https://www.faz.net/-gtl-9x26r

Mauscheleien in Formel 1? : Ferrari und die kryptische Einigung in der Benzin-Affäre

  • -Aktualisiert am

In der Benzin-Affäre um Ferrari liegt weiterhin einiges im Dunkeln. Bild: AFP

Die Benzin-Affäre um Ferrari gibt Rätsel auf. Nun gibt es eine Einigung zwischen Weltverband und Rennstall. Die sorgt für noch mehr Fragen. Mercedes reagiert auf Form und Inhalt der Mitteilung „schockiert“.

          3 Min.

          Ihre Stärke liegt auf der Geraden. Das ist nicht unbedingt ein Kompliment für einen Rennfahrer. Schon gar nicht für ein so berühmtes Formel-1-Team wie Ferrari. Aber 2019 rasten die Boliden der Scuderia der Konkurrenz immer auf und davon, wenn die Kurven hinter ihnen lagen. Diese Beschleunigung quasi aus dem Windschatten kam der Konkurrenz spanisch vor. Und so insistierten Red Bull und Mercedes vom Spätsommer an beim Internationalen Automobil-Verband (Fia), munitionierten die Fia-Ingenieure schließlich mit bohrenden Fragen so intensiv, dass die Regelbehörde zu prüfen begann.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Hatte Ferrari trickreich mehr Benzin als erlaubt eingespritzt und so die Abtriebsschwäche in den Kurven auszugleichen versucht? Red-Bull-Pilot Max Verstappen sprach damals, bislang unbestraft, öffentlich von Betrug. Ferraris Sprintstärke ließ nach, als die Fia das Benzinsystem zwischenzeitlich konfiszierte und einen zweiten Sensor vorschrieb. Bis heute ist der Fall nicht nachprüfbar geklärt worden. Und dabei soll es wohl bleiben: Am Freitag versendete die Fia um 17:49 Uhr ein Mail, die, wörtlich vom Englischen ins Deutsche übersetzt, so beginnt: „Die Fia hat nach gründlichen technischen Untersuchungen ihre Analyse des Betriebs des Formel-1-Triebwerks Scuderia Ferrari abgeschlossen und eine Einigung mit dem Team erzielt. Die Einzelheiten der Vereinbarung bleiben zwischen den Parteien bestehen.“ Frei übersetzt: Nachhaken lohnt sich nicht.

          Ferrari reagierte auf entsprechende Fragen am Sonntag so: „Wir wissen, dass die Pressemitteilung zwar kurz und prägnant aussieht, aber tatsächlich kann nur gesagt werden, was darin enthalten ist. Danke für das Verständnis.“ Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe antwortete die Fia unter anderem nicht auf die Frage, ob sie denn einen Verstoß festgestellt habe. Und wie die weiteren Erklärungen in der Mitteilung zu verstehen sind. Denn Fia und Ferrari vereinbarten „eine Reihe technischer Verpflichtungen, die die Überwachung aller Formel-1-Aggregate für die kommende Saison verbessern“ soll. Ohne die Konkurrenz zu beteiligen?

          Großen Spielraum für Spekulationen hinterließ auch der dritte Teil der Nachricht: Demnach wird Ferrari die Fia „bei anderen regulatorischen Aufgaben in der Formel 1 und bei ihren Forschungsaktivitäten zu CO2-Emissionen“, etwa bei der Entwicklung „nachhaltiger Kraftstoffe“, unterstützen. Steckt ein Ablass dahinter? Auch darauf gab es bis zum Sonntagabend keine Antworten. Dabei gab schon die Benzinaffäre zum Saisonfinale Rätsel auf. Kurz vor dem Rennen in Abu Dhabi hatte der Technische Delegierte, Jo Bauer, im Tanksystem des Ferrari von Charles Leclerc 4,48 Kilogramm mehr Benzin entdeckt als erlaubt.

          Die Scuderia wurde kurz vor dem Start informiert und erklärte nach dem Rennen den – nicht verbrauchten – Überschuss als irrtümlich eingefüllt. Einen Regelverstoß im Wettkampf wollten die Kontrolleure der Fia deshalb nicht erkennen. Die Regelhüter entschieden sich mit Verweis auf die Rechtslage für ein Bußgeld wegen falscher Angaben: umgerechnet gut 45.000 Euro. Ein Taschengeld. Das Budget von Ferrari soll, geschätzt, bei etwa 300 Millionen Euro liegen.

          Mercedes, das teilte ein Sprecher am Samstag auf Anfrage mit, hat Form und Inhalt der Fia-Mail „schockiert“. Laut Artikel 1.3 der Fia-Statuten ist der Verband verpflichtet, den höchsten Ansprüchen zu genügen, wenn es um eine gute Führung, Transparenz und demokratische Grundlagen geht. Ob und wie die Ferrari-Konkurrenz gegen das „Agreement“ vorgeht, blieb offen. Zunächst gab es am Mittwoch einen Brief der Rennställe Mercedes, McLaren, Red Bull, Alpha Taurin, Renault, Racing Point und Williams, in dem der Weltverband aufgefordert wurde, die Ergebnisse der Untersuchung offenzulegen. Inzwischen blühen naheliegende Spekulationen. Wer möglichst wenig auffallen will mit schlechten Nachrichten, aber nicht um eine Veröffentlichung herumkommt, lässt sie am Freitagnachmittag verschicken. Offenbar drangen Red Bull und Mercedes auf ein Ergebnis der Untersuchung.

          Ist die Vereinbarung ein Deal?

          Das Fachmagazin „Auto Motor und Sport“ schreibt, Ferrari habe als Folge der Fia-Untersuchungen einen neuen Motor bauen müssen im Winter und leitet aus der Vereinbarung einen Deal ab. Genährt wird diese Theorie durch die Erklärungen von Teamchef Mattia Binotto zu den ernüchternden Leistungen seines Teams während der Testfahrten in Barcelona bis zum vergangenen Freitag. Das Auto sei besser in schnellen Kurven als das Vorgängermodell, die Beschleunigung werde aber mit einem Verlust an Effektivität bezahlt: Der Windwiderstand sei gestiegen. Das würde die Tempoverschleppung auf den Geraden erklären. Es sei denn, der neue Motor wäre nicht so stark wie der alte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Corona-Krise : Warum die Zahlen in Spanien wieder ansteigen

          Nirgendwo in Westeuropa gibt es so viele Neuinfektionen wie in Spanien – und das, obwohl nahezu überall Maskenpflicht herrscht und die Behörden wieder Ausgangssperren verhängen. Nun warnt das Auswärtige Amt auch vor Reisen nach Madrid.
          Mike Pompeo und seine Frau Susan bei der Ankunft am Prager Flughafen am 11. August

          Zum Auftakt der Europareise : Pompeo erhält eine deutliche Botschaft

          Der amerikanische Außenminister besucht in dieser Woche vier europäische Länder. Es geht um Truppenstationierungen und um China. Gleich zu Beginn kommt aus Moskau deutliche Kritik: vom deutschen Außenminister.

          Putins Corona-Politik : Der Impfstoff-Murks aus Moskau

          Putin hat mit der Zulassung des weltweit ersten Corona-Impfstoffs vielleicht seinen Sputnik-Moment, doch Sektkorken knallen keine. Das rücksichtslose politische Manöver kann der Impfstoffentwicklung weltweit schaden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.