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Formel 1 in Bahrein : Ferrari vor der Dämmerung

Der Schock sitzt tief: Sebastian Vettel bereitet sich aufs Training in Bahrein vor. Bild: AP

Ferrari musste einen Schock verdauen beim Saisonstart der Formel-1-WM in Australien: Falls der Bolide von Sebastian Vettel im Scheinwerferlicht beim Großen Preis von Bahrein nicht in die Gänge kommt, wird es düster.

          Grau ragen die Masten in den Himmel über Arabien, an ihrem Ende die Flutlichter, die den Großen Preis von Bahrein am Sonntag erhellen sollen. Seit 2014 beginnt das Formel-1-Rennen in der Abenddämmerung, in den vergangenen zwei Jahren ist Sebastian Vettel gut gefahren damit. Er gewann mit seinem Ferrari. In diesem Jahr liegt die Sache ein bisschen anders: Spätestens bei der Fahrt in die arabische Nacht am Sonntag (Start 17.10 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1, RTL und Sky) wird sich zeigen, ob Vettel und Ferrari ein Licht aufgegangen ist. Ob sie Herren der Lage sind, die Entwicklung des SF90 im Griff haben. Oder ob sivh Ferrari schon wieder, in der sechsten Saison in Serie, von Mercedes abhängen lässt, deutlicher, schneller und früher, als es Pessimisten befürchten.

          Als Vettel am Donnerstagnachmittag einen Raum betritt, den Ferrari für eine Fragerunde am „Bahrain International Circuit“ hergerichtet hat, um kurz nach fünf, leuchten die Flutlichtmasten schon. Die Zeit aber steht still. Der Sekundenzeiger wandert, der Minutenzeiger an der Uhr eines Unternehmens für Luxusgüter vom Genfer See, die an der Wand hängt, kommt noch schlechter voran als Vettels Rennwagen vor zwei Wochen in Australien: gar nicht. Ein Zeichen? Vettel weiß, auf was die rund 40 Journalisten warten: Was war los in Melbourne? Warum wurde Vettel Vierter, sein junger Teamkollege Charles Leclerc Fünfter, beim Doppelsieg von Mercedes, Valtteri Bottas vor Lewis Hamilton?

          „Es wurden sich viele Gedanken gemacht, es gab viele Analysen“, sagt Vettel, er wirkt aufgeräumt. „Die beiden Wochen waren ,tense‘“, fügt er hinzu, „tense“, also angespannt? „Anstrengend“, sagt er später und dann, noch einmal auf Englisch: „Quite calm but very busy“ sei die Atmosphäre gewesen. „Recht ruhig“ und sehr geschäftig. Und das Ergebnis? „Wir haben einige Antworten. Alle Antworten bekommst du nie.“ Versprechen, sagt Vettel, könne er nicht geben: „In dieser Position sind wir nicht.“ Vettel wirkt gut gelaunt. Aber auch strukturierte Antworten, gelassen vorgetragen, können nicht verbergen, dass das Rennen in Melbourne das Team erschüttert und einige grundlegende Fragen hinterlassen hat.

          Bei den Testfahrten wirkte alles anders

          Bei den Testfahrten Ende Februar und Anfang März in Katalonien hatte es gewirkt, als habe Ferrari das beste, schnellste Auto im Feld. „Wenn wir uns an Barcelona zurückerinnern, dann brauchten wir uns überhaupt nicht fürchten, da waren wir überall schnell.“ In Australien aber „war es nicht mehr da“, erzählte Vettel. „Wir waren in allen Abschnitten langsam außer in schnellen Kurven.“

          Die Strecke, die vor 15 Jahren auf Wunsch des Kronprinzen Salman bin Hamad bin Isa Al Chalifa in Bahreins Sand im Persischen Golf gesetzt wurde, nicht zur Freude aller Untertanen, hat etliche langsame Kurven. Der Chefpilot und sein Team werden bald erfahren, ob die Antworten, die sie gefunden haben wollen, zu den Fragen passen, die der Mangel an Geschwindigkeit in langsamen Streckenabschnitten aufgeworfen hat. „Wir müssen vorsichtig sein mit Aussagen“, sagt Vettel: „Ich bin in Australien nicht mit angezogener Handbremse gefahren.“

          Auch Lewis Hamilton muss ernsthafte Fragen beantworten. Der Weltmeister ist in Melbourne vom Teamkollegen Bottas abgehängt worden. Ist die Konkurrenz im eigenen Haus nach zwei WM-Siegen wieder eine größere Gefahr für den fünfmaligen Champion? Der Engländer hat darauf keine Lust. Bottas sei ganz der Alte. „Ich habe ihn nie als schwache Person kennengelernt.“ Die Lage bei Ferrari in den letzten zwei Wochen? „Keine Ahnung, ich nehme an, dass sie hart arbeiten. Meistens waren sie sehr stark, aber das ist nur ein Tipp.“ Hamilton hat Interessanteres zu bieten. Er lässt durchblicken, dass der Leistungsschub „Down under“ nicht gänzlich überraschend kam. Schon in Barcelona habe man „ein Fenster gefunden, in dem das Auto viel besser funktioniert. Wir können uns sehr glücklich schätzen, dass wir das entdeckt haben.“

          Konkurrenzkampf als Luxusproblem

          Eine Stunde später sagt Vettel, Mercedes sei schneller, als „wir erwartet hatten“. Die Scuderia mit Mattia Binotto, in Personalunion Team-Chef und Technikchef, hatte das eigene Auto über- und die Konkurrenz unterschätzt, so klingt es. Nein, das Auto habe „keine grundlegenden Probleme“, sagt Vettels Teamkollege Charles Leclerc in Bahrein: „Wir arbeiten alle zusammen, der Teamgeist ist gut.“ Das Bemühen des Monegassen, kein weiteres Problemfeld zu eröffnen, zeigt auch, dass es schon wieder sehr ernst ist in Maranello. Schließlich hätte sich Leclerc in Melbourne mit Vettel um Platz vier streiten können, wäre das Rennen der Scuderia-Piloten nicht „eingefroren“ worden, wie Vettel das nennt. „Ob Sebastian Vierter wird und ich Fünfter oder anders herum“, sagt Leclerc, „macht keinen Unterschied: mehr Punkte waren für Ferrari nicht drin. Es war richtig, das nicht zu gefährden.“

          Vor dem Saisonstart war die Frage, ob der Angriff des jungen Leclerc auf die Nummer eins im Team Ferrari die Weltmeisterschaft kosten könnte. Zwei Wochen später ist die Lage so viel ernster, dass diese Frage fast wie ein wünschenswertes Luxusproblem erscheint. Vettel wird noch einmal gefragt, ob er glaube, dass das Rennergebnis von Melbourne eine einmalige Sache bleibe. „I bloody hope so“, sagt er. Er hoffe es, verdammt noch mal. In den langsamen Kurven im bahreinischen Sand wird es sich zeigen. Sie werden gut ausgeleuchtet sein. Ist Ferrari wieder zu langsam am Sonntag, könnte es duster werden bei der Scuderia.

          Auf der Suche nach dem richtigen Kurs: Der Ferrari mit Sebastian Vettel am Steuer.

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