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Formel 1 : Der Daimler im Niemandsland

  • -Aktualisiert am

Michael Schumacher: Bitterer Saisonstart für Mercedes Bild: dpa

Zu den technischen Tücken kommen Abschüsse: für Mercedes beginnt die WM nach großen Erwartungen mit einem Fehlstart. Michael Schumacher muss schon früh aufgeben.

          3 Min.

          Mercedes? Abgeschossen. Erst erwischte es den Rekordweltmeister. Der Spanier Jaime Alguersuari schlitzte mit dem Frontflügel seines Toro Rosso beim Gedränge in der ersten Kurve nach dem Start den rechten Hinterreifen von Michael Schumachers Silberpfeil auf. Bei dem Crash oder aber durch die Fahrt auf der Felge zur Box wurde der Unterboden des Rennwagens so stark beschädigt, dass der Rheinländer nach 19 Runden auf Rat seines Teams die Premiere des Jahres beendete.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Weil sein Teamkollege Nico Rosberg als Neunter kurz darauf von Rubens Barrichello bei einem ungestümen (später bestraften) Überholmanöver von der Piste und aus dem Rennen gedrückt wurde, stand Mercedes am Sonntagabend mit leeren Händen da. Das Fremdverschulden konnte den Betriebsunfall aber nicht kaschieren. Und so redete Sportchef Norbert Haug nicht um den heißen Brei herum: „Außer Spesen nichts gewesen.“

          Das ist viel zu wenig für einen Rennstall, der sich zu Beginn seines zweiten Jahres in der Königsdisziplin auf dem Weg zur Spitze wähnte. Vor gut zwei Wochen noch in Barcelona schien sich die Prognose zu bestätigten. Schumacher gelang die Bestzeit zum Ende der Testfahrten: Frühlingserwachen beim Daimler. Zwar ahnten viele, dass Red Bull nicht die Karten aufgedeckt hatte und andere Rennställe in Melbourne ihre Boliden noch weiter aufrüsten würden. Doch Schumacher, in all den Jahren als Formel-1-Pilot stets sehr vorsichtig bei Prognosen, sprach noch am vergangenen Donnerstag von „Podien“, ja sogar von „Siegen“.

          Mit diesen Zeiten? Weder bei den Trainingsfahrten am Freitag noch beim Qualifying am Samstag, bei dem Rosberg Siebter mit 1,9 Sekunden Rückstand und Schumacher Elfter wurde, konnte Mercedes den Eindruck von Barcelona bestätigen. Auch im Rennen deutete bis zum Ausfall Rosbergs in der 23. Runde wenig auf eine besondere Leistungsfähigkeit im Dauerlauf. Rosberg, ambitioniert, hochgeschätzt nicht erst, seit er Schumacher im vergangenen Jahr hinter sich ließ, wählte eine bezeichnende Standortbestimmung: „Ich habe nicht erwartet, dass wir im Niemandsland sind.“

          Falsch kalkuliert und schwer verrechnet?

          Red Bull weit weg, McLaren nicht in Schlagdistanz, Ferrari mit Fernando Alonso eine halbe Sekunde voraus: Als Vierter wäre Mercedes so gut oder schlecht im Rennen wie zum Saisonstart 2010. Diesmal aber überholte noch Renault, Toro Rosso sitzt im Nacken und auch Sauber, obwohl die Piloten der Schweizer am Sonntagabend von Platz sieben und acht gestrichen wurden, weil die Biegung eines Heckflügelelementes nicht dem Reglement entsprechen soll. Das Team beteuerte, keinen Wettbewerbsvorteil genossen zu habe und kündigte fristgerecht einen Einspruch beim Internationalen Automobil-Verband an.

          Ähnlich überrascht wie Sauber wirkte Mercedes in Melbourne schon am Freitag. Falsch kalkuliert und schwer verrechnet? „Nein“, sagt Schumacher, „wir werden zurückschlagen.“ Der 42 Jahre alte Rheinländer glaubt nach wie vor an das Potential seines neuen Dienstwagens. Sein Teamchef, Ingenieur Ross Brawn, rechnete vor, unter Wert geschlagen worden zu sein. „Wir hätten bis zu sieben Zehntelsekunden pro Runde schneller sein können im Qualifikationstraining“, sagte der Brite. Und Sportchef Haug lieferte dazu die Einzelteile: „Es haben einige technische Dinge nicht funktioniert, die in Barcelona keine Probleme machten.“ Als da wären unter anderem: eine aerodynamische Instabilität, ausgelöst vom Heckflügel.

          Oder aber die Unzuverlässigkeit des Energierückgewinnungs-Systems Kers. Ein Kuriosum. Mercedes lieferte 2009 das Spitzenmodell. Jetzt, bei der Wiedereinführung, profitierte Adrian Sutil im Force India (9. nach den Disqualifikationen) von dieser Technik. Am Sonntag bedankte sich der Rennstall artig bei den Stuttgartern, während Lewis Hamilton erklärte, wie er beim Start Rang zwei halten konnte: mit dem Kers der Deutschen.

          Wahre Stärke in Malaysia?

          Nicht die Grundkonzeption des Autos, sondern die Summe der Defekte und Probleme von Freitag an ließ laut Haug keine Entwicklungsarbeit an der Abstimmung der Rennwagen über das Wochenende zu. Wenig Haftung, keine Balance, blockierende Räder beim Bremsen das Vertrauen der Fahrer in ihren W02 sank. „Es war“, sagte Haug, „ein Fehlstart vom ersten Tag an. Aber wir brechen jetzt nicht in Panik aus.“ Gesagt, getan. Ruhig analysierte Brawn die Lage.

          Sein Fazit: Schon in zwei Wochen, beim Rennen in Malaysia, könnte ein rundum wie in Barcelona funktionierender Silberpfeil seine wahre Leistungsfähigkeit zeigen: „Wenn wir ein perfektes Wochenende mit einer perfekten Balance gehabt hätten, dann würde ich mir Sorgen machen, weil ich nicht wüsste, wo wir noch Leistungsfähigkeit suchen sollten.“ Aber selbst ein fehlerloser Mercedes wäre im Moment zu langsam für Red Bull: um gut eine Sekunde pro Runde.

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