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Krise in der Formel 1 : Das Volk soll den Tank füllen

  • -Aktualisiert am

In Sao Paulo fehlt Caterham, für den Saisonabschluss in Abu Dhabi aber hofft der Rennstall noch Bild: AFP

Feierabend „at High Noon“. Das Schicksal von Marussia in der Formel 1 ist besiegelt. Caterham fehlt ebenfalls Geld, gibt aber noch nicht auf. Das Volk soll den Treibstoff liefern – über ein Crowdfunding-Projekt.

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          Marussia? Das sollte mal ein großes Formel-1-Team werden. Ein Werbefeld für eine russische Sportwagenschmiede. Von den Moskauer Autos hat man nie etwas gesehen. Nun ist auch der Werbeträger verschwunden. Während am Freitag in  São Paulo die Formel 1 ohne den russischen Rennstall Trainings-Runden drehte, sperrte der Insolvenzverwalter am Sitz des Teams im englischen Ort Banbury die Türen zu.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Feierabend „at High Noon“. Bis zwölf Uhr englischer Zeit hatten die Besitzer noch auf neuen Treibstoff, Bares von zwei potentiellen Investoren gehofft. Vergeblich. Nun ist das Schicksal besiegelt. 200 Mitarbeiter verlieren ihre Arbeit. „Es ist sehr bedauerlich, dass ein Unternehmen in einem Geschäft, an dem in Großbritannien und weltweit so viel Interesse besteht, aufgeben und schließen muss“, teilte Insolvenzverwalter Geoff Rowley mit.

          Marussia, aus dem 2010 in die Formel 1 eingestiegenen Team Virgin hervorgegangen, hatte vor dem Großen Preis der Vereinigten Staaten in Austin am vergangenen Sonntag Insolvenz angemeldet. Gleichzeitig räumte auch Caterham die Zahlungsunfähigkeit ein und blieb schon dem Auftritt in Nordamerika fern.

          Zwei Teams zum gleichen Zeitpunkt bankrott? Die Ballung dieser schlechten Nachricht rief Bernie Ecclestone auf den Plan. Beinahe reumütig räumte der Chefmanager der Formel 1 Fehler ein, die schon einige Jahre beklagt wurden – ohne dass sich etwas änderte. Der frühere Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes, Max Mosley, war letztlich über die Penetranz seiner Forderung gestolpert: nämlich wenigstens die Kosten für den Betrieb eines Rennstalls zu senken.

          Vor wenigen Jahren reichten noch fünf Millionen

          Mit dem Versprechen, mit 50 Millionen Dollar im Jahr über die Runden zu kommen, waren Marussia, Caterham und HRT in die Formel 1 gelockt worden. Die Spanier (HRT) rollten Ende 2012 antriebslos aus. Inzwischen reichen wohl nicht mal mehr 70 Millionen Dollar für eine Saison – um wenigstens das Finale zu erreichen. Allein die neuen Antriebseinheiten, seit dieser Saison fährt die Formel 1 mit komplizierten Hybrid-Konstruktionen, kosten bis 25 Millionen Dollar pro Jahr.

          Vor wenigen Jahren noch reichten fünf Millionen. Allerdings ist nicht zu erkennen, ob die Bankrotteure unter günstigeren Bedingungen noch im Rennen wären. Schon zu Zeiten des Hessen Timo Glock, er fuhr von 2010 an drei Jahre für Virgin/Marussia, wirkte das Team überfordert von den Ansprüchen der Formel 1, nicht selten zu Lasten der Piloten.

          Bei Marussia dagegen ist es schon vorbei, der Rennstall ist pleite und am Ende
          Bei Marussia dagegen ist es schon vorbei, der Rennstall ist pleite und am Ende : Bild: Picture-Alliance

          Die in der Formel 1 entbrannte Diskussion über ihre Zukunft hat deshalb wenig mit den beiden verschwundenen Rennställen zu tun. Es geht vielmehr um den Kern der Rennserie, um den Verbleib der Privatteams. Der medienwirksame Ausfall dient deshalb den Mittelständlern wie Force India, Lotus und Sauber, endlich Veränderungen durchzusetzen. Auch sie sind, obwohl sportlich mittendrin, bedroht.

          Bislang aber reagierte die „reiche“ Konkurrenz und auch die hohe Sportpolitik nicht auf die Signale und Wünsche. Eine Etat-Deckelung? Immer wieder abgelehnt. Einen anderen Schlüssel für die Aufteilung der Einnahmen? Zerredet. Monisha Kaltenborn, Teamchefin von Sauber, verlangt keine Sonderbehandlung und kein Solidarprogramm, aber eine angemessenere Zuwendung. 300 Millionen Dollar sind von Bernie Ecclestone vor Abschluss der jüngsten Formel-1-Verträge verteilt worden – an fünf Teams: Ferrari, Red Bull, McLaren, Williams und Mercedes. Die anderen schauten in die Röhre.

          Image-Schaden ist nicht mehr zu verhindern

          Die Formel 1 mag zwar Verluste registrieren, den Rückgang von Zuschauern, den Abschied von Sponsoren. Aber der Inhaber der Vermarktungsrechte, das Unternehmen CVC, machte zuletzt noch fette Gewinne. Die kolportierte Finanzkrise ist also relativ. Immerhin scheint die CVC-Führung inzwischen mit dem Mittelstand zu sprechen. Denn mehr Ausfälle darf sich die Formel 1 wohl nicht erlauben. Der Image-Schaden aber ist nicht mehr zu verhindern.

          Am Freitag fügte Caterham dem Zirkus eine weitere Nummer hinzu. Man wolle unbedingt in zwei Wochen beim Finale in Abu Dhabi starten, um doch noch überleben zu können. Drei Millionen Euro fehlten nur, hieß es in einer Mitteilung des Teams. Sie sollen quasi auf der Straße liegen. Teamchef Finbarr O’Connell glaubt jedenfalls an das Herz der Fans für das Team: „#RefuelCaterhamF1“, ruft er ihnen zu. Das Volk soll den Treibstoff liefern, über ein Crowdfunding-Projekt. Bis nächsten Freitag muss der Tank gefüllt sein.

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