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Formel 1 : Die Landung des Raumschiffs

Zwei Welten: Die Formel 1 ist in Indien angekommen Bild: dapd

Nach langem Hin und Her findet an diesem Wochenende vor den Toren Delhis der erste Grand Prix Indiens statt. Der Formel-1-Zirkus und die Inder bestaunen sich - ohne einander zu verstehen.

          Die Ikone des indischen Sports liegt heruntergekommen da, schäbig. Ein wilder Hund streunt über den Rasen. Ein paar Wächter lungern um eine Wasserpfeife, die sie an diesem kühlen Morgen wärmt. Der Monsun hat die einst weißen Wände mit Wasserflecken gezeichnet. Eine alte Frau im Sari führt einen aussichtslosen Kampf, denn sie soll den Staub von den Sitzen auf der Tribüne fegen. Gerade ein Jahr ist es her, da feierte Indien im Jawaharlal-Nehru-Stadion in Neu-Delhi die Eröffnung der Commonwealth-Spiele, des größten Sportereignisses des Subkontinents.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Heute liegt das Stadion mit seinen 65000 Zuschauerplätzen brach. Niemand nutzt es, keiner braucht es. Verfall macht sich breit. Aus der Ikone wurde eine Schmach.

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          Die will Jaiprakash Gaur tilgen. „Wir werden das vergessen machen. Wir werden Indien auf die Weltkarte setzen“, sagt der Achtzigjährige. Starke Töne, und neu sind sie auch nicht. Doch ist Gaur der Mann der Stunde in Indien, zumindest in dessen höheren Kreisen. Denn mit seinem Konglomerat Jaypee-Group hat der alte Herr die Formel 1 auf den Subkontinent geholt. Am Sonntag wird sie das 17. Rennen der Saison auf der neuen Strecke in der Satellitenstadt Greater Noida im Südosten Neu-Delhis austragen. Die Rennstrecke Buddh International Circuit soll sich zum genauen Gegenteil des Nehru-Stadions mausern: Modern, bewundert, ertragreich.

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          Davonlaufen aber kann auch Gaur nicht vor dem Debakel: Immerhin hielt Sumeer Kalmadi einen Anteil von 13 Prozent an JPSK, der Betreibergesellschaft des Rennens in Indien. Sein Vater Suresh Kalmadi aber sitzt in Delhi im Gefängnis und gilt als der Chefbetrüger rund um die Commonwealth-Spiele. Auch anderes erinnert an die Tage vor den Spielen von Delhi: Am Donnerstag war der Parcours vor der Haupttribüne mit ihren Sitzen in den indischen Farben Grün, Orange und Weiß noch mit Farbflecken übersät, ein Taxi kurvte versehentlich über die Strecke, Fernsehkommentatoren aus aller Welt ärgern sich über fensterlose Kabinen, weil die richtigen Presseplätze nicht fertig wurden.

          Dafür sind die Flure mit riesigen Fotos von Staudämmen geschmückt: Denn mit dem Bau von Kraftwerken ist Gaur zum Milliardär geworden. Sein Konzern steht an Nummer 72 auf der Liste der 500 größten Unternehmen Indiens. Autorennfan aber ist Gaur nicht. Er will Geld verdienen, seine Schulden tilgen. Mehr als zehn Milliarden Dollar hat das Familienunternehmen, das aus einem Zementwerk entstand, in die Entwicklung eines ganzen Landstrichs vor den Toren Delhis investiert.

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          Erst baute Jaypee eine Autobahn, entlang derer entstehen nun Satellitenstädte. Was fehlte, war eine Attraktion: Ursprünglich wollte Gaur hier einen Nachtzoo bauen, dann aber erkannte er die Chancen der Rennserie und verdrängte die Bewerber Kalkutta und Hyderabad. Nun wächst hier Sports City aus der Steppe. Und damit die einen sportlichen Anstrich erhält und die neue Mittelschicht ihm die Wohnungen aus der Hand reißt, setzte Gaur mit Hilfe des deutschen Architekten Hermann Tielke eine Rennstrecke hin. Um auf Nummer Sicher zu gehen, baut er daneben ein Stadion für den Nationalsport Kricket. Das Rennen ist für ihn Mittel zum Zweck, seine riesige Immobilienspekulation zum Ertrag zu führen.

          „Kriminelle Geldvernichtung“

          Trotz bester Verbindungen in die Politik aber wird Gaurs Plan nicht einfach durchgewunken. Bauern in Noida fordern mehr Geld für ihr Land. Die Opposition will klagen, weil die Regierungspartei Jaypee die Steuern für den Grand Prix erließ. Jeder hier kämpft seinen eigenen Kampf - und muss dies auch: Eine halbe Milliarde Inder fristet ihr Leben mit weniger als einem Dollar am Tag. Legt man zwei Dollar als Armutsgrenze fest, steigt die Zahl auf gut 900 Millionen Menschen.

          Das Feuerwerk, das Milliardäre und Konzerne rund um die Formel 1 abbrennen, könnte im ländlichen Indien deplatzierter nicht wirken. Auch längst nicht alle Sportler sind begeistert. „Ich fühle mich schlecht, denn so ein hochfliegendes Geschäft hat nichts zu tun mit 99 Prozent der Inder. Es ist eine kriminelle Geldvernichtung“, sagt Pilavullakandi Thekkeparambil Usha, eine der großen Leichtathletinnen Indiens.

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