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Ferrari : Der rote Patient

Kleiner Kreis: Die Nummer eins ist Alonso nur bei Ferrari Bild: dpa

Italien stöhnt ob der ersten Eindrücke des neuen Ferrari. Die Verantwortlichen verstehen ihr eigenes Auto nicht. Chefpilot Alonso kündigt schon eine Zeit der Leiden an.

          3 Min.

          Sie haben keinen Durchblick. Ob das aber nur für scharfzüngige wie persönlich beleidigte Beobachter von Ferrari gilt? Die wollen in der vergangenen Woche trotz der vielen Sichtblenden um den neuen Formel-1-Boliden F2012 einen mächtigen Wirbel entdeckt haben. Das Auto werde noch vor der Premiere beim Saisonstart am kommenden Sonntag umgebaut, behauptete die „Gazzetta dello Sport“, ja selbst neue Crashtests seien nötig.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Das wäre allerdings ein Kotau gewesen, der Offenbarungseid, im Grunde die Verschiebung des Projektes Weltmeisterschaft um ein Jahr, also das Ende aller Hoffnungen für 2012. Auf Nachfrage antwortete die Zentrale in Maranello dieser Zeitung mit einem Satz: „Es sind keine Crashtests geplant vor dem Start in Melbourne.“ Umbauten schließt diese Antwort nicht aus.

          Der Ferrari wird an diesem Freitag beim ersten Training zum Großen Preis von Australien ganz sicher anders aussehen als noch am vergangenen Wochenende bei den letzten Testfahrten in Barcelona. Da kreisten Fernando Alonso und Felipe Massa abwechselnd mit einer großen Antenne auf der Lufthutze, mit Messinstrumenten und frischer Farbe auf dem Frontflügel.

          Kurvendiskussion: Der Wagen will nicht so, wie Chefpilot Alonso will Bilderstrecke
          Kurvendiskussion: Der Wagen will nicht so, wie Chefpilot Alonso will :

          Stilsicher nutzte die Scuderia dabei die eigentliche Hausfarbe, eine Art Modena-Gelb, der Tönung des Kanarienvogels nachempfunden. Der Fluss der Farbe im Testverkehr sollte den Ingenieuren Antworten geben auf Fragen zur aerodynamischen Effizienz ihres Boliden. Währenddessen stellte sich den Ferrari-Fans unter den Zaungästen angesichts der Versuchsfahrten eine bohrende Frage: Ist der Ferrari eine Luftnummer?

          Das jüngste Modell galt im Fahrerlager jedenfalls nicht als der letzte Schrei. Weshalb es um Ferrari eigentlich ganz still werden sollte. Die Piloten, hieß es in einer Mitteilung der berühmtesten Rennwagenschmiede am vergangenen Wochenende, stünden für Gespräche über die Maschine in den Pausen der abschließenden Probetouren nicht mehr zur Verfügung. Was prompt zu einer Medien-Vollversammlung und einer lautstarken Auseinandersetzung führte vor der kleinen Zeltstadt der Scuderia im Fahrerlager. Theatralische Gesten wie Beschimpfungen lösten sich allerdings binnen einer Nacht in Geschäftigkeit auf.

          Denn Alonso, der zweimalige Champion und trotz Vettels Weltmeisterschaft noch immer das stärkste Alphamännchen der Fahrergilde, bezog den Maulkorberlass wohl nur auf das Rennstreckenterrain. Vor dem Fußballspiel des FC Barcelona plauderte er munter. Messi und Iniesta, Barcelonas Stars, seien schneller als der F2012. „Er hat Späße gemacht“, erklärte Ferraris Formel-1-Kommunikationschef Luca Colajanni tags darauf, vergaß aber geflissentlich, den Chefpiloten in voller Länge zu zitieren: „Wir werden“, hatte Alonso gegenüber Barça-TV erzählt, „in den ersten Rennen leiden.“ Nun stöhnt Italien.

          Experten wollen diese drohende Qual auch ohne Einblick in die Datenwelt an der Strecke erkannt haben. Demnach kämpfen Alonso und Massa - verglichen mit den Kollegen bei McLaren, Red Bull oder Mercedes - stark gegen den Hang des Dienstwagens, Kurveneingänge glatt zu ignorieren. Dieses Untersteuern nervt. Denn Piloten wie Alonso werfen ihre Autos gerne mit Schmackes um die Ecken.

          Montezemolo setzt den Teamchef unter Druck

          Während der Asturier also auf der Piste Tempo herausnehmen musste, um die Linie halbwegs halten zu können, trat der Chef vom Ganzen in Maranello aufs Gaspedal: „Ich bin mit der Leistung unseres Autos nicht zufrieden“, sagte Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo und setzte die Rennstallführung mit Teamchef Stefano Domenicali unter Druck: „Ich habe bei Domenicali und unseren Ingenieuren die große Sehnsucht gesehen, zu zeigen, was sie wert sind.“

          Die Not ist groß. Seit Ende der Ära Schumacher fährt Ferrari den Topmodellen der Engländer hinterher. Erst dem McLaren, dann dem Brawn GP, seit 2009 dem Red Bull. Daran wird sich in dieser Saison vorerst nichts ändern. Denn wer in Barcelona, der Parade-Strecke der Formel 1, zum Test der aerodynamischen Effizienz nicht in die Gänge kommt, dem droht das gleiche Problem auf vielen Pisten. Mit ein paar Schraubenschlüsseln und etwas gutem Willen lässt sich die Bremse aber nicht lösen. Deshalb hat die „Gazzetta dello Sport“ wohl die Geschichte von der Notoperation zum Besten gegeben und damit ein Gefährt aus Kohlefaser, Metall und Gummi zum ersten Intensiv-Patienten der italienischen Motorsportfraktion erklärt.

          „Das Auto ist schwer zu verstehen“

          Schließlich wird in Maranello stündlich am Puls des Boliden gefühlt und mit einer Heerschar von Experten herumgedoktert. So reichte wenig Phantasie, Technikchef Pat Fry beim Zustandsbericht in Barcelona wie den Chefarzt eines rätselhaften Falles zu betrachten: „Wir sind enttäuscht. Das Auto ist schwer zu verstehen.“

          Die Ungewissheit führt nun schon zu Schreckensszenarien. Angeblich bange Ferrari um den Einzug in die dritte Runde des Qualifikationstrainings. Wahrscheinlich aber wird sich das Problem der Scuderia in Australien gar nicht so deutlich abzeichnen. Auf eine Runde, zumal mit Alonso am Steuer, lässt sich manche technische Schwäche „überfahren“. Außerdem fehlt es im Albert Park an Hochgeschwindigkeits-Kurven. Die Topmodelle der Aerodynamik werden ihren Vorteil kaum ausspielen können. Die kolportierte Leistungsdichte aber dürfte den Italienern gehörige Bauchschmerzen bereiten. Mercedes ist an ihnen vorbeigezogen, Lotus vielleicht auch, Teams wie Sauber und Force India drängen von hinten. Zu einem Crashtest wird es also in jedem Fall kommen.

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