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Formel 1 : Das Schweigen der Motoren

Manch ein Rasenmäher ist lauter als die Rennwagen der neuesten Generation Bild: Jan Bazing

Man höre nichts und staune: Formel-1-Boliden sind leise geworden. Und das wird so bleiben. Kleiner, effektiver und billiger - darum geht es der Branche. „Die Lärmdiskussion ist sinnlos“.

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          Es ist, als komme ein Schwarm Kampfflieger auf einen zu. Die Leitplanken vibrieren, die Luft zittert, und fast jeder auf der Tribüne versucht, seine Ohren irgendwie vor diesem infernalischen Lärm zu schützen. Es ist der Sound der alten Formel 1, sie klingt so laut und wuchtig wie ein Heavy-Metal-Konzert. Es gibt sogar Menschen, die diese Geräuschkulisse so sehr lieben, dass sie CDs mit dem Motorensound kaufen und sie zu Hause hören. Aber das ist Vergangenheit, es ist nur noch Teil der Motorsport-Romantik, in der es vor allem laut, ölig und gefährlich sein musste.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Neuzeit klingt so: Der Sechs-Zylinder-Motor brummt, tief und durchaus angenehm, der Turbolader pfeift, und beides ist so leise, dass am Start und in den Kurven selbst das Quietschen der Reifen zu hören ist. Niemand muss sich mehr die Ohren zuhalten. Niemand muss sich mehr Sorgen machen um sein Gehör. Und doch behaupten Motorsport-Puristen, dass die Formel 1 ihrer Dezibel-DNA beraubt worden ist. „Das ist eine Farce“, sagt Bernie Ecclestone. „Die Formel 1 - das war schon immer Glamour, und die Leute lieben Glamour. Glamour, bis zu dem Moment, in dem die Motoren gestartet werden und der Lärm beginnt. Darum geht es in der Formel 1.“

          Um Lärm? Ecclestone ist 83 Jahre alt, sein halbes Leben hat der Brite an irgendwelchen Rennstrecken dieser Welt verbracht. Doch die neue Motorengeneration kennt er nur aus dem Fernsehen. Ecclestone fehlte bei den Testfahrten vor dieser Saison, und er war auch beim Auftaktrennen in Australien nicht dabei. Sein Urteil aber hat der kleine Mann aus Ipswich dennoch gefällt und danach öffentlich in gleich mehreren großen Tageszeitungen gesprochen. Damit traf Ecclestone einen Nerv. Selbst der viermalige Champion Sebastian Vettel (Red Bull) sagte nach dem Grand Prix in Melbourne: „Es hört sich an, als würde der Staubsauger nebenher laufen und nicht, als würde ein Rennwagen fahren.“ Auch in den verschiedenen Foren diskutieren die Fans seit knapp zwei Wochen über das, was nun zu hören ist - oder auch nicht: The sound of silence? Beim Kurznachrichtendienst Twitter behauptet einer: „Mein Diesel hat einen besseren Sound als diese F1-Seifenkisten.“ Bei Youtube gibt es Videos zu sehen, die den Sound der Autos von 2013 mit jenen dieses Jahres vergleichen.

          Ohne neue Motorenformel wären manche Hersteller ausgestiegen

          Niki Lauda kennt die Formel 1 seit Anfang der siebziger Jahre, der Österreicher ist unter anderem einen March mit einem Acht-Zylinder-Motor und drei Litern Hubraum gefahren, er saß in einem Ferrari mit einem Zwölf-Zylinder-Triebwerk, und 1984 ist er bei McLaren als zweiter Mann in der Geschichte der Formel 1 Weltmeister geworden mit einem Turbo-Motor und mehr als 1.000 PS. „Mir war das immer vollkommen wurscht, das waren halt die Motoren, die uns damals eingebaut worden sind. Damit musste jeder Fahrer zurechtkommen“, sagt der Fünfundsechzigjährige dieser Zeitung. Lauda tritt heute als Aufsichtsratsvorsitzender des Mercedes-Rennstalls auf. Er sagt: „Die Formel 1 in ihrer alten Form hatte sich totgefahren, damit hätten wir in ein paar Jahren keine Chance mehr gehabt. Überall wird derzeit nach Möglichkeiten gesucht, um den Lärmpegel zu reduzieren, um die Menschen nicht mehr so stark zu belasten - da können wir doch nicht weiterhin so einen Krach machen.“ Und weiter: „Der Fan kann den Lärm ja gern haben, wenn er sich diesen so sehr wünscht. Aber dann ist kein Mercedes, kein Ferrari und auch kein Renault mehr dabei.“

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          Kleiner, effektiver und billiger ­ darum geht es den Motorenherstellern seit Jahren. Schon 2010 hat der Weltrat des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia) deshalb verabschiedet, dass die Szene abrüstet. Ursprünglich war anstelle des 1,6-Liter-Turbomotors mit sechs Zylindern sogar eine Vier-Zylinder-Variante im Gespräch, doch die Verantwortlichen von Ferrari protestierten mit Erfolg. Ohne eine neue Motorenformel hätte Renault längst seinen Ausstieg aus der Formel 1 bekanntgegeben, auch Honda würde im kommenden Jahr nicht wieder zurückkehren. Und selbst ein Einstieg von Volkswagen scheint weiterhin möglich, Audi war schließlich einer der Initiatoren der neuen Motorenformel. „Deshalb verstehe ich dieses ganze Gerede nicht“, sagt Lauda: „Das ist absurd, die ganze Lärmdiskussion ist eine vollkommen sinnlose Diskussion. Und ich gehe davon aus, dass sie in drei oder vier Rennen schon wieder verstummt.“ Auch Monisha Kaltenborn, die Teamchefin des Sauber-Rennstalls, sagt: „Es ist sicherlich eine Umstellung. Aber wir werden uns daran gewöhnen.“

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