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Formel 1 : Der ewige Barrichello

  • -Aktualisiert am

Die ewige Nummer 2 steht an erster Steller der Verfolgerliste Bild: AFP

„Es gibt wohl nichts, was ich noch nicht erlebt habe“, sagt Rubens Barrichello über sein langes Leben in der Formel 1 - außer dem Gewinn des Weltmeistertitels. Mit seiner Beharrlichkeit wird der Brasilianer Geschichte schreiben - so oder so.

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          Rubens Barrichello hat viel gelernt in fast 17 Jahren Formel 1. Zum Beispiel nicht mehr so emotional zu sein. Sagt er zumindest. Mit starken Gefühlen am Steuer wäre der Südamerikaner auch wohl kaum so alt geworden in diesem Geschäft. 37 ist der Brasilianer, eine Art Schlachtross der Szene: „Es gibt wohl nichts, was ich noch nicht erlebt habe.“ Schwere Unfälle, Tragödien, Siege, Niederlagen, Demütigungen und jetzt das Comeback als Alt-Meister. Dennoch schwankte er am vergangenen Sonntag.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Denn kaum hatte der Südamerikaner seine kontrollierte Tour in Valencia zum ersten Saisonsieg geschildert, da überholte er sich selbst. Er drückte die Augen für einen Moment fest zusammen, um den Fluss der „wunderbaren“ Gedanken vom Hirn zum Herzen nicht sichtbar werden zu lassen: Tränenalarm, Rubens außer Kontrolle. Prompt reagierte er auf die Attacke seines Temperaments mit einer Flucht nach vorne: „Ich bin wieder im Rennen um den Titel, ich habe es allen gezeigt.“

          Stimmt. Sie haben es alle gesehen. Barrichello war der Mann des Tages, eigentlich des gesamten Wochenendes. Er bestimmte das Tempo. Und zwar auf Zuruf seines Teams. Als der Strategie-Experte und Teamchef Ross Brawn seinem Piloten per Funk mitteilen ließ, Gas zu geben, um den führenden Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes abzufangen, funktionierte Barrichello: schnell, präzise, fehlerlos. „Er ist super gefahren, das ganze Wochenende“, sagte der Williams-Pilot am Donnerstag in Spa-Francorchamps: „Wie er den Jenson (Button, Barrichellos Teamkollegen) im Griff hatte, das war stark.“ Auch ohne den verpatzten Boxenstopp von McLaren wäre Barrichello wohl an Weltmeister Hamilton zum Sieg vorbeigezogen. Was Boss Brawn zu besonderem Lob beflügelte: „Rubens, phantastisch, es war wie früher.“

          Das Schlachtross der Szene lässt die Korken knallen: „Es gibt wohl nichts, was ich noch nicht erlebt habe”
          Das Schlachtross der Szene lässt die Korken knallen: „Es gibt wohl nichts, was ich noch nicht erlebt habe” : Bild: AP

          Seine Leidensfähigkeit ist seine Stärke

          Jetzt rückt die Vergangenheit wieder in den Blickpunkt, Barrichellos gemeinsame Schlachten mit Brawn bei Ferrari. Aus dieser Ära stammen schöne Komplimente: Meister der Überholkunst auf offener Strecke nannten sie ihn. Als zuverlässiger Punktelieferant wurde er geschätzt und sein Dienst am Team entsprechend vergoldet. Nur ein Titel, den selbst gewählten, hätte Barrichello bald nach seiner Kreation am liebsten für immer und ewig wieder verschluckt: „Ich“, hatte er damals mit Blick auf die Rolle von Chefpilot Michael Schumacher erklärt, „bin die Nummer 1b.“

          Mit der Reife und dem Abstand wertet Barrichello die Schumacher-Ära neu. Immer wieder lässt er durchschimmern, wie sehr sich sein Rückblick rot färbt. Man habe ihn nicht gelassen, sagt er. Stimmt ja auch. Zweimal pfiff ihn Rennleiter Jean Todt zurück, um Schumachers Solotouren an der Spitze auch nicht im Ansatz zu gefährden. Nett war das nicht, eher respektlos, peinlich für einen so großen Rennstall. Bei Brawn soll das nun anders sein. „Ich erwarte ein faires Rennen“, sagt Barrichello vor dem Großen Preis von Belgien an diesem Sonntag in Spa-Francorchamps. Als neuer Zweiter der Fahrerwertung liegt er 18 Punkte hinter Button und an erster Steller der Verfolgerliste: „Es wird ein harter Kampf.“

          Barrichello wird Geschichte schreiben

          Wie er auch ausgehen mag, Barrichello wird Geschichte schreiben. Erfüllt er sich seinen „Lebenstraum“, dann hätte niemand mehr Rennen (284) für den Gewinn des Titels gebraucht. Scheitert er, dann hätte es niemand länger vergeblich versucht. Aus Barrichellos Statistik lässt sich die Stärke des in der Öffentlichkeit stets freundlichen Rubens herauslesen: seine Leidensfähigkeit. In Brasilien haben sie ihn zum Nachfolger des am 1. Mai 1994 tödlich verunglückten Ayrton Senna erkoren, aber nach seinem Wechsel zu Ferrari ab 2000 als Ankündigungs-Weltmeister verspottet; in einer satirischen Puppenshow des brasilianischen Fernsehens.

          Sein überraschender Wechsel zu Honda Ende 2005 erschien wie ein kluger Sprung auf ein fürstlich bezahltes Altenteil, der Rückzug Hondas im Dezember 2008 als das Ende einer vergeblichen Jagd. „Aber wir haben uns alle getäuscht.“ Keine neun Monate später verkündet er den x-ten Angriff auf den Thron des Königs der Autofahrer. Ob Barrichello vielleicht doch noch die Kurve kriegt?

          „Da bekommt man nur Blah-blah-blah zu hören“

          In den vergangenen vier Rennen ist der Paulista dem WM-Favoriten Button vor der Nase hergefahren. Am Donnerstag stürmte Barrichello voller Tatendrang zur Streckenbesichtigung auf eine Piste, die er seit 1993 kennt. „Rubens spürt, dass noch was geht“, sagt ein Teammitglied. Aber er fürchtet auch die Hausmacht Buttons – aus Erfahrung. Nach den Rennen in Barcelona und am Nürburgring hatte Barrichello Teamchef Brawn vorgeworfen, Button an ihm vorbeigelotst zu haben. Wutentbrannt verwarf der Südamerikaner jeden Hinweis, doch erstmal die Erklärung des Teams anzuhören: „Da bekommt man nur Blah-blah-blah zu hören.“

          Nicht nur. Brawn schätzt Barrichello. Dessen Chancen auf eine Vertragsverlängerung sind enorm gestiegen. Laut Statistik aber hat sich seit der Schumacher-Ära nicht viel verändert. Für Ferrari gewann Barrichello neun Rennen in sechs Jahren. Der Rheinländer gewann im gleichen Zeitraum 56. Das entspricht in etwa der Barrichello/Button-Quote. Es steht 1:6. Es gibt also doch noch was zu lernen: Konstanz auf höchstem Niveau.

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