https://www.faz.net/-gtl-9lwhn

Formel 1 : Das unglaubliche Comeback des Robert Kubica

  • -Aktualisiert am

Robert Kubica ist wieder da: In Australien verteilt er schon wieder erste Autogramme. Bild: AP

Vor acht Jahren verletzte sich Robert Kubica so schwer am rechten Arm, dass er 90 Prozent seiner Funktion verlor. Jetzt ist der Formel-1-Pilot wieder da – und meistert sein Comeback mit links.

          Eigentlich hätte dieses Comeback mehr Aufmerksamkeit verdient. Robert Kubica war 3045 Tage kein Formel-1-Rennen mehr gefahren. Der 34 Jahre alte Pole musste acht Jahre lang aussetzen, nachdem er sich bei einem Rallyeunfall am 6. Februar 2011 so schwer am rechten Arm verletzt hatte, dass der in seiner Funktion bis zu 90 Prozent eingeschränkt ist. Kubica lenkt fast ausschließlich mit links. Eigentlich ist diese Rückkehr eine der unglaublichsten Geschichten der Formel 1, die an diesem Sonntag in Schanghai (8.10 Uhr MESZ, F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und RTL/Sky) zum 1000. WM-Lauf antritt.

          Red-Bull-Pilot Daniel Ricciardo forderte seine Fahrerkollegen zum Saisonstart in Australien demonstrativ auf, Kubica zu applaudieren: „Keiner von uns kann sich vorstellen, durch welche Hölle Robert gegangen ist. Es ist eine herausragende Leistung, dass er nach so langer Zeit wieder an Formel-1-Rennen teilnimmt.“ Die anschließende Verneigung von Lewis Hamilton und Sebastian Vettel vor der Willensleistung ihres Kollegen war ehrlich. Über Kubicas Gesicht huschte ein Lächeln, so als hätte er soeben seinen zweiten Grand Prix nach Montreal 2008 gewonnen.

          Ein mühsamer Weg zurück

          Es war ein mühsamer Weg zurück zur Normalität. Kubica fuhr nach vielen Operationen und Rückschlägen wieder Rallyes, er startete in Le Mans. Immer in Autos, in denen er zur Seite hin genug Platz hatte, trotz seines lädierten Armes die Lenkarbeit zu verrichten. In einem Formel-1-Cockpit ist kaum Platz. Deshalb musste sich der WM-Vierte von 2008 einen anderen Fahrstil angewöhnen. „Ich fahre völlig andere Linien als früher. Sie müssen flüssiger sein, weil mir die Kraft für extreme Lenkbewegungen fehlt.“ Ein Jahr lang diente Robert Kubica als Testfahrer bei Williams. Dann war er sich sicher: „Ich wollte keinen Vertrag aus Mitleid. Ich mache es nur, weil mich das Team auch wirklich will.“ Aber Williams ist nicht mehr der Rennstall, der 114 Rennen gewonnen hat.

          Seit 2018 fahren die Briten am Ende des Feldes. In dieser Saison fehlten bislang 1,5 Sekunden zum Vorletzten der Rangliste. Kubica und George Russell fahren ihr eigenes Rennen. Spötter sprechen bereits von der Formel 2. Beim Training am Freitag fuhren Mercedes mit Valtteri Bottas und Ferrari (mit Vettel) als Schnellste 2,7 Sekunden schneller als Kubica, der Vorletzter wurde. Dem FW42 fehlt massiv Abtrieb. Angeblich bis zu 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ähnlich sehen die Ergebnisse des Qualifying am Samstag aus: Bottas wird beim Großen Preis von China (Sonntag 8.10 Uhr MESZ/RTL und Sky, Liveticker auf FAZ.NET) von der Pole Position starten vor Lewis Hamilton und Sebastian Vettel. Kubica startet vom 18. Platz.

