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Vettel-Ärger von Kanada : „Ich würde nichts anders machen“

  • -Aktualisiert am

Der Vorfall vom Rennen in Kanada beschäftigt Sebastian Vettel auch zwei Wochen später noch. Bild: EPA

Ferrari lässt nicht locker und möchte den frisch verheirateten Sebastian Vettel nach der Strafe entlasten. Im Fahrerlager mehrt sich die Kritik an den Regeln der Formel 1. Selbst ein Pilot, der nicht als große Vettel-Freund gilt, ergreift Partei.

          Ferrari lässt nicht locker. Wenige Tage vor dem Großen Preis von Frankreich an diesem Sonntag (15.10 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1, bei RTL und Sky) hat der Formel-1-Rennstall einen Antrag auf Revision des Urteils gegen Chefpilot Sebastian Vettel beim Internationalen Automobil-Verband (Fia) gestellt. Im Zuge der Verfahrens werden Vertreter von Ferrari an diesem Freitagnachmittag auf der französischen Rennstrecke „Paul Ricard“ von den Fia-Rennkommissaren befragt, die Vettels Verhalten vor zwei Wochen beim Grand Prix in Kanada für strafwürdig befunden hatten.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Vettel war als Führender von der Strecke abgekommen und auf ein Rasenstück geraten. „Ich hatte alle Hände voll zu tun, das Auto nicht zu verlieren“, schilderte Vettel die Folgen seines Fahrfehlers. Bei der Rückkehr auf die Piste geriet der Bolide auf die Ideallinie von Verfolger Lewis Hamilton. Die Enge der Piste, die Nähe zur Streckenbegrenzung auf der rechten Seite zwang den Briten, sein Tempo zu drosseln, um eine Kollision zu vermeiden. Aus den Video-Aufzeichnungen geht nicht hervor, dass Vettel Hamilton absichtlich blockierte.

          Die Streckenkommissare entschieden sich mit Blick auf die Regel, dass eine Rückkehr auf die Piste ungefährlich sein müsse für die übrigen Rennteilnehmer, fünf Sekunden zu Vettels Rennzeit hinzuzufügen. Der Hesse kam zwar als Erster vor Hamilton ins Ziel, aber der fünfmalige Weltmeister wurde als Sieger gewertet. Ferraris Revisionsantrag soll auf neue Belege gestützt sein. Der Rennstall will Vettel von dem Vorwurf entlasten, „gefährlich“ und damit strafbar auf die Piste zurückgekehrt zu sein.

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          Im Fahrerlager mehrten sich am Donnerstag die Stimmen, die Regeln seien zu eng gefasst und die Streckenkommissare hätten zu wenig Spielraum, im Sinne des Sports zu entscheiden: „Wenn die Bewertung eines Falles 50:50 ausfällt, dann sollte man niemals eine Bestrafung durchsetzen“, sagte Günther Steiner, der Teamchef von Haas, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Für mich war es eine Rennszene, man sollte das laufen lassen, andernfalls wird der Rennsport gekillt.“

          Auch die meisten der am Donnerstag befragten Piloten schlossen sich dieser Sicht an: „Vielleicht hatte die Rückkehr auf die Piste etwas potentiell Gefährliches“, sagte McLaren-Pilot Carlos Sainz Junior, „aber was ist nicht gefährlich in der Formel 1?“ Max Verstappen, nicht unbedingt ein großer Freund des Deutschen, äußerte sich zwar nicht zu der Berechtigung der Bestrafung, erklärte aber, Vettel habe auf dem Weg zurück „nichts falsch gemacht“. Damit bezog sich der Niederländer auf den indirekten Vorwurf, Vettel hätte bremsen und damit Hamilton mehr Platz lassen können für ein dann erfolgreiches Überholmanöver.

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          Die Streckenkommissare sollen unter anderem das in der Datenaufzeichnung erkennbare Gasgeben Vettels auf dem Rasen zur Grundlage ihres Urteils gemacht haben. „Das war Schleppgas. Man gibt automatisch Gas, um das Heck zu stabilisieren“, sagte Vettel am Donnerstag im Fahrerlager. Die Videoaufzeichnung zeigt, dass der viermalige Weltmeister alle Hände voll zu tun hatte, seinen Rennwagen auf der Grasfläche abzufangen, ohne in die Streckenbegrenzung zu prallen.

          Mit einem Bremsmanöver auf der glatten Oberfläche hätte er die Kontrolle über das Auto verlieren können. Ein kreiselnder Ferrari wäre auch für Hamilton gefährlich geworden. Verstappen zeigte Verständnis für die Verärgerung beider Fahrer. Vettel steht auch elf Tage nach dem Vorfall zu seiner Reaktion. Er hatte sich über das Urteil aufgeregt und im Ziel die Positionsschilder vor den Rennwagen für den Ersten und Zweiten vertauscht. „Ich würde nichts anders machen“, sagte Vettel in Frankreich.

          Hamilton, der die übliche Pressekonferenz am Donnerstag wegen seiner Teilnahme an einer Gedenkveranstaltung zu Ehren von Karl Lagerfeld in Paris schwänzte, hatte während des Rennens über das Manöver von Vettel geklagt. „Es gibt zu viele Regeln, die es für die Kommissare zu überwachen gilt“, sagte Haas-Pilot Kevin Magnussen: „Sie können unmöglich konstant sein, wenn man so viele Regeln einhalten muss.“

          Das gilt mitunter für ein und denselben Verkehrsrichter der Formel 1. Emanuele Pirro gehörte zum Gremium in Kanada. 2016 hatte er in Monaco einen vergleichbaren Vorfall zu bewerten. Damals schnitt Hamilton dem Red-Bull-Piloten Daniel Ricciardo in Monaco nach einem Fahrfehler vor der Hafenschikane sowie einem Ritt über die Kerbs den Weg ab und zwang den Australier, vom Gas zu gehen. Eine Strafe gab es nicht.

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          Sebastian Vettel hat geheiratet

          Formel-1-Rennfahrer Sebastian Vettel (31) hat geheiratet. Der Ferrari-Pilot habe eine standesamtliche Hochzeit mit seiner langjährigen Freundin Hanna im Familienkreis gefeiert, bestätigte eine Sprecherin des Hessen am Donnerstag. Zuerst hatte die „Bild“-Zeitung darüber berichtet. Das Paar hat zwei gemeinsame Kinder und lebt in der Schweiz. Die Hochzeit fand in den Tagen nach dem jüngsten Rennen in Kanada statt, bei dem Vettel den Sieg wegen einer umstrittenen Zeitstrafe verloren hatte. Bei seinem ersten Auftritt im Fahrerlager am Donnerstag vor dem Grand Prix in Frankreich trug Vettel einen Ehering am linken Ringfinger. Weitere Angaben zur Hochzeit will Vettel nicht machen. Der gebürtige Heppenheimer gibt wie sein Vorbild Michael Schumacher nur höchst selten Auskunft über sein Privatleben. (dpa)

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