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Formel 1 am Nürburgring : Blick zurück in die grüne Hölle

Einer der schwersten Unfälle in der schönen, grünen Hölle: Niki Lauda verunglückt 1976 Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Bis Sonntag rasen die Formel-1-Boliden beim Großen Preis von Deutschland wieder über den modernen Nürburgring. Die legendäre Nordschleife mit ihrem letzten Todesopfer aus dem Jahr 1969 ist schon lange Geschichte. Die Angst vor der „Hölle“ ist nur noch Erinnerung.

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          Es ist ein schöner Flecken Erde. Vorne der blaue Horizont, rechts und links die Felder und Tannenschonungen, die sich sanft an die Anhöhen schmiegen. Trügerische Bilder. Nur die Leitplanken trennen den Asphalt vom grünen Band an der Nordschleife, wo seit 1927 mehrere hundert Menschen ihr Leben gelassen haben. Rennfahrer und solche, die es werden wollten, Zuschauer und Streckenposten, die von Trümmerteilen erschlagen wurden.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          174 Kurven, beinahe einhundert Steigungen und Abfahrten, ein 22,8 Kilometer langer Kurs: die „schöne, grüne Hölle“, wie ihn der schottische Formel-1-Pilot Jackie Stewart einst nannte. Das unkalkulierbare Risiko, die ständige Gefahr, die bedrückende Angst und der Tod begleiteten die Piloten bis in die siebziger Jahre. Am Ende wurde die Nordschleife selbst Opfer ihrer eigenen Gefährlichkeit: 1984 wurde die moderne, wesentlich kürzere Grand-Prix-Strecke eröffnet.

          Mitter hatte keine Chance

          „Manchmal habe ich mich auf dem Weg zum Rennen gefragt, ob ich mein Hotelzimmer wiedersehen werde“, sagte schon Manfred von Brauchitsch, Silberpfeilpilot der dreißiger Jahre. Der letzte Formel-1-Rennfahrer, den es am Nürburgring traf, war der Deutsche Gerhard Mitter. Geboren am 30. August 1935 in Schönlinde im heute tschechischen Sudentenland, gestorben am 1. August 1969 am Schwedenkreuz auf dem Nürburgring. Mitter war ein passionierter Rennfahrer. Einer, der anfangs aus selbstgefeiltem Blech Motorradteile baute. Der später dreimal Europameister im Bergrennen wurde und doch immer vor allem den Traum vom Formel-1-Sport hatte.

          Der letzte tödliche Unfall ereignete sich 1969 am Nürburgring

          In einem solchen Wagen, einem BMW, raste er an jenem Tag im August mit mehr als zweihundert Kilometern in der Stunde über den Kurs in der Eifel, nach einer Kuppe brach der Wagen plötzlich aus, überschlug sich mehrmals und kam erst einige hundert Meter später zum Stehen. Als Ursache für dieses Unglück gilt eine fehlerhaft montierte Lenkung. Mitter hatte keine Chance. Er zählt zu den 37 Piloten der Formel 1, die seit der Gründung im Jahre 1950 nach einem Unfall gestorben sind. Beim bisher letzten Todesfall weinten Menschen in vielen Ländern dieser Welt. Am 1. Mai 1994 prallte der Brasilianer Ayrton Senna in Imola mit seinem Williams-Renault in der Tamburello-Kurve in eine Mauer.

          Sennas Tod führte zu drastischen Verbesserungen

          Dieses Unglück und der schwere Unfall von Karl Wendlinger kurz darauf in Monaco führten zu drastischen Verbesserungen der Sicherheit zugunsten der Piloten: Die Entwicklung der Kurvengeschwindigkeiten wurde immer wieder gebremst, die Crashtestbedingungen massiv Jahr für Jahr erhöht. Das Monocoque aus Kohlefaser, die Sicherheitszelle, wurde stetig verbessert und vergrößert. Der Sitz ist nach einem Körperabdruck des Piloten geformt, nach einem Unfall könnte der Fahrer mitsamt dieser Schale aus dem Wrack gehoben werden. Unterwäsche, Rennanzug, Kopfhaube und Handschuhe müssen rund 850 Grad Celsius aushalten und den Fahrer bei einem Feuerunfall bis zu 35 Sekunden lang schützen.

          Die Helme bestehen unter anderem aus Kohlefaser, Titan, Magnesium und Polyäthylen, in einem Test wird das Visier mit Projektilen beschossen, die auf 500 Kilometer in der Stunde beschleunigt werden, die Einschlagstellen dürfen nicht tiefer als 2,5 Millimeter sein. 2003 wurde schließlich Hans eingeführt, das sogenannte „Head and Neck Support System“ verhindert, dass der Kopf des Fahrers beim Aufprall nach vorne gerissen und die Halswirbelsäule überdehnt wird. Auch die Auslaufzonen an den Rennstrecken wurden immer größer.

          Weit verbreiteter Glaube an die eigene Unverwundbarkeit

          Vor allem Max Mosley, der so umstrittene Präsident des Internationalen Automobilverbandes (Fia), hat diese Entwicklung im Zusammenspiel mit der Fahrervereinigung GPDA vorangetrieben. Vermutlich ist der Pole Robert Kubica nur deshalb noch am Leben und Teil der Formel 1. Im Juni 2007 beim Großen Preis von Kanada in Montreal berührte sein BMW-Williams mit beinahe dreihundert Kilometern in der Stunde den Toyota von Jarno Trulli, sein Bolide stieg in die Luft, prallte in die Betonmauer, schoss quer über die Piste und schlug schließlich in die Leitplanke ein. Beim Aufprall zeichnete der Unfallschreiber eine Geschwindigkeit von 227,5 Kilometern in der Stunde auf, die Verzögerung betrug 75 g - das 75fache des eigenen Körpergewichts. Kubica erlitt lediglich eine Knochenprellung und gab sich schon Tage später reichlich gelöst: „Ich muss mit gar nichts fertig werden“, sagte er und stand schon vier Wochen später wieder in der Startaufstellung.

          Mario Theissen, der BMW-Teamchef, sagte ein Jahr später sogar: „Robert ist schneller geworden seither. Sein Vertrauen in die Sicherheit des Autos ist gestiegen.“ Die Piloten in der Formel 1 müssen vergessen und verdrängen können. Nur so können sie Vollgas geben auf dieser Grauzone aus Asphalt, an dessen Rändern für sie die Umgebung verschwimmt.

          Michael Schumacher zählte zur ersten Generation jener Fahrer, die von den Maßnahmen Mosleys profitierten. Trotzdem hatte er schon Jahre zuvor ein Testament gemacht. Eine Entscheidung, die im Kontrast steht zum unter Rennfahrern weit verbreiteten Glauben an die eigene Unverwundbarkeit. Mosley hatte manche Teams mit neuen Sicherheitsstandards zu ihrem Glück zwingen wollen. Trotzdem wollen einige Piloten gern zurück in die Vergangenheit. „Vor zwei Jahren bin ich mit einem Formel-1-Wagen über die Nordschleife gefahren“, sagt BMW-Pilot Nick Heidfeld. „Die Strecke ist phantastisch Es gibt leider zu wenige Auslaufzonen. Aber ich würde es trotzdem gerne einmal machen.“

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