          Kein Sicherheitsnetz

          Alle anderen Teams haben trotz der Aerodynamik-Reform ihre alten Abtriebswerte schon wieder erreicht oder verbessert. Die Aufholjagd wird dadurch behindert, dass der Rennstall immer noch knapp an Ersatzteilen ist. „Wir können über Verbesserungen am Fahrzeug erst nachdenken, wenn wir den Engpass mit den Teilen gelöst haben“, sagt Kubica. Im Augenblick streiten sich der Rennstall und sein Technischer Direktor Paddy Lowe um die Frage der Verantwortung für das Desaster. Doch selbst wenn Williams den Rechtsstreit gewinnt, ist nicht viel geholfen. „Das zu reparieren, was kaputtgemacht wurde, dauert nicht Wochen, sondern Monate oder gar Jahre“, sagt Kubica.

          Aus Sicht des Heimkehrers ist diese Perspektive fatal. Kubica kann sich nur durch Leistung empfehlen. Er hat kein Auffangnetz wie sein junger Stallrivale, der bei Mercedes unter Vertrag ist. Gute Ergebnisse wären der Beweis dafür, dass die körperliche Behinderung kein Grund ist, an ihm zu zweifeln. Der Krakauer gibt zu, dass am Anfang genug Selbstzweifel bestanden. „Mit dem Speed hatte ich keine Bedenken. Aber vor meinem ersten Grand Prix nach acht Jahren habe ich mich schon gefragt, ob ich ein komplettes Rennen körperlich durchstehe. Jetzt weiß ich: Eine Renndistanz am Stück ist von der Fitness her kein Problem für mich.“ Der Mann, der 2010 kurz vor einem Ferrari-Vertrag stand, hat aber auch festgestellt: „Es hat sich in den acht Jahren einiges geändert, an das ich mich erst gewöhnen muss. Das Renntempo ist langsamer geworden. Das Reifenmanagement wichtiger. Speziell für uns, die wir wenig Abtrieb haben, damit mehr herumrutschen und die Reifen mehr verschleißen.“

          Nach acht Jahren wieder hinter dem Steuer: Robert Kubica im Qualifying in Schanghai

          Das größte Problem aber ist der Teilemangel. Bei seinem Comeback in Melbourne fuhr Kubica ab der fünften Trainingsrunde mit einem beschädigten Auto. „Ich bin über einen Randstein gefahren, über den alle fahren. Normalerweise dürfte er dem Auto nichts ausmachen. Bei mir war der Unterboden kaputt. Und weil wir keine Ersatzteile hatten, musste ich den Rest des Wochenendes mit diesem Manko leben.“ Prompt verlor Kubica 1,7 Sekunden auf seinen Teamkollegen. Wer die Hintergründe nicht kannte, musste denken, der 78-malige Grand-Prix-Teilnehmer hätte seine Fähigkeiten falsch eingeschätzt. „Ich bin ein anderes Auto als mein Teamkollege gefahren. Es gab gute Gründe für diesen Abstand.“ Gleichzeitig gab er zu: „Ich habe einen schlechten Job gemacht, weil ich mich besser an die Umstände hätte anpassen müssen.“

          Vor zwei Wochen in Bahrein lag Kubica auf Augenhöhe mit Russell. „Ich habe die Runde viel besser zusammengebracht als in Melbourne. Dabei waren die Autos immer noch nicht gleich. Mir sind beim Fahren wieder Teile vom Auto abhandengekommen. Unter gleichen Bedingungen kann ich die gleichen Zeiten fahren wie George.“ Ein Gleichstand mit Russell wäre schon ein Kompliment, denn der amtierende Formel-2-Meister ist auf dem Papier der Beste eines sehr guten Jahrgangs. Aber Kubica wird nur im Rennen bleiben, wenn er auf Dauer schneller ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die aufgewendete Energie ist enorm, der Ertrag mager: Geförderte Humboldt-Universität in Berlin.

          Exzellenz-Förderung : Noch so ein Sieg

          Ein Wettbewerb, in dem es nur Sieger gibt, ist eigentlich keiner: Welche Universitäten über die Exzellenzinitiative gefördert werden und welche nicht, sagt so gut wie nichts aus.

          Persischer Golf : Vermisst irgendjemand eine Drohne?

          Ein weiterer Zwischenfall im Golf schafft Verwirrung. Iran dementiert amerikanische Angaben über einen Drohnenabschuss. Zugleich macht Teheran ein neues Gesprächsangebot.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.