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Formel 1 : Die Regierung Todt

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Diplomat im Haifischbecken: Jean Todt, Präsident der Fia Bild: AFP

Der Franzose Todt gibt sich als Präsident der Fia diplomatischer als sein britischer Vorgänger Mosley. Die Formel 1 wird dadurch offener, aber Vermarkter Ecclestone hat einen Partner verloren. Todt ist gewarnt.

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          Flavio Briatore, der ehemalige Teamchef von Renault, wurde teilweise begnadigt, jeder Disput um technische Entwicklungen am Rande der Legalität im Keim erstickt. Und sowohl die Teams als auch die Fahrer kamen bei den ersten drei Grands Prix der neuen Formel-1-Saison ungeschoren davon. Außer Geldbußen für Tempoüberschreitungen in der Boxengasse sprachen die Sportkommissare keinerlei Strafen aus. Die Sportbehörde in Paris hält sich vornehm zurück. Der lange Arm des Gesetzes hat seinen Schrecken verloren.

          Mit Jean Todt, dem neuen Präsidenten des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia), weht ein anderer Wind durch die Formel 1. „Er wird das Geschäft anders führen als Max Mosley“, sagt Bernie Ecclestone, der Chefvermarkter der Serie. „Eher wie eine Regierung und nicht wie ein Alleinunterhalter.“ Doch der Herr über die Formel-1-Milliarden deponiert auch eine vorsichtige Warnung an seinen neuen Mitspieler: „Jean wird sich nicht in meinem Territorium verirren, und ich werde ihm nicht in die Belange der Fia reinreden.“

          Das Doppelpassspiel, wie früher mit seinem Kompagnon Max Mosley, hat sich für Ecclestone ausgespielt. Todt steckt seinen eigenen Claim ab, notfalls gegen die Interessen des Paten der Formel 1. Die Fia hat den Fall Briatore neu aufgerollt, obwohl jedem bekannt ist, dass der Italiener bei Mosley und Ecclestone auf der Abschussliste stand. Mit seiner lebenslangen Verbannung aus der Serie nach der Manipulation des Großen Preises von Singapur 2008 sollte Briatore dafür bezahlen, dass er im Sommer 2009 zu den Rädelsführern einer Piratenserie der Teams zählte. Aber damit nicht genug. Nun hat der Weltverband ein neues Punkteformat und nicht Ecclestones geliebtes Medaillensystem eingeführt, und er hat StefanGP als Ersatz für das gescheiterte USF1-Team nicht berücksichtigt, wohl wissend, dass der kleine, einflussreiche Mann vom Londoner Princess Gate die Serben gerne im Feld gesehen hätte.

          Der Herr über die Formel-1-Milliarden will den Kurs weiter steuern: Bernie Ecclestone

          Todt nabelt sich in vielen Punkten von seinem Vorgänger ab. Dabei hätte er es ohne Mosley als Steigbügelhalter nie in sein neues Amt geschafft. Der Engländer wollte einen starken Präsidenten, keine Marionette der Teams und Automobilhersteller. Den bekam er, doch der Wunschkandidat geht seinen eigenen Weg, und nichts davon erinnert an den trickreichen Advokaten. Mosley suchte aus Prinzip die Konfrontation. Er sah die Scharmützel mit Teams, Fahrern und der Industrie als eine Art Wettbewerb an. Ecclestone sagte einmal über seinen ehemaligen Kompagnon: „Max begnügt sich nicht damit, andere zu besiegen. Er will sie auch spüren lassen, dass er schlauer war.“

          Mannschaftsspiel statt Einmannshow

          Todt hingegen ist ein Teamplayer. Einer, der alles und alle unter Kontrolle haben will. Aber auch einer, der delegieren kann. Der 64 Jahre alte Franzose sieht sich als Feuerwehrmann, der Brände löscht, bevor sie sich ausbreiten können. Mosley wollte nie löschen. Er zündelte und nutzte das Feuer, um seine Vorstellungen durchzusetzen.

          Die Pressekonferenzen von Mosley waren immer eine Einmannshow. Todt brachte beim Saisonauftakt in Bahrein seine Stellvertreter Brian Gibbons, Nick Craw und Graham Stoker mit an das Rednerpult. Der frühere Ferrari-Rennleiter versucht die Hersteller und Teams zu konsultieren. „Ich will, dass meine Entscheidungen von den anderen Parteien mitgetragen werden.“ Das bringt ihm Punkte bei denen ein, die zunächst lieber Todts Gegenkandidaten Ari Vatanen im Präsidentenamt gesehen hatten.

          Probleme im Hinterzimmer lösen

          Die ersten drei Rennen in dieser Saison sagen viel über den neuen Führungsstil aus. Eine für die Formel 1 ungewöhnliche Harmonie bestimmte den Ton. Als McLaren seinen Trick auspackte, wie man durch Strömungsabriss am Heckflügel Topspeed gewinnt, gab die Fia ohne lange Debatten ihr Plazet. Als der gleiche Rennstall versuchte, die Öffnung für den Anlasser als zusätzliches aerodynamisches Hilfsmittel zu missbrauchen, bekam er von den Regelhütern zu hören: Beim nächsten Mal wird das nicht mehr toleriert. Statt mit diktatorischen Entscheidungen wochenlange Diskussionen auszulösen, verfährt die Fia neuerdings nach der Devise, die Probleme im Hinterzimmer zu lösen.

          In die gleiche Kategorie fällt die Amnestie für Flavio Briatore und den ehemaligen Renault-Chefingenieur Pat Symonds. Man blieb hart beim Vorwurf der Sabotage und zeigte Milde im Urteil. Briatores Begnadigung nach 2012 soll das Signal aussenden: Wir spielen fair. Verfahren vor dem Fia-Gericht sollen nicht mehr im Verdacht stehen, Schauprozesse mit vorbestimmtem Ausgang zu sein.

          Todt als Pate umweltfreundlicher Technik

          Max Mosley hat sich in der Geschichte des Motorsports mit seiner Sicherheitskampagne ein Denkmal gesetzt. Seiner Initiative ist es zu verdanken, dass Rennfahrer selbst nach schweren Unfällen am Leben bleiben können. Todt will Mosleys Erbe auf die öffentlichen Straßen übertragen. Bis 2020 soll die Zahl der Toten weltweit um fünf Millionen gesenkt werden.

          Im Motorsport versteht sich der neue Präsident als Pate umweltfreundlicher Technologien. Todt wünscht sich, dass das Energierückgewinnungssystem Kers schon im nächsten Jahr ein Comeback feiert. Wenn 2013 eine neue Motorenformel kommt, dann wird der Hybridantrieb Pflicht sein, und eine Verbrauchsformel diktiert den Motoren ihre Grenzen. Beide Themen haben einen gesellschaftspolitischen Bezug. Deshalb glaubt der Williams-Technikchef Patrick Head, dass die Fia für Todt nur eine Durchgangsstation ist. „Ich könnte mir Jean sehr gut in einem richtigen politischen Amt vorstellen.“

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