seitlich im rechten Winkel gegen die Mauer. So konnten die Aufhängungen nicht abbrechen und Energie absorbieren. Die komplette Kraft wurde in das Auto und damit den Fahrer weitergeleitet.

          Am Sonntag musste der McLaren-Pilot noch mit Helikopter abtransportiert werden

          Drei Stunden und 23 Minuten nach Alonso erwischte es den zweiten Spanier im Feld. In der gleichen Kurve. Carlos Sainz junior schilderte seinen ersten großen Formel 1-Crash. „Es war ein ziemlich übler Unfall. Ich war mit harten Reifen unterwegs, hatte dadurch auch noch wenig Grip. In dieser Kurve blies der Wind in sehr starken Böen, aber nicht konstant. Du konntest dich nicht darauf einstellen. Mal war er stärker, mal schwächer. Die Kurve drei ist schnell und lang. Wenn der Wind von der Seite kommt, hast du am Eingang, in der Mitte und am Ausgang jeweils eine andere Fahrzeugbalance. Mich hat eine Böe erwischt, das Heck ist ausgebrochen, ich habe korrigiert und bin dann mit hohem Tempo rückwärts eingeschlagen.“

          Da das Team bei Alonsos McLaren weder einen Aufhängungsdefekt, noch einen Reifenschaden, noch einen plötzlichen Abtriebsverlust an den Telemetrie-Daten feststellen kann, geht man davon aus, dass der Wind eine Rolle gespielt haben muss. Er blies an diesem Morgen besonders heftig von Norden her über den Circuit de Catalunya. Formel-1-Autos sind bei Wind nicht nur wegen der hohen Geschwindigkeit besonders anfällig, je nachdem, wie sie getroffen werden. Weil sie seitlich wegen der mächtigen Heckflügelendplatten und der hoch stehenden Motorabdeckung eine große Angriffsfläche bieten. Besonders unangenehm ist es, wenn die Windböen wie am vergangenen Sonntag in einer schnellen Kurve von schräg hinten kommen. Am Donnerstagmorgen um neun Uhr werden die Testfahrten fortgesetzt. Jenson Button wird den McLaren MP4-30 fahren.

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