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Formel 1 : Ein Rätsel namens Rosberg

  • -Aktualisiert am

Volle Konzentration: Nico Rosberg schaut während einer Pause auf den Datenmonitor vor seinem Cockpit Bild: dpa

Wie gut ist Nico Rosberg wirklich? Mit 28 Jahren hat der Deutsche in der Formel 1 noch keine Antwort auf diese Frage gegeben. Vor dem Großen Preis von Abu Dhabi an diesem Sonntag (14 Uhr) erntet er trotzdem Lob.

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          Zwei Mal stand er in diesem Jahr nach einem Rennen ganz oben auf dem Podium, und deshalb sagt Mercedes-Pilot Nico Rosberg: „Es war eine gute Saison. Weil wir einen großen Schritt nach vorne gemacht haben und ich zum ersten Mal ein Auto hatte, mit dem ich um Trainingsbestzeiten und Siege fahren konnte.“ In der Gesamtwertung der Formel 1 liegt Rosberg vor dem Großen Preis von Abu Dhabi an diesem Sonntag (14 Uhr/ RTL, Sky und im FAZ.NET-Liveticker) dennoch nur auf Platz sechs, aber er bekommt Lob und Anerkennung vom neuen und alten Weltmeister Sebastian Vettel (Red Bull): „Nico ist der am meisten unterschätzte Fahrer.“ Aber warum?

          Vermutlich liegt es am Werdegang des Achtundzwanzigjährigen. In seinen vier Jahren bei Williams lieferte Rosberg trotz des unterlegenen Autos immer wieder außergewöhnliche Rennen ab, er deutete an, dass er in einem guten Boliden um Siege würde kämpfen können. Eines aber weiß niemand: Wie gut ist er wirklich? Erst, wenn es um die Vergabe von WM-Titeln geht, lässt sich die wahre Qualität eines Rennfahrers erkennen. Und ganz oben gibt es derzeit in der Branche nur zwei Fahrer: Sebastian Vettel und Fernando Alonso (Ferrari).

          Lewis Hamilton (Mercedes), Kimi Räikkönen (Lotus) und Jenson Button (McLaren), die jahrelang auch zu diesem illustren Kreis gezählt wurden, haben ihre Defizite. Hamilton ist vielleicht schneller als Vettel und Alonso, aber ihm fehlt während der Rennen oftmals die Disziplin. Bei ihm dominiert der Instinkt – und nicht der Kopf. Räikkönen ist so beständig wie die beiden Ausnahmefahrer, aber nicht so anpassungsfähig. Button fährt eine elegantere Linie als jeder Fahrer im Feld, aber er braucht ein auf ihn maßgeschneidertes Auto dazu. Ihm fehlt die Gabe, Probleme zu überspielen.

          Akribischer Tüftler: Rosberg in der Mercedes-Box
          Akribischer Tüftler: Rosberg in der Mercedes-Box : Bild: dpa

          Und Rosberg? Der Mann gibt weiterhin Rätsel auf. Mercedes gehörte drei Jahre lang nur zu den Verfolgern. Die Williams-Story wiederholte sich, nur auf einem höheren Niveau. Der Fahrer war besser als sein Auto. Rosberg fuhr mit dem siebenmaligen Weltmeister Michael Schumacher im Team, der nach drei Jahren Pause im fortgeschrittenen Alter von 41 Jahren zurückkehrte. In seiner ersten Karrierephase war Schumacher das Maß aller Dinge. Die Experten rätseln bis heute noch, wo er in seiner zweiten stand. Und damit ließ sich auch Rosbergs Leistung in den Jahren 2010 bis 2012 nur schwer einordnen. Die Zahlen sprachen für ihn. Rosberg gewann die meisten Trainingsduelle, und er fuhr in jeder Saison mehr Punkte ein als der Rekord-Weltmeister. „Es gab Phasen, da war er sehr stark unterwegs“, sagt Rosberg. „Und er hatte für manche Probleme Lösungen, wo du gemerkt hast: Das hat er schon mal erlebt. Ich kann nach dieser Erfahrung sehr gut beurteilen, warum Michael Rekord-Weltmeister geworden ist. Seine Arbeitseinstellung ist der beste Beleg dafür. Es war für mich eine große Herausforderung und ich habe viel aus dieser Zeit mitgenommen.“

