https://www.faz.net/-gtl-9suaw

Größte Reform der Geschichte : Wird die Formel 1 nun langsamer?

  • -Aktualisiert am

Mit der Reform soll auch das Überholen leichter werden (im Bild: Max Verstappen, links hinten, und Weltmeister Lewis Hamilton) Bild: AFP

Die Fia beschließt die größte Reform der Formel-1-Geschichte. Damit soll die Elite-Rennklasse aufregender werden. Doch nicht alle sind von den Veränderungen begeistert.

          3 Min.

          Billiger, gerechter, aufregender: Der Internationale Automobil-Verband (Fia) hat die größte und ehrgeizigste Reform in der Geschichte der Formel 1 beschlossen. „Wir bieten den besten Rahmen, den man haben kann für die Wettbewerbsteilnehmer und alle Beteiligten, während wir unserem Sport eine aufregende Zukunft sichern“, behauptete Fia-Präsident Jean Todt am Donnerstag auf der Rennstrecke von Austin, wenige Tage vor dem Großen Preis der Vereinigten Staaten am Sonntag (20.10 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 sowie bei RTL und Sky).

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die einschneidenden Änderungen betreffen die Regeln des Sports, die Finanzierung und die Konstruktion der Rennwagen. Sie werden von der Saison 2021 an gültig sein. Obwohl nicht alle Rennställe mit allen Veränderungen einverstanden sind, setzten sich die Fia und der Besitzer der Vermarktungsrechte an der Formel 1, das amerikanische Unternehmen Liberty, durch. Voraussetzung war dafür das Auslaufen des Concorde-Agreements Ende 2020. Es regelt die Rechte und Pflichten von Fia, Vermarkter und Teams.

          Größere Reformen sind während einer laufenden Vereinbarung nur mit einheitlichen Beschlüssen möglich. Rennställe, die den neuen Vertrag nicht akzeptieren würden, könnten nicht mehr an der Formel 1 teilnehmen. Die Bildung einer eigenen Rennserie, wie sie Konzerne jahrelang als Drohkulisse einsetzten, ist unwahrscheinlich. Ferrari sitzt im Weltrat, der die massige Umstrukturierung laut Todt einstimmig annahm. Seit der Jahrtausendwende war das Ausscheren der führenden Teams stets an der Wendigkeit der Scuderia gescheitert. Bevor es zu einer „Piratenserie“ kam, konnte der damalige Formel-1-Manager Bernie Ecclestone Ferrari mit einer Bonuszahlung in Höhe von 100 Millionen Dollar vom Verbleib überzeugen. Ohne Ferrari ist eine eigenständige Serie undenkbar.

          „Wir eröffnen ein neues Kapitel“

          Am Donnerstag ist ein wenigstens 18 Jahre langer Kampf zu Ende gegangen. Fia und Liberty hoben die große Chance hervor, die das neue Programm mit zahlreichen Einschränkungen für die Rennställe biete. Sie sehen eine Vereinfachung und Verschlankung auf der ganzen Linie. „Wir werden mehr Überholmanöver auf der Strecke sehen, mehr Action. Die Formel 1 wird weniger komplex sein, die Meisterschaft weniger vorhersehbar. Wir eröffnen ein neues Kapitel“, sagte Todt.

          Die Techniker im Reform-Team rechneten am Donnerstag vor, dass mit neuen, einschränkenden Konstruktionsvorschriften das Hinterherfahren und damit das Überholen wesentlich leichter werden soll. Bislang verlieren die Autos bei einer Distanz von etwa 15 Metern zum vorausfahrenden Rennwagen rund 30 Prozent des Abtriebs auf der Vorderachse. Der Bremsweg verlängert sich enorm und damit das Unfallrisiko. Bei den neuen Autos soll der Verlust des aerodynamisch erzeugten Andrucks nur noch bei sechs Prozent liegen.

