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Formel 1 : Die Formel jedermann

  • -Aktualisiert am

Droht freundlich mit seiner Überlegenheit: Überraschungsmann Giancarlo Fisichella Bild: dpa

Giancarlo Fisichella und Force India treiben in Belgien einen Trend auf die Spitze, der allen, die hinterherfahren, Mut macht. Mit seinem zweiten Platz hat der Italiener gezeigt: Nie zuvor rotierte die Formel 1 mit einem solch hohen Tempo.

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          Schulterzucken im Fahrerlager. Die Experten rätseln. Kluge Taktiker, gewiefte Strategen, diplomierte Ingenieure, vom Reifenspezialisten bis zum graduierten Atomphysiker, keiner kennt die alles erklärende Antwort: Wie haben Giancarlo Fisichella und Force India das gemacht? Wie gelang es dem 36 Jahre alten Römer, Weltmeister Kimi Räikkönen am Sonntag beim Großen Preis von Belgien im Ferrari über die Piste zu jagen, den Star der Scuderia zum Sieg zu scheuchen?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Selbst Niki Lauda, der Deutungsguru von RTL für alle Straßenlagen, kreiste weitgehend ergebnislos. Und so ergriff die Formel 1 am Sonntagnachmittag ein allgemeiner Zustand der Ahnungslosigkeit. Ein Umstand, der die Perfektionistenversammlung in der Regel rasend macht. Zumal Fisichella Stunden nach dem Coup noch im champagnergesättigten Rennoverall mit seiner Überlegenheit freundlich drohte: „Wir werden auch in Monza schnell sein“, rief der Römer einem Bekannten zu, ehe er im leicht heruntergekommenen Motorhome seines Teams inmitten der herausgeputzten hochpolierten mobilen Nachbarschaftspaläste verschwand. Da dämmerte es langsam, nicht nur im Hohen Venn: Der kleinste Rennstall, zuletzt noch von Gläubigern verfolgt, hat sich bei den Prominenten eingenistet.

          Nichts erscheint mehr betoniert

          Vorerst noch gefällt diese fast perfekte Geschichte der gesamten Formel 1. Selbst die Mienen der Verlierer vom Sonntag hellten sich beim Gespräch über den Vorsprung der Hinterbänkler auf. Mehr als 2,5 Sekunden betrug der Rückstand von Force India hinter dem schnellsten Auto (damals Brawn GP) vor Saisonbeginn. Nun scheint die kleine Mannschaft mit Sitz in Silverstone Grenzen überwunden zu haben, die andere Konstrukteure seit Jahrzehnten blockieren: „In meinen zwanzig Jahren Rennsport“, sagt McLarens Teamchef Martin Whitmarsh, „habe ich gelernt, dass ein Auto, das zu Saisonbeginn ein Hund ist, ein Hund bleibt.“

          Gejagt vom Force India: Der Spa-Sieger der Scuderia, Kimi Räikkönen

          Fisichella und Force India haben diese Regel in Frage gestellt und damit einen Trend der Saison in Belgien auf die Spitze getrieben, der allen, die hinterherfahren, Mut macht. Nichts erscheint mehr betoniert wie in den vergangenen Jahren, weder die Stabilität der zwei, drei besten Rennställe auf höchstem Niveau noch die Hackordnung am Ende des Feldes. Es geht rauf und runter. Nie zuvor rotierte die Formel 1 mit einem solch hohen Tempo.

          Die Leistungsdichte wird durch das Testverbot konserviert

          BMW-Sauber gewann am Sonntag in einem Rennen mit Rang vier und fünf so viele Punkte wie in den elf vorangegangenen Grand Prix zusammen. Toyota bot sich mit Jarno Trulli vier Monate nach der Pole-Position von Bahrein wieder eine Siegchance, während Jenson Button, der Führende der Fahrerwertung, seinen Rückfall auf Rang 14 im Qualifikationstraining nicht verstand. „Es ist fast wie in der Bundesliga“, sagt Mercedes-Sportchef Norbert Haug amüsiert, „jeder kann jeden schlagen.“ In diesem Sommer selbst der Habenichts den Krösus.

          Die erfrischende Entwicklung zur Formel 1 für jedermann rührt aus den großen Regeländerungen zu Beginn dieser Saison. Alle Konstrukteure begannen mit einem weißen Blatt Papier. Die neuen Autos, der Umgang mit den erstmals wieder zugelassenen profillosen Reifen lässt auch nach fünf Monaten im Renneinsatz noch viel Spielraum für große Verbesserungen. Die Leistungsdichte, durch das Testverbot während der Saison konserviert, erklärt wiederum die großen Sprünge.

          Wer vor ein paar Jahren mit neuem Flügelwerk seine Rundenzeit um mehr als eine halbe Sekunde senkte, kam vielleicht zwei, drei Positionen voran. In dieser Saison reichen Entwicklungsschritte wie der jüngste von Force India (0,6 Sekunden) zu Sätzen von der fünften in die erste Startreihe. Nur eine halbe Sekunde trennte die ersten zehn in Spa. Abstände, die Piloten beglückt, aber auch frustriert: „Ein kleiner Fehler reicht, und du bist aus dem Rennen“, sagt Fisichellas Teamkollege Adrian Sutil. Er gilt im Team als der konstantere Pilot. Seine Reifenwahl während des Startplatzrennens aber verdarb ihm die Aussicht auf den großen Auftritt: Elfter statt Erster.

          „Wir werden auch in Monza schnell sein“

          Sutils Chance kann noch kommen. Davon ist der hinter den Kulissen in diesen Tagen wohl gefragteste Mann überzeugt: „Wir werden auch in Monza schnell sein“, sagt Simon Roberts, der Technische Direktor von Force India. Er ist im Winter von McLaren gekommen, zusammen mit dem Getriebe und dem derzeit wohl besten Motor (Mercedes). „Deshalb können wir uns auf die Aerodynamik und Mechanik des Autos konzentrieren“, sagt Roberts und verweist auf die Leistungssteigerungen in den vergangenen Wochen. „Spa war kein Glücksfall.“ Und soll doch ein Glück sein für die Formel 1.

          Sie sucht seit Monaten nach Mitfahrern, die an die Story vom Erfolg mit „kleinem“ Geld glauben. Mehr als 60 Millionen Euro, heißt es, stehe Force India nicht zur Verfügung. Vielleicht verbreitete der an größere Budgets gewöhnte Fisichella nach seinem Ritt zur Pole-Position deshalb auch gern den Hinweis eines englischen Mechanikers: Hasen (auf der Rennstrecke) zu treffen, sagte Fisichella nach einer Begegnung im Training, bringe Glück. Das gehört auch dazu. Pech hatten in Spa andere – vor allem der Hase.

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