          Rosberg und Schumacher verband Respekt. Aber beide trennten 16 Jahre. Der Unterschied einer Generation. Die Stimmung war im Vergleich zum jetzigen Teamkollegen Hamilton eher frostig. Das Duell fand nicht nur im Rennauto statt. Schumacher stammte aus einer Zeit, in der man den Gegner im eigenen Team auch mit Psychospielchen herausforderte. Und wenn es nur darum ging, die niedrigere Startnummer zu bekommen. Rosberg ist dankbar, dass er in diesem Jahr mit Hamilton einen Rivalen vor die Nase gesetzt bekam, der als der schnellste Mann der Formel 1 gilt. Im Trainingsduell steht es 10:6 für Hamilton. Wenn es um eine schnelle Runde geht, zeigt der Weltmeister von 2008 seinen Killerinstinkt. Dass er dabei manchmal in letzter Minute auf die Fahrzeugabstimmung von Rosberg zurückgreift, liegt auch daran, dass der Engländer weniger Zeit in die Arbeit mit den Ingenieuren investiert. Er verlässt das Fahrerlager grundsätzlich vor Rosberg. Hamilton erklärt seine Unsicherheit beim Abstimmen des Autos mit den Wechsel des Teams. „Ich bin sechs Jahre für McLaren gefahren. Das Auto war mein Zuhause. Der Mercedes bremst anders, lenkt anders ein, und benimmt sich am Kurvenausgang anders. Das muss erst in Fleisch und Blut übergehen.“

          Mit der Sonne im Rücken: Nico Rosberg im Mercedes beim Training in Abu Dhabi
          Mit der Sonne im Rücken: Nico Rosberg im Mercedes beim Training in Abu Dhabi : Bild: REUTERS

          Rosberg und Hamilton fahren nicht zum ersten Mal im gleichen Team. In den Jahren 2000 und 2001 traten sie als Teenager gemeinsam im Kartteam MBM an. Sie haben Hotelzimmer geteilt und sie hin und wieder so verwüstet, dass eine Renovierung anstand. Das verbindet. „Wir sind Freunde, trotz aller Rivalität“, beteuert Rosberg. Sogar Werbefilme mit den beiden als Protagonisten heben auf die gute Chemie im Team ab. Im Rennen lässt Hamilton jedoch manchmal die Übersicht vermissen. Wenn der Brite das Gefühl hat, in einem schnellen Auto zu sitzen, nützen auch die Warnungen seiner Ingenieure nicht viel. Dann nutzt er seine Reifen schneller ab als Rosberg. Teamchef Ross Brawn sagt: „Manchmal ist Lewis wie ein Hund, der Futter riecht. Gib ihm ein schnelles Auto, und er geht aufs Ganze.“ Rosberg zeigt in diesen Fällen mehr Disziplin. Trotzdem steht es nach Punkten 169:144 für Hamilton. Rosberg gibt zu: „Es wäre schon wichtig, in der Endabrechnung vor Lewis zu stehen. Auch wenn es nur noch um die goldene Ananas geht.“

          Rosberg schiebt das Defizit von 25 Punkten auf eine Pechsträhne, die in diesem Jahr hauptsächlich sein Auto befällt. Drei Nullrunden sind auf Defekte zurückzuführen: die Elektrik in Australien, die Aufhängung in China, der Motor in Ungarn. Dazu der abgefallene Frontflügel in Korea, die Boxenstopp-Panne in Japan. Strategiefehler vereitelten in Montreal, am Nürburgring und in Singapur bessere Plazierungen. Probleme im Training kosteten ihn in Deutschland und Italien bessere Startplätze. Deshalb wünscht sich Rosberg nur ganz normale Wochenenden. Ohne Probleme. So wie zuletzt in Indien. Da wurde Rosberg Zweiter und Hamilton Sechster. Das bessere Reifenmanagement wurde belohnt. Rosberg mag es, wenn seine Arbeit mit den Ingenieuren Niederschlag findet: „Ich versuche mich vielleicht ein bisschen mehr in die Technik hineinzudenken als Lewis.“

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