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Formel 1 : Das Problem im Kopf

Nicht mit mir: Weil Lotus ihm den Lohn nicht gibt, wechselt Kimi Räikkönen zu Ferrari, wo er kein Problem mit Platzhirsch Alonso erwartet Bild: AP

Ob das gutgeht? Mit der Wahl von Kimi Räikkönen als Teamkollegen Fernando Alonsos offenbart Ferrari das Scheitern eines Experiments: Der zweimalige Weltmeister aus Spanien ist nicht die gewünschte Führungsfigur geworden.

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          Er spricht ganz ruhig und ganz langsam. Fernando Alonso sitzt hinter dem Teampavillon von Ferrari, ein Sonnensegel spendet ein wenig Schatten. Es ist der erste offizielle Auftritt des Spaniers, seit bekannt wurde, dass die Scuderia Kimi Räikkönen als dessen neuen Teamkollegen für die nächste Saison verpflichtet hat. Ob diese Mischung aus zwei ehemaligen Weltmeistern und leidenschaftlichen Alphatieren nicht zu explosiv sei? Alonso faltet die Hände, er überlegt einen Moment, dann er erzählt er eine schöne Geschichte: Seit vier Jahren lese er Bücher über die japanische Kultur, über fernöstliche Weisheiten, und manches darin habe ihn sehr fasziniert. Zum Beispiel dieser Spruch: „Manchmal schaffen wir die Probleme selbst in unseren Köpfen.“ Stille – und Alonso lächelt.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine halbe Stunde später beginnt die offizielle Pressekonferenz vor dem Großen Preis von Singapur an diesem Sonntag (Start: 14 Uhr MESZ/ RTL, Sky und im FAZ.NET-Liveticker). Räikkönen sitzt in der ersten Reihe, er hat die Sonnenbrille mit den knallgelben Gläsern auf den Schirm seiner Mütze gelegt, kaut unermüdlich einen Kaugummi. Warum er Lotus verlasse? „Ich habe meinen Lohn nicht bekommen.“ Ob er denke, dass es mit Alonso funktioniere? „Ich sehe keinen Grund, warum nicht. Falls etwas passieren sollte, bin ich mir sicher, dass Fernando und ich das klären können. Wir sind keine zwanzigjährigen Jungs mehr.“ Stille – Räikkönen lächelt nicht.

          Ferrari übt Harmonie

          Beinahe zwanzig Millionen Euro haben ihm die Verantwortlichen von Ferrari 2009 überwiesen, damit er das Team vor Ablauf seines Vertrages verlässt. In etwa genausoviel zahlen sie Räikkönen laut verlässlichen Schätzungen nun pro Jahr, damit er wieder am Steuer dreht. Allein an diesen Zahlen kann man ablesen: Das Experiment mit Alonso als Chefpilot ist gescheitert, das gesteht inzwischen auch Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo. „Ich verlange von Räikkönen Siege, Konstanz, Podestplätze. Und Alonso wird davon am meisten profitieren“, verkündete der Sechsundsechzigjährige. Dass Ferrari in den vergangenen Jahren keinen Titel gewinnen konnte, lag nicht nur am Auto, sondern auch an den Piloten. So denken einige Ingenieure bei der Scuderia, nur sagen sie es nicht laut.

          Entspannt neben der Strecke: Fernando Alonso
          Entspannt neben der Strecke: Fernando Alonso : Bild: dpa

          Der öffentliche Auftritt der Roten in Singapur wird von Harmonie bestimmt. Neben Alonso sitzt Teamchef Stefano Domenicali, einen Platz weiter Felipe Massa. Derart geschlossen sind sie seit dem Saisonauftakt in Australien nicht mehr aufgetreten. „Ferrari wird immer ein Teil meines Lebens sein“, behauptet Massa. Ein paar Tage zuvor klang er noch ganz anders. „Ich fahre ab jetzt nicht mehr für Alonso“, sagte er dem brasilianischen Fernsehsender „TV Globo“. „Ab dem Freitag in Singapur arbeite ich nur noch für mich selbst. Ich werde jede Runde volle Attacke fahren. Jetzt ist die Zeit gekommen, nur noch auf mich selbst zu schauen.“ Also kein Windschatten mehr für Alonso während des Qualifikationstrainings? Kein Vorbeiwinken des Teamkollegen mehr während der Rennen? Sollte dies der Fall sein, bekäme Alonso zumindest schon mal eine Idee davon, was auf ihn im kommenden Jahr zukommt.

          Alonso und das Leben neben der Strecke

          Auf nichts anderes konzentrieren sich die Verantwortlichen von Ferrari. Kaum einer im Team glaubt daran, dass sie in diesem Jahr noch eine Chance gegen Sebastian Vettel und Red Bull im Kampf um die WM haben. Sieben Rennen vor Saisonende trennen den Deutschen schon 53 Punkte von seinem Dauerherausforderer. „Ich wusste nicht, dass es so viel ist“, behauptet Vettel. Aber er weiß ganz genau, was das neue Superteam von Ferrari für ihn bedeutet: „Das ist eine ganz starke Fahrerpaarung“, sagt er. „Dass wird eine harte Nuss, die es zu knacken gilt.“ Red Bull stellt ihm von 2014 an statt des alten und erfahrenen Mark Webber den jungen und unerfahrenen Daniel Ricciardo zur Seite, der im eigenen Nachwuchsrennstall Toro Rosso ausgebildet worden ist. Unterschiedlicher könnte die Herangehensweise zweier Top-Teams kaum sein.

          Einige Gegner freuen sich schon jetzt ob der offenen Konfrontation zweier Fahrer, die Ferrari bevorstehen könnte. Eine ähnliche Situation gab es schließlich schon einmal, und einer der Protagonisten war Alonso. 2007 sollte er bei McLaren der Chef sein, mit dem Debütanten Lewis Hamilton an seiner Seite. Doch schon nach wenigen Wochen bekämpften sich beide bis aufs Blut. Obwohl sie das stärkste Auto hatten, gewann am Ende des Jahres Ferrari mit Räikkönen im Cockpit den Titel, mit einem Punkt Vorsprung. Wiederholt sich diese Geschichte nun? „Ich weiß nicht, warum die anderen so etwas behaupten“, sagt Domenicali: „Vielleicht haben sie Angst vor uns, und diese Aussagen sind Teil ihres Psychokrieges.“

          In der Formel 1 reicht es nicht, schnell zu sein. Das sind viele. Voraussetzung für Seriensiege und WM-Erfolge am laufenden Band ist die Fähigkeit, sich beim Kreisen nicht ablenken zu lassen vom Drumherum. „Als Rennfahrer habe ich mich nicht verändert, ich gebe immer 110 Prozent“, behauptet Alonso, der gerade einen Radrennstall gekauft hat. „Aber neben der Strecke bin ich viel ruhiger geworden. Ich weiß, dass am Montag nach einem Grand Prix das normale Leben wieder weiter geht.“ Noch so eine Weisheit, die in Alonsos Planung passt. Manche seiner Vorgänger und Nachfolger glauben, dass montags nicht das normale Leben beginnt, sondern die Vorbereitung auf das nächste Rennen.

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