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Force-India-Teamchef Mallya : König in Nöten

Dunkle Vorzeichen: Force-India-Besitzer Vijay Mallya gleitet sein Imperium aus den Händen Bild: Reuters

Vijay Mallya war der schillerndste Superreiche Indiens - nun schmilzt ihm sein Imperium unter den Fingern weg. Sein Formel-1-Team Force India bemüht sich um Normalität.

          Knapp zwei Wochen vor dem Formel-1-Rennen im indischen Ort Noida ziehen über dem Rennstall Sahara Force India immer dunklere Wolken auf. Dessen Gründer und Teamchef Vijay Mallya droht die Verhaftung, sein Geschäftsimperium schmilzt unter seinen Händen weg. Miteigentümer Subrata Roy Sahara ächzt unter dem Urteil, etwa drei Milliarden Dollar an Kleinanleger zahlen zu müssen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Über Jahre drehte Mallya das ganz große Rad: Kein Unternehmer in Indien war so schillernd, keiner trat so laut auf, keinem fiel der Erfolg so leicht in den Schoß wie ihm. Vijay Mallya lässt sich mit Bikini-Schönheiten ablichten, er besitzt Yachten und Zuchthengste, er wurde im roten Bentley durch die Wirtschaftskapitale Bombay (Mumbai) chauffiert, er sitzt im Parlament, braut Bier, kauft Whiskymarken, hob die Fluglinie Kingfisher Airlines aus der Taufe, besitzt eine Cricket-Mannschaft, gründete Indiens ersten Formel-1-Rennstall und spaziert, goldbehangen, an Renntagen durch das Fahrerlager. Als „King of good times“ ließ er sich feiern. Der indische Milliardär, ein Abklatsch des berühmten Richard Branson aus London, der auch nichts anbrennen lässt? Nein, antwortete Mallya ernsthaft: „Branson ist es, der mich kopiert.“

          Wie ein Bolide, der auf eine Betonmauer zufährt

          Inzwischen sind Mallyas Töne ganz leise geworden. In seinem mit Kunst für zig Millionen Dollar ausgehängten Büro in Bombay werden die Nächte durchgearbeitet. Wie in der Zeitlupenaufnahme eines Boliden, der unaufhaltsam auf eine Betonmauer zutreibt, so scheint Mallya auf den Zusammenbruch seines Imperiums zuzusteuern. Passiert nicht ein Wunder, bleibt Mallya nicht mehr viel, als den Kopf einzuziehen. Kürzlich soll ein Haftbefehl gegen Mallya ausgestellt worden sein. Darüber gab es zuletzt in Indien zwar unterschiedliche Darstellungen, doch so viel ist sicher: Der Flughafenbetreiber GMR Hyderabad International Airport hat die Strafverfolgung von Mallya und einigen seiner Manager beantragt, da dessen Fluggesellschaft Kingfisher zwar Nutzungsgebühren bei ihren Fluggästen eingetrieben, aber nicht pflichtgemäß an GMR weitergereicht habe. Die Schecks, die GMR auf einiges Drängen hin bekommen habe, seien geplatzt.

          Bollywood und Formel 1: Teamchef Mallya lässt sich gerne mit schönen Schauspielerinnen ablichten Bilderstrecke

          Das passt ins Bild. Die Flugzeuge von Kingfisher bleiben am Boden, weil die Mannschaften streiken, da sie seit Monaten keine Gehälter mehr bekamen. Der Schuldenstand von Kingfisher wird auf rund 1,4 Milliarden Dollar geschätzt. Es geht um unbezahlte Löhne, unbezahlte Treibstoffrechnungen, vor allem aber um Kredite bei den Banken, darunter staatliche Institute. Inzwischen lässt Luftfahrtminister Ajit Singh prüfen, ob und unter welchen Bedingungen Kingfisher die Lizenz zu entziehen sei. Glaubt man Beamten der Regierung - die Kingfisher allerdings nie positiv gegenüber stand -, verliert sie im Flugbetrieb fast 800.000 Dollar täglich. Doppelt so hoch seien die Verluste, wenn die Flieger am Boden blieben.

          Mallya, dessen Vater den Chemiekonzern Hoechst in Indien aufbaute, hatte Kingfisher unter viel Aufsehen 2005 gegründet - und seitdem nie einen Gewinn eingeflogen. Er selbst ließ in den vergangenen Wochen immer wieder verlauten, er stehe in Gesprächen mit ausländischen Investoren. Analysten schätzen, Kingfisher brauche eine rasche Finanzspritze von mindestens 600 Millionen Dollar, um nicht zusammenzubrechen.

          Nach und nach löst sich das Imperium auf

          Rettung könnte aus einem verbundenen Unternehmen nahen: Die Londoner Diageo, Hersteller von Johnny Walker, zeigt Interesse, einen Anteil an Mallyas United Spirits, dem führenden Whisky-Brenner Indiens, zu kaufen. Nach und nach löst sich Mallyas Imperium auf: Die Mol-Familie verkaufte den Löwenanteil am Rennstall für gut 70 Millionen Euro an den schillernden Unternehmer Subrata Roy Sahara. Auch der hat inzwischen Probleme: Der Oberste Gerichtshof Indiens entschied, der Sahara-Konzern müsse 22 Millionen Kleininvestoren insgesamt 3,18 Milliarden Dollar zuzüglich Zinsen in Höhe von 15 Prozent jährlich erstatten. Die Ausgabe der Schuldverschreibungen sei nicht regelgerecht vonstattengegangen. Subrata Roy und Mallya - dem Vernehmen nach finanziert mit seinem Privatvermögen - halten jeweils 42,5 Prozent an Force India, die Mols den Rest.

          Klar, dass Force India vor dem Heimspiel Ende Oktober auf Ruhe setzt: „Ich denke, es gab die Aufforderung, einen Haftbefehl auszustellen“, sagt Bob Fernley, unter Mallya stellvertretender Teamchef des Rennstalls, der den deutschen Piloten Nico Hülkenberg zum Jahresende an Sauber verliert: „Das alles aber spielt sich unterhalb der Ebene von Vijay ab. Der wird keine Ahnung haben, was da vor sich geht.“

          Sollte Fernley damit Recht haben, könnte eben genau dies zum Risiko für den Milliardär werden: Denn Indien ist erschüttert von großen Korruptions- und Schwarzgeldskandalen. Die Politik bemüht sich, aufzuräumen. Unregelmäßigkeiten in der Größenordnung, wie sie offensichtlich bei Kingfisher vorkommen, stören das Bild. Über Jahre geduldet, könnten sie in diesen Zeiten auch bislang unberührbare Milliardäre an den Pranger bringen. Mallyas Milliardärskollege und Force-India-Miteigentümer Subrata Roy sucht schon Hilfe ganz oben: In Zeitungsanzeigen ließ er unter dem Konterfei der Göttin Bharat Mata (Mutter Indien) erklären: „Dank der Gnade des Herrn stehen wir so rundum gesund da, dass es bei den Zahlungen, die Sahara leisten muss, nicht mal zu einem einzigen Tag Verzögerung kommen kann.“

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