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Formel 1 : Bitte, ein rotes Wunder - Die Langsamkeit wird unerträglich

  • -Aktualisiert am

Schumachers Frust Bild: REUTERS

Der verlorene Titel macht Michael Schumacher nicht mehr ärgerlich, damit hat sich der Weltmeister bereits abgefunden. Schlimmer ist das verpatzte Ferrari-Heimspiel in Monza und die fehlende Aussicht auf Besserung.

          3 Min.

          Hallo "Ex-Weltmeister", wie fühlt man sich denn so nach dem Verlust des Titels? Das war die Frage an den großen deutschen Formel-1-Rennfahrer am Sonntag nachmittag nach dem Großen Preis von Italien in Monza. Sie kam zu spät für den Mann, der nun schon eine Saison hinterherfährt. Michael Schumacher ist seiner Zeit schon wieder voraus. Reingelegt! Monatelang vertröstete der Chefpilot von Ferrari die bohrenden Formel-1-Berichterstatter. Solange es theoretisch möglich sei, zum achten Mal Weltmeister zu werden, gebe er nicht auf. So sprach der Diplomat. Daß Schumacher wie alle anderen dachte, ließ er erst durchblicken, als es am Sonntag mit Rang zehn endgültig gelaufen war: "Ich hatte den Titel doch längst ad acta gelegt."

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          "Keine Schmerzen", kein Wutausbruch, keine Vorwürfe von einem, der stets nach Siegen strebt, aber nun im Mittelmaß lebt. Doch war da nicht dieser verärgerte Blick, die finstere Miene unmittelbar nach dem Zieleinlauf? Ist der Rheinländer vielleicht doch ein guter Schauspieler, einer, der zwar die Formel 1 nicht mehr beherrscht, aber immer noch seine Gefühle; sogar in dem Augenblick, als die Ära Ferrari/Schumacher (vorerst) Geschichte wurde? Denn wer weiß schon, ob es ein Comeback gibt? Vom Sturz ins Mittelfeld nach einer dominanten Phase erholte sich in den vergangenen zwanzig Jahren kein Rennstall innerhalb eines Jahres. Williams nicht, McLaren nicht, aber Ferrari? Sie arbeiten dran.

          Niederschmetternden Daten

          Während Renault-Pilot Fernando Alonso schon mal ein Gläschen hob auf die nahende Inthronisierung als Nachfolger Schumachers, sprach der Monza-Sieger Juan-Pablo Montoya mit seinem Söhnchen auf dem Arm beglückt vom Triumph auf der letzten Rille: "Eine Runde mehr wäre wohl zuviel gewesen" für den Reifen. Teamkollege Kimi Räikkönen hatte während seiner Aufholjagd am Limit von Mensch und Maschine den hinteren linken Pneu sogar wechseln müssen. Montoya ließ man bis ins Ziel sausen, mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 366 Kilometern pro Stunde. "Es war wohl ein Abstimmungsfehler", erklärte Teamchef Ron Dennis den Reifenschaden: "Juan ist glänzend damit umgegangen." Prost.

          Der Besuch in der Box macht Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo keine Freude

          So ein Problem hätte Schumacher gerne. Einmal an der Schraube gedreht, und schon ist man wieder im Rennen. Während die Konkurrenz den Erfolg mit einem entspannenden Sektempfang genoß, studierte Schumacher mit seinen Ingenieuren die niederschmetternden Daten von Monza. "Zum ersten Mal seit zehn Jahren hat Ferrari hier keine Punkte gewonnen", sagte Generaldirektor Jean Todt, "das tut weh." Noch schmerzhafter war die genauere Betrachtung der Vorstellung. Mitunter fuhr Schumacher um bis zu zwei Sekunden pro Runde langsamer als der Sieger. Darüber muß man reden.

          Wenigstens ein „gutes Rennen“ muß noch her

          Gleich nach dem Sprung aus dem Cockpit hatte er mit seinen Renningenieuren die Diskussion begonnen. Erst zweieinhalb Stunden nach dem Ende des Rennens verließ der Rheinländer die Analysekammer im Truck der Scuderia. Gleich wurde er umlagert, verfolgt. Er lächelte wie nach Siegen. Aber die befreiende Lösung ist nicht in Sicht. "Wir brauchen wohl ein kleines Wunder", sagte Todt bei seiner Vorschau auf das nächste Rennen am Sonntag in Spa-Francorchamps. "Wunder muß man sich hart erarbeiten", erklärte Schumacher.

          Es wird also nichts mit einer Rückkehr in die Erfolgsspur in Belgien - auf trockener Strecke. Ein Sieg oder wenigstens ein "gutes Rennen" (Schumacher) muß dennoch her in dieser Saison. Denn ein Erfolgserlebnis zum Abschluß der Saison in Brasilien, Japan oder China scheint die Voraussetzung für eine Rückkehr als ernsthafter WM-Kandidat 2006. Auch Renault und McLaren-Mercedes hatten ihr Potential schon zu Ende der vergangenen Saison angedeutet und dann hochmotiviert über den Winter an Verbesserungen gefeilt.

          Die Frage ist nur, was Ferrari aus eigenen Stücken beitragen kann. Die Teammitglieder nennen die größte Schwäche (Bridgestones Reifen) zwar immer noch nicht beim Namen, reden lieber von mangelnder Haftung. Aber Schumacher sprach auf Nachfrage wenigstens vom "schwarzen Gold". Schwarzes Gold? Ein Brite reagierte nach der Übersetzung "black gold" einigermaßen irritiert. Hat Ferrari eine Ölkrise? Zehn italienische Journalisten debattierten lebhaft einige Minuten, ob der unbekannte Begriff aus dem deutschen Motorsportsprachschatz vielleicht überirdische Bedeutung habe: "Black hole?" Die durch einen Hörfehler initiierte Idee vom schwarzen Loch in der Formel 1 hat zwar nicht unbedingt mit Stephen Hawkings Theorien zu tun. Aber irgendwie tappt Bridgestone doch im Dunklen. Daran ist die Scuderia nicht unschuldig. Der Exklusivanspruch an Bridgestone führte zu einer Isolation ohne Chance auf einen Quervergleich. Die Top-Teams wechselten zu Michelin. Deshalb sucht Bridgestone nun wieder Kunden von Niveau zu finden. Toyota und Williams sind angeblich interessiert. Todt begrüßt die Bemühungen. So könnte die Konkurrenz dem "Ex-Weltmeister" helfen, die Vorsilbe loszuwerden.

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