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Formel 1 : Bahrein schlägt die Kritik Bin Ladins in den Wind

  • -Aktualisiert am

Formel 1-Chef Ecclestone und Scheich Mohammed Bild: REUTERS

Bin Ladin weiß nach Auskunft Scheich Mohammeds die Formel 1 in Bahrein nicht zu schätzen. Er habe schon vor zwei Jahren, scharfe Kritik geäußert. "Aber", betont der Scheich, "wir werden uns niemals dem Terrorismus beugen."

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          Bernie Ecclestone macht sich zur Zeit einen Heidenspaß daraus, jeden, dessen er habhaft werden kann, zu fragen: "Wußten Sie eigentlich vor fünf Jahren, wo Bahrein liegt?" Und wenn der Gegenüber erschrocken schweigt, meint der mächtigste Mann der Formel 1 streng: "Ich jedenfalls nicht. Aber ich bin ja auch ungebildet."

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Der Brite und sein Imperium haben, gemeinsam mit der weitverzweigten Königsfamilie, diesen kleinen, feinsandigen Inselstaat am Persischen Golf auf die Weltkarte gebracht. Und das war eines der Ziele des Unternehmens Großer Preis von Bahrein. Ein anderes nennt Scheich Mohammed bin Isa al-Khalifa, Vorstand der Gesellschaft "Bahrein International Circuit", Kanzler des Kronprinzen und Bruder des Königs: "Wir wollen, daß aus dem Nahen Osten auch einmal eine gute Nachricht kommt."

          Formel 1 als Friedensdienst

          Der Terroristenführer Usama Bin Ladin weiß nach Auskunft Scheich Mohammeds dieses Vorhaben allerdings nicht zu schätzen. Er habe schon vor zwei Jahren, als alles begann, scharfe Kritik daran geäußert, daß man mit dem Formel-1-Grand-Prix auch den Amerikanern die Tür in die Region öffne. "Aber", betont der Scheich, "wir werden uns niemals dem Terrorismus beugen."

          Ecclestone hat sowieso sein eigenes Weltkonzept: "Der Rest des Nahen Ostens sollte Dankgebete für die Initiative von Bahrein sprechen", sagt er. Der für sein nüchternes und pragmatisches Denken berühmte Manager sieht die Ökonomie rund um seine Schöpfung Formel 1 als Friedensdienst, der die Welt näher zusammenbringt. "Alle sollten kommen und sehen, was dies für ein modernes Land ist", sagt er und weist aus dem Fenster eines villenartigen Hospitality-Bereichs auf die imposanten Bauten der neuen Grand-Prix-Strecke.

          "Mister Bush und alle diese Idioten“

          "Mister Bush und alle diese Idioten, die ihre dummen Statements abgeben, die sollen erst einmal hinfahren. Und das", erklärt Ecclestone und geht ein ganz kleines bißchen aus der Reserve, "können Sie ruhig so schreiben." Scheich Mohammed, der ihm gegenübersitzt, lächelt fein dazu. Bahrein ist mit seinen 650.000 Einwohnern - 70 Prozent davon Bahreinis, 30 Prozent Einwanderer - der liberalste Golfstaat.

          Hier darf Alkohol ausgeschenkt werden, man sieht Frauen mit ihren schwarzen Schleiern am Steuer, unverschleierte Frauen in der Stadt, auch unverheiratete Paare können zusammen ausgehen, es gibt Diskotheken und Nachtklubs. Mittwoch für Mittwoch, dem Beginn des islamischen Wochenendes, rollen die Autos aus Saudi-Arabien über den Damm "King-Fahd-Causeway" in das Land, das kleiner ist als Hamburg. An der Grenze darf dann die Frau ans Steuer wechseln, und drei lustige Tage außerhalb der engen moralischen Grenzen des eigenen Landes können beginnen. Drei Millionen Touristen pro Jahr kommen nach Bahrein, es sollen durch den Grand-Prix-Kurs noch mehr werden. Immerhin: Die Grid-Girls werden züchtigere Kleider tragen als gewohnt. Und auf dem Siegerpodest wird ein extra kreiertes, alkoholfreies, kohlensäurehaltiges Fruchtsaftgetränk namens "Rose" verspritzt werden.

          Grand-Prix-Kurs in 483 Arbeitstagen

          "Wir waren 1932 das erste Land am Golf, das eine Ölquelle entdeckte", sagt Scheich Mohammed. Allerdings ist die Ausbeute mit 40.000 Barrels im Jahr (zum Vergleich Saudi-Arabien: 10 Millionen Barrels) klein. Man hat die Förderung bereits gedrosselt, doch in zehn Jahren wird das Öl versiegt sein. Schon jetzt macht die Erdölförderung nur noch 16 Prozent des Bruttosozialproduktes aus. Deswegen muß sich der Staat, in dessen Hauptstadt Manama sich bereits das wichtigste islamische Finanzzentrum entwickelt hat, neu orientieren. "Unser Vorbild ist Singapur", sagt Scheich Mohammed. Dienstleistungen und Tourismus sollen Arbeitsplätze bringen. "Bahrein", erklärt Ecclestone, "ist das Schaufenster des Nahen Ostens." Der Grand Prix am Sonntag wird diese Tatsache weithin bekannt machen. Die Fernsehgemeinde eines Formel-1-Rennens wird immer wieder mit 350 Millionen Menschen angegeben.

          In nur 483 Arbeitstagen wurde der Grand-Prix-Kurs, der auch Varianten für andere Motorsportveranstaltungen ermöglicht, 30 Kilometer südlich von Manama in die Wüste gebaut. Wahrhaft ein eindrucksvoller Beweis, wie viel dieses Land leisten kann. Aus der Entfernung wirkt er mit seinen geschwungenen Dächern wie eine malerische Karawanserei, aus der Nähe besehen löst er bei allen Beteiligten Begeisterung aus - zumindest bevor die Renner ihre ersten Runden gedreht haben.

          "In zehn Jahren ist Europa sowieso am Ende"

          Logistik, technische Ausstattung, wohldurchdachte Funktionswege und ein modernes, luxuriöses Ambiente für die Hospitality, Layout und Sicherheit der Piste werden gepriesen. "Das ist ein Musterbeispiel, wie eine Grand-Prix-Strecke zu sein hat", lobt Ecclestone. Nein, damit wolle er keinen Druck auf andere Veranstalter ausüben, meint er sanft. "Es ist die Sache jedes einzelnen, was er für eine Strecke hat. Aber nehmen wir Silverstone. Brauchen wir wirklich noch einen britischen Grand Prix?"

          Lieber als in die ehemalige Heimat des Motorsports schaut er nach Shanghai, wohin die Globalisierung die Formel 1 noch in diesem Jahr führen wird. Die reiche Golfregion und das dynamische China sind auch für die in der Formel 1 engagierte Industrie interessantere Märkte als das alte Europa. "In zehn Jahren", prognostiziert Ecclestone, "ist Europa sowieso am Ende." Auch Indien ist als neues Familienmitglied der Formel 1 schon im Gespräch.

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