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Formel 1 : Die Zurückgebliebenen

  • -Aktualisiert am

Das große Rad dreht sich wieder: Nick Heidfeld freut sich auf sein Comeback Bild: dpa

Abseits des Titel-Rennens kämpfen die deutschen Piloten Nick Heidfeld, Timo Glock und Nico Hülkenberg beim Großen Preis von Singapur um ihre Existenz. Heidfeld sieht seinen Neuanfang im Sauber als Chance.

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          Wer Weltmeister der Formel 1 wird? Wenige Tage vor dem Großen Preis von Singapur am Sonntag (14 Uhr/ FAZ.NET-Formel-1-Ticker) wird die spannende Frage aus allen Perspektiven betrachtet. Neuerdings sogar von 200 Meter Höhe aus. Wohlhabenden Formel-1-Fans bietet die Pool-Position im Schwimmbecken auf der Dachterrasse des nagelneuen Hotels „Marina Bay Sands“ beste Aussichten auf den Mehrkampf tief unten in den Straßen des Stadtstaates. Vom Ende des Starterfeldes aus betrachtet, ist das Wettrennen um die Krone fünf Grand Prix vor Ende der Saison allerdings zweitrangig. Für jene Kollegen, die dem Quintett an der Spitze hinterherfahren, geht es um mehr als Ruhm und Reichtum. Sie kämpfen um ihre Existenz.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Nick Heidfeld hat lange nicht so glücklich ausgesehen wie am Donnerstag in Singapur. Er darf wieder. Endlich. Fast elf Monate lang ist der 33 Jahre alte Rheinländer kein Rennen gefahren. Bei Sauber war er nach der Saison 2009 ausgemustert worden. Eine Fehlkalkulation. Vor elf Tagen setzte Patron Peter Sauber den 37 Jahre alten Spanier Pedro de la Rosa auf die Straße und Heidfeld vorerst für fünf Rennen wieder ins Cockpit. „Es war ein schweres Jahr“, sagt Heidfeld. Er begann es als beschäftigungsloser Testfahrer von Mercedes, landete als Versuchspilot beim neuen Formel-1-Reifenhersteller Pirelli und bekam nun doch die Kurve: „Ich komme nach Hause.“

          Das Risiko wird ausgeblendet

          Zweimal schon versuchte Heidfeld sein Glück mit Sauber. Kein Pilot ist mehr Grand Prix (120) für das Team aus Hinwil gefahren, keiner weiß besser, wie die Schweizer ticken. Und kein Rennstall kennt die Stärken und Schwächen des Deutschen besser als Sauber. Das nennt man eine Risikominimierung auf den letzten Drücker. Denn in den nächsten sechs Wochen entscheidet sich, ob die Liaison zum Gewinnspiel taugt. Funktioniert Heidfeld wie erwartet, dann winkt Sauber ein millionenschwerer Zuschuss, dem Rennfahrer wohl auch die Rückkehr ins Renngeschäft 2011. „Ich glaube“, sagt Heidfeld, „dass wir beide profitieren werden.“

          Harte Arbeit am Boliden: Timo Glock (links) kämpft auch in Singapur mit den ständigen Schwächen seines unterfinanzierten Rennstalls

          Das Risiko wird zwar ausgeblendet, aber es besteht. Von dem erfahrenen siebten Deutschen im Feld erwartet Sauber nichts weniger als eine Führung quasi aus dem Stand. Heidfeld soll beweisen, dass der C29 mehr wert ist, als es Rang acht in der Konstrukteurswertung ausdrückt. Der junge japanische Pilot Kamui Kobayaschi deutete zwar das Format des Renners an. Aber Debütanten nutzen selten das ganze Potential eines Autos. Insofern verknüpft Sauber mit dem Einsatz Heidfelds die Chance auf einen geldwerten Fortschritt. Gelingt es noch, Williams von Rang sieben der Konstrukteurswertung zu verdrängen, dann gäbe es fünf Millionen Dollar mehr aus der Vermarktungskasse. Und jede Menge Bonuspunkte für Heidfelds Bewerbung um einen Stammplatz 2011: „Ich kann meine Position stark verbessern.“