          Der neuralgische, seit Jahren immer wieder im Fahrerlager diskutierte Punkt, war die Deckelung der Budgets. Von 2021 an darf ein Rennstall nur noch 175 Millionen Dollar pro Saison ausgeben. Ausgenommen davon sind unter anderem Fahrergehälter und die Bezahlung des Führungspersonals. Gegenwärtig geben die drei erfolgreichsten  Rennställe, Mercedes, Ferrari und Red Bull – geschätzt – weit mehr als 300 Millionen Dollar aus. In der Technik-Welt der Formel 1 war eine Mehrklassengesellschaft bis dato unvermeidbar.

          „Vier, fünf Sekunden wollen wir nicht langsamer sein“

          „Wir wollen, dass die Teams das Geld effizienter ausgeben, anstatt mehr zu investieren“, sagte Ross Brawn, einst Technischer Direktor von Ferrari in der Schumacher-Ära und inzwischen Sportdirektor im Formel-1-Tross von Liberty. Die Reformer versprachen am Donnerstag eine „Balance des Wettbewerbs“ auf höchstem technischen Niveau und zugleich eine Verbesserung des Geschäftsmodells für die kleineren Rennställe, von denen angeblich drei, vier wegen der hohen Kosten um ihre Existenz kämpfen. Teil des Sparkurses wird der Einsatz von Einheitsteilen sein, vom Gaspedal über Achsen bis hin zum Benzinversorgungssystem.

          Die Konstruktionsvorschriften, hieß es im Fahrerlager, verschleppten das Tempo der Formel 1. Sie führen zu einem Abtriebsverlust von 20 Prozent und zu einer Gewichtszunahme um 25 Kilogramm auf 768 Kilogramm. Rundenzeiten sollen deshalb anfangs um bis zu sechs Sekunden steigen. Die Fia sprach an Donnerstag von drei Sekunden. So „langsam“ fuhr die Formel 1 2016. „Am Ende ist es egal, was gemacht wird, solang wir zu besseren Rennen kommen, dem Vorausfahrenden leichter folgen können“, sagte Red-Bull-Pilot Max Verstappen: „Vier, fünf Sekunden wollen wir nicht langsamer sein, das würde mir keine Freude bereiten.“

          Temporeduzierungen sind in der Formel 1 immer wieder von der Fia mit Blick auf die Sicherheit der Fahrer durchgesetzt worden. Dennoch fanden die zahlreichen Ingenieure immer wieder Wege, die Boliden wieder zu beschleunigen. In Zukunft soll das aber nicht mehr auf Kosten der Umwelt geschehen. Mitte November will die Formel 1 ein Umweltprogramm vorstellen, das mehr als die effizientesten Motoren auf diesem Planeten und die schrittweise Umstellung auf Bio-Sprit anzubieten hat. 

          Weitere Themen

          Freudenberg macht Frankfurt froh

          Basketball-Bundesliga : Freudenberg macht Frankfurt froh

          Neuer Spielmacher, zwei überzeugende Youngsters – und der treffsichere Älteste: Der Sieg der Frankfurt Skyliners in Crailsheim hatte viele Gesichter und Geschichten. Am besten lässt er sich aber mittels einer starken Defensivarbeit definieren.

          Topmeldungen

          Ist die Welt noch zu retten? Eine Frau bei einer Demo in Lissabon.

          Raus aus der Klimakrise : „Moralappelle bringen nichts“

          Der Kölner Spieltheoretiker und Verhaltensökonom Axel Ockenfels erklärt im Interview, wo der Knackpunkt im Klimakonflikt liegt – und auf welcher Grundlage das Problem von der Weltgemeinschaft gelöst werden könnte.

          Muhammad Bin Salmans Pläne : Der Ölprinz mit der Billion

          Er ist jung und braucht das Geld: Der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman bringt den weltgrößten Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse. Damit will er nicht nur das Land reformieren, sondern auch die eigene Macht sichern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.