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Formel 1 : Das Rennen der Kopierer

  • -Aktualisiert am

BrawnGP hat den Diffusor - und die Konkurrenz versucht, das Original zu kopieren Bild: dpa

Da der Diffusor für regelkonform erklärt wurde, heißt das für die Teams ohne den besonderen Unterboden: nachrüsten. So einfach ist das Kopieren aber nicht. Die sieben betroffenen Rennställe müssen Kompromisse eingehen.

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          Das Urteil von Paris könnte die Formel-1-Weltmeisterschaft 2009 entscheiden. Die Berufungsrichter der FIA gaben der Einschätzung der Sportkommissare von Melbourne und Sepang Rückendeckung. Der umstrittene Unterboden der Autos von BrawnGP, Toyota und Williams ist legal (siehe auch: Formel 1: Brawns Diffusor regelkonform). Das heißt für die restlichen sieben Teams: nachrüsten.

          So einfach ist das aber nicht. Man kann den Trick nicht einfach so kopieren. Platz ist Mangelware im Heck eines Formel-1- Autos. Nur wer von vornherein mit einem doppelstöckigen Diffusor geplant hat, kann die Vorteile dieser Anordnung auch konsequent ausnutzen. „Wir können einen Schnellschuss nachbauen“, beschreibt Renault-Ingenieur Pat Symonds das Problem, „aber es ist dann eben nur ein Kompromiss und nie so gut wie das Original.“ Renault hat das Rennen der Kopierer gewonnen. Das Team erwartet, dass ein erster Nachbau des ominösen Unterbodens an diesem Freitag in Schanghai eintrifft. Es gibt nur ein Exemplar davon, und das ist für Teamkapitän Fernando Alonso reserviert.

          Der zweifache Weltmeister warnt aber vor allzu großen Erwartungen: „Mit Kopieren allein ist es nicht getan. Das magische Detail, das ein Rennauto schneller macht, gibt es nicht. Wer hinten etwas ändert, muss mit dem Frontflügel anfangen.“ Alonso rechnet damit, dass es Monate dauern wird, den Rückstand auf Tabellenführer BrawnGP aufzuholen. Ist damit auch sein Traum vom dritten Titel ausgeträumt? „Ich hoffe nicht“, sagt der Spanier. Alles hänge jetzt davon ab, wie Jenson Button seinen technischen Vorteil nutze. „Wenn er weiter das Beste daraus macht, wird es schwer werden, rechtzeitig die Lücke zu schließen.“

          „Unsere Ingenieure bauen das Auto nach dem Buchstaben des Gesetzes”: Ross Brawn

          Das Reglement setzt der Höhe des Diffusors Grenzen

          Nick Heidfeld sieht das Saisonziel von BMW – um den Titel mitzufahren – bereits in Gefahr. BMW will zwar bis zum fünften Rennen in Barcelona einen doppelstöckigen Diffusor rennfertig haben, doch deshalb dürfe man nicht davon ausgehen, mit den Spitzenautos auf Augenhöhe zu kämpfen. „Man darf den Unterboden nicht isoliert betrachten. Er ist Teil eines Konzepts, und die Teams, die ihn zur Zeit einsetzen, haben ihre Autos dahingehend perfektioniert.“

          Auch McLaren-Mercedes muss sich vorerst davon verabschieden, Rennen zu gewinnen. McLaren wird mit einem Kraftakt beim übernächsten Rennen in Bahrein eine eigene Lösung vorstellen. Teamchef Martin Whitmarsh rechnet mit Entwicklungskosten von mindestens fünf Millionen Euro, bis man auf dem Stand der derzeit führenden drei Teams ist. Die Anhörung der Konfliktparteien in Paris dauerte sieben Stunden. Das zeigt, wie komplex das Thema ist, um das seit Wochen gestritten wird. Die letzten 35 Zentimeter des Unterbodens, im Fachjargon als Diffusor bezeichnet, erzeugen einen Saugeffekt und damit Anpressdruck. Generell gilt: Je steiler der Anstieg des Unterbodens, umso höher der Abtrieb.

