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Formel 1 in Bahrein : Hungern und Dürsten für den Erfolg

Keine Kohlenhydrate und viel Training: Jenson Button hier mit seiner Freundin Jessica Michibata. Bild: AP

Rennfahrer machen sich dünne, damit Mensch und Maschine dem Idealgewicht nahe kommen. Sie gehen ein hohes Risiko ein. Auch vor dem Rennen in Bahrein an diesem Sonntag (17 Uhr MESZ).

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          Jedes Kilogramm zählt, denn es kostet Zeit - seit je ist dies eine der Gesetzmäßigkeiten in der Formel 1. „Alle groß gebauten Fahrer klagen, nicht nur ich. Wir können ohnehin schon nicht mehr viel Gewicht verlieren, und jetzt können wir kaum noch trainieren, denn du willst die wenigen Muskeln, die noch übrig sind, im Idealfall auch noch verlieren. Das ist eine schwierige Situation“, sagt Adrian Sutil (Sauber). 1,83 Meter ist der Deutsche groß, offiziell wiegt er 75 Kilogramm - in Wahrheit aber dürfte es noch ein bisschen weniger sein. Hosen schlabbern an seinen Beinen, Adern zeichnen sich an den Armen ab, sein Gesicht ist schmal, die Wangenknochen stehen hervor.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Trotzdem geht Sutil noch einen Schritt weiter: Beim Großen Preis von Bahrein an diesem Sonntag (Start: 17 Uhr MESZ / Liveticker bei FAZ.NET) wird er erstmals keine Trinkflasche mit ins Auto nehmen - und selbst Sutil gibt zu: „Es ist gefährlich, wir fahren mehr als Tempo 300 auf der Geraden und müssen gut in Form sein. Man kann nicht garantieren, dass jeder Fahrer physisch momentan bei 100 Prozent ist.“ Denn wer zu viel Flüssigkeit verliert, verliert irgendwann auch die Konzentration.

          Die Fahrer müssen viel aushalten im Cockpit

          Im Cockpit herrschen Extrembedingungen: Dreißig Grad Celsius werden an diesem Wochenende in Sakhir erwartet, dazu kommen der heiße Motor im Heck der Boliden und der feuerfeste Rennanzug. Starten erst die Motoren, steigt der Puls der Fahrer zum Teil auf 180 Schläge pro Minute oder mehr, in den Kurven oder beim Bremsen wirken auf sie zeitweise Fliehkräfte von bis zu 5 g, das heißt, dass der Pilot mit dem Fünffachen seines Gewichts in die Gurte gepresst wird.

          691 Kilogramm müssen Fahrer und Rennwagen zusammen wiegen - und mehr soll es dann auch auf keinen Fall sein. Auch nicht bei Sebastian Vettel und Red Bull.

          Nach dem Rennen in Malaysia vor knapp einer Woche sagte Ferrari-Star Fernando Alonso, dass er während des Grand Prix rund 2,8 Kilogramm abgenommen habe. Deshalb haben die Fahrer spezielle Trinksysteme in ihren Boliden, bei denen per Knopfdruck eine Flüssigkeit in ihren Mund gespritzt wird. Der Inhalt ist abhängig von Strecke und Bedingungen, in der Regel aber trinken die Männer am Steuer bis zu einem Liter während der rund 300 Kilometer. Darauf verzichtet Sutil nun. Er hat damit die bislang ungewöhnlichste Reaktion auf das neue Reglement gefunden.

          Vor dieser Saison wurde das Mindestgewicht der Kombination Fahrer und Auto von 642 auf 691 Kilogramm erhöht, weil die neuen Antriebseinheiten mit den Sechs-Zylinder-Motoren inklusive Turbo und Hybrid deutlich schwerer sind als die V8-Saugmotoren der vergangenen Jahre. Sutil und sein Sauber mit der Typennummer C33 aber bringen derzeit zusammen mehr als 720 Kilogramm auf die Waage. Zehn Kilogramm mehr machen pro Runde einen Unterschied von rund drei Zehntelsekunden, pro Rennen addieren sie sich so zu mehr als fünfzehn Sekunden - und das ist ein Problem in der Formel 1. Tausendstelsekunden und Milligramm - das sind die Einheiten, in denen die Ingenieure in der Formel 1 denken und arbeiten.

          Am liebsten ist es ihnen, wenn die Fahrer-Rennwagen-Kombination unter den geforderten 691 Kilogramm liegt, um mit Zusatzgewichten an den entsprechenden Stellen die Balance der Boliden zu verbessern. Das Team aus der Schweiz aber hat ein Gewichtsproblem - und der Mensch in der Maschine ist die größte Variable, um daran etwas zu ändern. Der ehemalige Formel-1-Fahrer David Coulthard gab nach seiner Karriere sogar zu, an Bulimie gelitten zu haben.

          „Es ist echt Hardcore, was die Leute machen“

          „Manche von uns können einfach nicht weiter abnehmen. Man braucht Fleisch auf den Rippen und auch ein paar Muskeln, um ein Formel-1-Auto zu bewegen“, sagt Jenson Button (McLaren), Weltmeister von 2009. Der Brite hat nur noch einen Körperfettanteil von rund sechs Prozent, er nimmt so gut wie keine Lebensmittel mit einem hohen Anteil an Kohlenhydraten zu sich, ernährt sich stattdessen eiweißreich. Immer wieder nimmt Button zudem an Triathlon-Wettkämpfen teil, vor dem Rennen in Bahrein ist er zum Training an einem Tag unter anderem 134 Kilometer mit dem Rad gefahren und danach noch vier Kilometer gelaufen.

          „Alle Fahrer sind derzeit mit ihrem Gewicht an einer Grenze angekommen“, sagt Button, 1,83 Meter groß und 70 Kilogramm schwer. Denn selbst kleinere Piloten hadern mit der Situation. „Es ist schade, dass der Sport so in diese Richtung gegangen ist“, sagt Nico Rosberg (Mercedes). 1,78 Meter ist er groß, über den Winter hat er vier Kilogramm verloren und wiegt nun nur noch etwa 65 Kilo.

          Rank, schlank, kaum Muskeln: Sutil wiegt 75 Kilogramm - offiziell.

          Erst hungern - und nun auch noch dürsten? „Es ist echt Hardcore, was die Leute machen“, sagte Lewis Hamilton (Mercedes) schon vor einer Woche in Malaysia. Sutil räumt ein, dass er selbst allmählich an eine Grenze gelange: „Du musst aufpassen. Ich habe im Vergleich zum Vorjahr, als ich auch schon versucht habe, möglichst leicht zu sein, noch einmal vier bis fünf Kilogramm verloren. Langsam komme ich an einen kritischen Punkt.“

          Die Auswirkungen merkt er vor allem sonntags vor einem Rennen: „Du spürst schon vorher, dass du nicht so spritzig bist. Die Autos sind etwas langsamer geworden, insofern musst du nicht in einer Superform sein. Aber wenn du eineinhalb Stunden laufen gehst und davor nicht genug gegessen und getrunken hast, kommst du an einen Punkt, an dem du nicht mehr so gut funktionierst.“ Und das kann gefährlich sein.

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