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Formel 1 : Das Kalkül von Mercedes geht auf

Im Fokus: Sieger Lewis Hamilton Bild: dpa

Durch den Doppelsieg beim Premieren-Grand-Prix in der Olympiastadt Sotschi sichert sich das Team von Sieger Lewis Hamilton und dem Zweiten Nico Rosberg vorzeitig den Titel des Konstrukteurs-Weltmeisters. Und das, obwohl der Deutsche sich selbst ausbremst.

          3 Min.

          „Jetzt sind wir die Besten.“ Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff war stolz in Sotschi. Konstrukteursweltmeister, so hat sich der Konzern in Stuttgart das gewünscht, als Ende 2009 die Entscheidung fiel, fortan mit einem Werksteam in der Formel 1 an den Start zu gehen. Vier Jahre vergingen, in denen sich der Erfolg nicht nachhaltig einstellen wollte. Im fünften wurde alles besser: Lewis Hamilton als Sieger des Großen Preises von Russland und Nico Rosberg als Zweiter sicherten dem Konzern und seinem Rennstall mit Sitz im englischen Ort Brackley endgültig den WM-Titel des besten Teams in der wichtigsten Motorsportserie der Welt. „Die Formel 1 ist ein knallhartes Investment“, sagte Wolff zwei Stunden nach dem Rennen. „Das Kalkül, mit dem der Vorstand investiert hat, ist mit diesem Weltmeistertitel aufgegangen.“

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Die Siegesserie der Mercedes-Piloten hatte den Konkurrenten ohnehin längst den Status als scharfe Verfolger genommen – Hamiltons Erfolg war der 13. Sieg im 16. Rennen der Saison. Auf den Plätzen drei, vier und fünf folgten mit Williams-Pilot Bottas und den McLaren-Fahrern Button und Magnussen ebenfalls Mercedes-befeuerte Fahrer.

          Weißer Rauch steigt auf

          Und Hamilton fehlen nur noch acht Punkte, um sicherzustellen, dass ein Mercedes-Pilot auch Fahrerweltmeister wird. Nach seinem Sieg in Sotschi deutet viel darauf hin, dass der Engländer der erste Formel-1-Weltmeister in einem Mercedes seit 1955 wird. Er führt die Weltmeisterschaft mit 17 Punkten Vorsprung vor Rosberg an. „Das ändert nichts“, sagte Hamilton. „Das Wichtigste ist, wie groß der Vorsprung am Ende der Saison ist. Aber es ist schön, vor Nico ins Ziel zu kommen.“

          Am Wendekreis des Olympia-Kurses: Lewis Hamilton im Mercedes
          Am Wendekreis des Olympia-Kurses: Lewis Hamilton im Mercedes : Bild: dpa

          Dabei hatte der Deutsche am Schwarzen Meer den besseren Start ins Rennen. Hinter Kurve eins, einem langgezogenen leichten Knick, der mit der Zufahrt auf das Fisht-Stadion endet, hatte er sich vor den von der Pole Position gestarteten Hamilton gesetzt. Als Erster durch die rechtwinklige zweite Kurve – und Rosberg hätte angesichts des prognostizierten und eingetretenen unspektakulären Rennverlaufs glänzende Aussichten gehabt auf den ersten Sieg seit Hockenheim Ende Juli. Mit Tempo 284 schoss er in seinem Mercedes auf das Olympiastadion zu, bremste – und blockierte beide Vorderräder. Weißer Rauch stieg auf, Rosberg musste in die Auslaufzone ausweichen. „Danach waren meine Reifen viereckig“, sagte Rosberg. „Über meinen Fehler ärgere ich mich sehr, ich habe mich verschätzt.“

          Der Deutsche musste zum frühen Reifenwechsel an die Box abbiegen, und Hamilton gelang anschließend ein nahezu perfekter Grand Prix. Schnellste Rennrunde in Umlauf 19. Schnellste Rennrunde in Umlauf 20. Schnellste Rennrunde in Umlauf 21. „Die Reifen sind wirklich gut“, teilte Hamilton seinem Team über Funk mit. „Ich merke überhaupt keinen Verschleiß.“ Da hatte sich Rosberg gerade bis auf den neunten Platz zurückgekämpft. Die einzige Chance auf eine vordere Plazierung und damit größtmögliche Schadensbegrenzung im Kampf mit Hamilton: mit dem Reifensatz, der ihm nach nur einer Runde aufgezogen wurde, ins Ziel kommen. „Das ist zu früh für ihn, damit kommt er nicht durch“, prognostizierte Jenson Button via Bordmikrofon.

          Siegerpodest in Sotschi: Die Nummer 1 heißt Hamilton
          Siegerpodest in Sotschi: Die Nummer 1 heißt Hamilton : Bild: dpa

          Und Rosberg? „Ich dachte, es ist gelaufen. Wenn es gut läuft, kriege ich noch ein paar Punkte.“ Es wurden dann doch ein paar mehr. Gegner um Gegner ließ der Deutsche hinter sich, bis schließlich Valtteri Bottas vor ihm auftauchte. Der Finne im schnellen Williams-Mercedes war der Einzige, der beim Tempo der beiden Werksfahrer in Silber einigermaßen mithalten konnte. Doch im Duell mit Bottas blieb Rosberg cooler als am Start gegen Hamilton und drückte sich vorbei.

          Inzwischen, erzählte Wolff anschließend, habe allerdings auch das Team nicht mehr daran geglaubt, dass Rosberg mit seinem Reifensatz ins Ziel kommen könnte. Doch dem Deutschen blieb nichts anderes übrig, als sein Auto über die letzten 20 Runden zu bringen, 116 Kilometer auf Reifen, an denen bereits über 190 Kilometer Laufleistung zehrten. Auf jeder anderen Strecke der Formel 1 wäre das vermutlich nicht gelungen. Doch Rosberg hielt durch, seine Reifen auch, und so ist die Fahrer-WM für ihn noch nicht verloren, zumal dem Sieger des letzten Rennens der Saison in Abu Dhabi 50 Punkte spendiert werden.

          Viel Rauch um Rosberg: Der Deutsche ruinierte sich gleich mal die Reifen
          Viel Rauch um Rosberg: Der Deutsche ruinierte sich gleich mal die Reifen : Bild: dpa

          Nach dem Rennen am Sonntag dürfte sich auch Charlie Whiting wie ein Sieger gefühlt haben – oder wenigstens sehr erleichtert. Der Rennleiter des Internationalen Automobilverbandes (Fia) hatte in Sotschi nach dem schwerem Unfall von Jules Bianchi vergangene Woche in Suzuka angekündigt, die Radlader zur Bergung gestrandeter Fahrzeuge mit „extremer Vorsicht“ einzusetzen. Es kam nicht zur Probe aufs Exempel – der Japaner Kobayashi und der Engländer Chilton stellten ihre Fahrzeuge in der Garage ab, weitere Ausfälle gab es nicht. Beim nächsten Grand Prix in Austin/Texas sollen die Autos im Gefahrenfall per Knopfdruck von außen eingebremst werden können. Bianchi, der mit einem Radlader kollidiert war und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitt, kämpft in Japan im Krankenhaus weiter um sein Leben. „Unsere Freude über den Titel“, sagte Wolff angesichts Bianchis Schicksal, „ist gedämpft.“

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