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Formel 1 : Attacke eines Geschlagenen

Wunschmobil: Was Fernando Alonso gerne gehabt hätte bei Ferrari, hat sich Sebastian Vettel mit Red Bull hart erarbeitet Bild: dpa

Der Erfolg von Weltmeister Sebastian Vettel schmerzt Fernando Alonso. Er schiebt die Überlegenheit allein auf Vettels Auto. Den Champion bedrückt allenfalls die ungewisse Zukunft. Denn 2014 beginnt eine neue Ära.

          Kaum ein Fahrer beschäftigt sich so sehr mit der Historie der Formel1 wie Sebastian Vettel, und darum weiß er auch seine eigene Leistung richtig einzuordnen. Am Sonntag siegte er beim Großen Preis von Brasilien in São Paulo schon zum dreizehnten Mal in diesem Jahr, es war sein neunter Erfolg nacheinander. So eine Dominanz war zuletzt Michael Schumacher im Ferrari (2004) gelungen, so eine Serie bisher lediglich Alberto Ascari, ebenfalls mit Ferrari. Der Italiener brauchte für dieses Kunststück allerdings saisonübergreifend zwei Rennjahre (1952 und 1953). „Der alte und neue Weltmeister ist aus einer anderen Galaxie“, schrieb die spanische Zeitung „El Mundo Deportivo“ am Tag danach. Vettel aber war noch im Moment des Triumphes um Realismus bemüht: „Den Serien-Rekord kann man nicht mit Ascari vergleichen, das war eine ganz andere Zeit“, sagte der Sechsundzwanzigjährige. „In den fünfziger Jahren haben die Rennen viel länger gedauert. Es gab so viele Dinge, die an den Autos kaputtgegangen sind, viel mehr als heute, wo alles so professionell und zuverlässig ist. Ich sehe ihn einfach nur als Zahl.“

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Andere sehen vor allem die Niederlagen der vergangenen Jahre: Fernando Alonso zum Beispiel. „Wenn Sebastian einmal ein Auto hat wie alle anderen, wenn er dann trotzdem gewinnt, dann ist er eine der Legenden in der Formel 1“, sagte er gegenüber dem britischen Fernsehsender „BBC“. Die verbale Breitseite folgt im nächsten Satz: „Wenn er aber eines Tages ein Auto hat wie alle anderen, und er wird nur Vierter, Fünfter oder Siebter, dann werden einige Leute seine vier Titel noch schlechter ansehen, als sie es heute schon tun.“ Die Aussage ist klar: Nicht der Mensch dominiert, seine Maschine ist einfach nicht zu besiegen.

          2014: Beginn einer neuen Ära

          Vier Mal in Serie hat der Spanier den Titelkampf gegen Vettel verloren. Und in dieser Saison hat der Deutsche noch einen draufgesetzt: Vettel (397 Punkte) hätte die Konstrukteurswertung sogar ohne seinen Teamkollegen Mark Webber als Ein-Mann-Rennstall gegen Mercedes (360) und Ferrari (354) gewonnen. Manch einer rief deshalb schon die große Langweile aus, Vettel aber kann gar nicht genug bekommen von der Aussicht ganz oben auf dem Podium. „Ich bin ein bisschen traurig, dass die Saison schon vorbei ist“, sagte er in Brasilien. Seit Anfang August hat kein anderer mehr einen Grand Prix gewonnen, am kommenden Sonntag wird der erste Advent gefeiert. „Seb ist mit so viel Konstanz, so viel Präzision und einem beeindruckenden Speed unterwegs – das war wirklich herausragend“, sagte Red-Bull-Teamchef Christian Horner.

          Doch die Verfolger bereiten längst schon ihre nächsten Angriffe vor. Die Formel 1 erhält 2014 ein neues Reglement und steht damit am Beginn einer neuen Ära: Die 2,4 Liter starken Acht-Zylinder-Saugmotoren werden durch 1,6 Liter starke Sechs-Zylinder-Aggregate inklusive Turbo ersetzt; das Bremsenergie-Rückgewinnungssystem bekommt die doppelte Leistung (160 statt 82 PS) und darf als zusätzliche Kraft künftig 33 statt sechs Sekunden pro Runde eingesetzt werden; die Aerodynamik der Rennwagen wird erheblich beschnitten. Experten sprechen von der größten technischen Revolution seit Jahrzehnten.

          „Du kannst dich kaum auf das vorbereiten, was uns da alle erwartet“, sagte Vettel. „Wir müssen auf den ersten Tag auf der Strecke warten, um genau zu wissen, wie wir dastehen.“ Bisher sind es nur Gerüchte, die nach außen dringen: Sowohl Renault als auch Mercedes sollen Probleme mit der Standfestigkeit des neuen Motors haben, bisher hielten wohl nur einzelne Komponenten die Belastungen eines Grand Prix auf dem Prüfstand aus. Die Verantwortlichen von Ferrari plagen offenbar andere Sorgen. Wie das Fachmagazin „Auto, Motor & Sport“ berichtet, hat die Scuderia bei einer Sitzung der Technischen Arbeitsgruppe darum gebeten, die erlaubte Benzinmenge pro Rennen von 100 auf 110 Kilogramm anzuheben. Offenbar haben die Ingenieure der Scuderia einen allzu durstigen Motor entwickelt.

          Die neue Antriebseinheit wird das Herz der neuen Renner sein, an ihrer Seele arbeiten die Spezialisten mit Hochdruck. Red-Bull-Chefdesigner Adrian Newey hat immerhin die Arbeiten für das neue Monocoque und Getriebegehäuse beendet, für alles andere hat er schon Ideen. Am 28. Januar 2014 startet die neue Saison mit Testfahrten in Jerez, dann wird wohl erstmals der neue Red Bull der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Nachfolger jener Autos, die zuletzt Maßstäbe gesetzt haben. „Was Adrian für uns jedes Mal wieder zaubert, ist schon außergewöhnlich“, sagte Vettel. Ein Zauberer am Zeichenbrett, ein Magier im Cockpit – wer soll sie in Zukunft aufhalten?

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