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Formel 1 : Crash auf Befehl

Rache? Wahrheit? Nelson Piquet Junior spielt eine Hauptrolle in der aktuellen Kriminalgeschichte der Formel 1 Bild: AFP

Der entlassene Formel-1-Rennfahrer Nelson Piquet Junior belastet Renault schwer. Demnach wurde das Rennen in Singapur im Jahr 2008 manipuliert. Initiator soll Teamchef Flavio Briatore gewesen sein. Der liefert eine andere Version.

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          Alt sieht dieser Mann inzwischen aus. Der Bauch wölbt sich unter dem T-Shirt, die Haut wirft Falten, dunkle Ringe zeichnen sich unter seinen Augen. Kaum etwas ist noch zu sehen von jenem Menschen, der jahrelang von Erfolg zu Erfolg unterwegs war und dabei die Schönheiten dieser Welt an seiner Seite führte. Flavio Briatore sieht müde aus – und dafür gibt es Gründe. Schon in der vergangenen Woche wurde der 59 Jahre alte Italiener mit schweren Betrugsvorwürfen belastet.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun, wenige Tage vor dem Rennen in Monza an diesem Sonntag (14.00 Uhr / FAZ.NET-Formel-1-Liveticker), ist bekannt geworden, wer die Anschuldigungen an die Öffentlichkeit gebracht hat: Nelson Piquet Junior. Jener Fahrer also, den der Teamchef von Renault im August entlassen hatte und der danach auf seiner Homepage verlauten ließ, dass Briatore sein „Henker“ gewesen sei. Jetzt könnten sich die Rollen umkehren, denn der 24 Jahre alte Brasilianer hat gegenüber dem Internationalen Automobil-Verband (Fia) bestätigt, dass er seinen Unfall im September des vergangenen Jahres in Singapur inszeniert habe, um seinem Teamkollegen Fernando Alonso auf diese Weise einen Vorteil zu verschaffen. Auf Anweisung von Briatore.

          Das zumindest berichtet die Londoner Tageszeitung „The Times.“ Noch am Morgen vor dem Rennen sollen sich Fahrer und Teamchef gemeinsam mit Chefingenieur Pat Symonds getroffen haben. Die Saison lief bis zu diesem Zeitpunkt ausgesprochen schlecht für Renault: Es gab viele Enttäuschungen und noch keinen Sieg nach vierzehn Grand Prix.

          „Was ich derzeit sehen kann: Jemand will den Kopf von Briatore”

          „Ich will mich zu diesem Rennen nicht mehr äußern“

          Erst in Singapur stand Alonso ganz oben auf dem Podium. Dabei war der Spanier nur von Position fünfzehn aus in das Rennen gegangen. Ob tatsächlich abgesprochen wurde, was ein Millionenpublikum sah, nachdem die Startampel auf Grün geschaltet worden war, will der Weltrat der Fia während einer Anhörung am 21. September in Paris klären. Ungewöhnlich früh, schon in der zwölften Runde, kam Alonso zu seinem ersten Reifenwechsel in die Box und fiel an das Ende des Feldes zurück.

          Zwei Runden später schlug Piquet Junior mit seinem Renault in die Mauer ein, blieb noch eine Zeitlang im Cockpit sitzen, so dass sowohl das Safety Car als auch der Rennarzt auf die Strecke fuhren. Alonso konnte zu den anderen Piloten aufschließen, und während später die Konkurrenten reihenweise in die Box abbogen, zog er an einem nach dem anderen vorbei. „Ich will mich zu diesem Rennen nicht mehr äußern“, sagte Alonso am Donnerstag in Monza. Sein ehemaliger Teamkollege erklärte gegenüber der Fia, er sei lediglich den Anweisungen der Teamführung gefolgt, um seinen Arbeitsplatz zu sichern.

          Kann diese Version wahr sein? Der vermeintliche Hauptdarsteller der Kriminalgeschichte ließ sich am Donnerstag in Monza von seiner Assistentin entschuldigen. Aber Briatore hätte ohnehin nichts gesagt. Alle Teammitglieder schweigen in der Öffentlichkeit. Gegenüber der Fia haben Symonds und Briatore inzwischen zumindest das Treffen mit Piquet bestätigt, dessen Behauptungen jedoch vehement widersprochen.

          „Was ich derzeit sehen kann: Jemand will den Kopf von Briatore“

          So sei die Betrugsidee vom Fahrer selbst gekommen, und beide hätten diese sofort abgelehnt. Zudem sei Briatore aufgefallen, „dass sich Piquet in Singapur in einem fragilen Geisteszustand befand“. Natürlich hat der Brasilianer ein gewaltiges Motiv für seine Offenheit: Rache. Briatore hat ihn schließlich vorerst um die Formel 1 gebracht. Beweise soll unter anderem die Privatdetektei Quest liefern. Fia-Präsident Max Mosley hat die ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter mit dem Fall beauftragt.

          Betrügereien in der Formel 1: Immer wieder hat es Manipulationsversuche gegeben. Da wurden untergewichtige Autos aus dem Verkehr gezogen oder geheime Zusatztanks entdeckt (2005 bei BAR–Honda); McLaren-Mercedes musste vor zwei Jahren wegen Spionage bei Ferrari eine Strafe in Höhe von rund 100 Millionen Dollar zahlen. Wenigstens zwei Fälle wurde aber nie restlos geklärt. 1994 entdeckte die Fia in der Software bei Benetton das Programm für die verbotene Traktionskontrolle. 2007 wurden auf einem Computer bei Renault Fahrzeugdaten vom McLaren gefunden.

          Damals wie heute hatten zwei Personen im Team das Sagen: Briatore und Symonds. Sollten sich die Vorwürfe nun bestätigen, dann droht dem Rennstall sogar der Ausschluss aus der Weltmeisterschaft. Es geht aber nicht nur um Renault: „Was ich derzeit sehen kann: Jemand will den Kopf von Briatore“, sagte Brawn-Pilot Rubens Barrichello. Die Zeit des italienischen Verführers im schnellsten Zirkus der Welt dürfte mit einem Schuldspruch beendet sein.

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