          Virgin fehlt es an Substanz, Glock nicht

          Es sei denn, Kobayaschi fährt auch dem neuen Kollegen vor der Nase her. Der 24 Jahre alte Asiate kennt zwar die Strecke von Singapur nicht, dafür aber seit Januar das komplexe Spiel mit den Reifen. Heidfeld dagegen fährt an diesem Freitag zum ersten Mal im C29: „Es gibt Leute, die behaupten, der Job bei Pirelli wäre besser gewesen, weil ich dann wegen der Erfahrung mit den Reifen einen Vorteil gegenüber anderen gehabt hätte. Aber ich musste zugreifen. Ich bin Rennfahrer.“

          Das ist Timo Glock auch. Ein erfolgreicher sogar, wenn man sich seine Statistik anschaut in diesem Jahr. Aber wer weiß schon, dass Glock Lucas di Grassi bei vierzehn Duellen im Qualifikationstraining 13 Mal geschlagen hat? Trotzdem wirkt der Hesse unzufrieden. Er kämpft im Schatten des Hauptfeldes mit den ständigen Schwächen seines unterfinanzierten Rennstalls. Virgin fehlt es offensichtlich an Substanz, um an Lotus vorbeizukommen. Nur Rang zehn in der Konstrukteurswertung verbesserte die Aussicht auf eine Zukunft in der Formel 1. Er garantiert nach Ende der Saison 2011 eine Beteiligung an den Vermarktungsgeldern. Die Chancen aber stehen nicht gut. Und so wächst das Gefühl Glocks, sein Potential nicht entfalten zu können. Die Konkurrenz bestärkt ihn: „Ohne Timo wäre Virgin viel weiter hinter uns, Timo ist einer, der die Chance nutzt“, sagt der Chefkonstrukteur von Lotus, Mike Gascoyne, und fügt hinzu: „Wenn er sie bekommt.“

          Hülkenberg erfreut die Chefetage

          Nico Hülkenberg kriegt sie. Ganz sicher noch fünfmal. Und dann? Schulterzucken. Der jüngste Deutsche im Feld weiß noch nicht, was 2011 sein wird. Bis zum Spätsommer fuhr der Rheinländer hinter Rubens Barrichello her, dem dienstältesten Piloten mit 301 Grand Prix. Es hat schon erfolgreichere Rookies gegeben. Aber spätestens seit dem Großen Preis von Ungarn erfreut Hülkenberg die Chefetage. Plötzlich fährt er auf Barrichellos Niveau. Nun fordert die Williams-Führung die Besatzung auf, Force India (Sechster der Konstrukteurswertung) mit Vorfahrer Adrian Sutil im Schlussspurt abzufangen. Auch dieser Aufstieg wäre aus Sicht von Hülkenberg mehr als fünf Millionen Dollar wert.

          „Ich fühle mich von Rennen zu Rennen wohler im Auto und bei der Abstimmung, das kann bis zu einer halben Sekunde pro Runde ausmachen“, erzählt er in Singapur. Trotzdem zögert Teamchef Frank Williams, Hülkenberg eine Arbeitsplatzgarantie für 2011 zu geben. Weil er in den letzten Rennen noch etwas zeigen soll? „Anscheinend ist das so“, sagt der Rheinländer und lächelt leicht gequält. Nick Heidfeld kennt das Spiel. Sir Frank quälte ihn 2005 bis aufs Blut. Von seinem Engagement als Stammfahrer für die im März beginnende Saison erfuhr Heidfeld im Februar. Etwa zwanzig Minuten vor Beginn der internationalen Pressekonferenz zur Vorstellung des Teams.

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