          Das Reglement setzt der Höhe des Diffusors Grenzen. Von unten betrachtet, darf kein Teil höher als 17,5 Zentimeter über dem tiefsten Punkt des Autos, der so- genannten Referenzebene, liegen. Das gilt nicht für Komponenten, die man aus der Froschperspektive nicht sieht. Diese Spitzfindigkeit machte sich der „Diffusor-Club“ zunutze. Er montierte über dem eigentlichen Unterboden einen zweiten, der deshalb nicht an der Höhenvorschrift scheitert, weil er durch den unteren Boden verdeckt wird. Entscheidend ist, wie die Luft in diese zweite Etage eingeleitet wird.

          „Die Kurvengeschwindigkeiten werden unkontrollierbar ansteigen

          Das geschieht über Löcher im Boden, deren Plazierung in den Paragraphen 3.12.1 bis 3.12.6. genau festgelegt ist. Da ist von Flächen die Rede und nicht von einer Fläche, und der Umstand, ob man das als Singular oder Plural interpretiert, teilt das Feld in zwei Parteien. Wer den Unterboden wie BrawnGP, Toyota, Williams und die FIA-Richter in drei Flächen einteilt, der darf in den Übergang zwischen dem eigentlichen Boden und der Stufe, auch Referenzebene genannt, Löcher schneiden.

          Man muss kein Aerodynamiker sein, um das Ergebnis zweier übereinander gestaffelter Diffusoren zu verstehen. Der Abtrieb addiert sich. Je nach Sichtweise sprechen die Ingenieure von einem Zeitgewinn von einer halben bis einer Sekunde pro Runde. Deshalb schwärmten kurz vor der Verhandlung des FIA-Berufungsgerichts auch die Lobbyisten beider Lager aus, um Stimmung zu machen. Bei einigen Teams ging es um Sein oder Nichtsein. Der frühere Ferrari-Ingenieur Rory Byrne warnte als Mitglied der Überholkommission davor, dass die Zielvorgabe des neuen Reglements torpediert würde. „Wir öffnen hier einen Weg, der uns zurückführt zu den alten Groundeffect-Autos. Die Kurvengeschwindigkeiten werden unkontrollierbar ansteigen. Und es wird schwieriger, anderen Autos zu folgen. Wer so einen doppelstöckigen Diffusor einsetzt, braucht optimale Anströmung, damit er funktioniert. Das geht im Pulk nicht.“

          „Die wissen gar nicht, wie dieser Diffusor funktioniert“

          Für Ferrari ist die Lage besonders prekär. „Wir müssen das Auto im Heck komplett umbauen“, gibt Technikdirektor Aldo Costa zu. Das ist vor Anfang Juni nicht zu schaffen. Beim siebten Saisonrennen ist der WM-Zug aber wahrscheinlich schon abgefahren. Ferrari hat noch ein zweites Problem. „Die wissen gar nicht, wie dieser Diffusor funktioniert“, spottet Toyota-Ingenieur Frank Dernie. Ross Brawn warf seinem früheren Team vor, dass der Protest auch das Ziel verfolgte, im Zuge der Verhandlungen mehr über das Geheimnis des Diffusors zu erfahren.

          Ferrari-Anwalt Nigel Tozzi lieferte sich daraufhin ein heftiges Wortgefecht mit seinem früheren Mitstreiter. Auf Tozzis Einwand, die drei Teams hätten den Geist des Reglements verletzt, antwortete Brawn: „Unsere Ingenieure bauen das Auto nach dem Buchstaben des Gesetzes. Sie wollen mir doch nicht im Ernst erzählen, dass der technische Direktor bei Ferrari seinen Mitarbeitern sagt: Baut mir ein Auto, das die Zielvorgabe der Überholkommission erfüllt.“

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