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Ferrari : Der Neue auf dem Schleudersitz

  • -Aktualisiert am

Der freundliche Herr Domenicali: Plötzlich Champions League Bild: AFP

Stefano Domenicali ist nach vielen Jahren bei Ferrari zum Chef des Formel-1-Teams aufgerückt. Der freundliche Italiener bezeichnet seinen Vorgänger Jean Todt als „geistigen Vater“, wagt ihn aber auch zu kritisieren.

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          Der neue ist ein alter Hase: 17 Jahre schon arbeitet Stefano Domenicali bei Ferrari. Er kennt sich in der Buchhaltung aus, hat mit der Steuerabteilung zu tun gehabt, sammelte als Rennstreckendirektor Erfahrung im Rennbetrieb und wirkte zuletzt als Teammanager an der Rennstrecke wie eine gute Seele der „großen Familie“: Selbst im größten Stress zwischen Abschlusstraining und Startaufstellung immer freundlich, meistens lächelnd.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Und so einladend winkte der 42 Jahre alte Italiener Journalisten zu seinem ersten offiziellen Auftritt als Teamchef des Formel-1-Teams zu: „Es ist wie bei einem jungen Fußballspieler, der plötzlich merkt, dass er in der Champions League mit den ganz Großen spielen darf“, sagte Domenicali zum Neujahrsempfang der Scuderia am Mittwoch in Madonna di Campiglio, über die interne Beförderung. Nun sitzt der Mann aus Imola im wohl begehrtesten Schleudersitz Italiens. Und freut sich diebisch.

          „Es gibt Wunden, die nur schwer verheilen“

          Mit der Präsentation eines für die breite Öffentlichkeit neuen Gesichtes in der ersten Reihe der Scuderia wird ein markanter Kopf peu á peu aus dem Rampenlicht verschwinden. Jean Todt, der häufig käseweiße, missmutig dreinblickende Architekt der Ferrari-Ära seit 1993, hat das Zepter „im besten Moment“ übergeben. Kurz nach dem überraschenden Sieg der Scuderia in der Fahrer-Weltmeisterschaft 2007. Ein Triumph über die britisch-deutsche Renngemeinschaft, „die ich einmal respektiert“ habe. Die leidige Spionage-Affäre, zumindest sportjuristisch abgeschlossen, wirkt nach beim „Alten“. Sein „geistiger Sohn“ (Domenicali über Domenicali) will sich nicht mehr damit aufhalten: „Es gibt Wunden, die nur schwer verheilen. Aber wir schauen nach vorne.“ Und zwar wieder direkt auf McLaren-Mercedes, respektvoll wie skeptisch: „Sie werden sicher“, sagt StefanoDomenicali, „unser stärkster Konkurrent sein.“

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          Angeblich auch, weil der große Verlierer von 2007 von einer Regeländerung profitieren soll. Vom ersten Grand Prix am 16. März in Melbourne an fahren alle Teams mit einer Einheits-Elektronik, die ein McLaren-Unternehmen entwickelt und zur Abstimmung in der Formel 1 angeboten hatte: „Wir sind nicht glücklich damit. McLaren wird anfangs wohl einen Vorteil haben“, erklärte Domenicali: „Aber das darf für uns keine Entschuldigung sein.“ Vermutlich wird sich der neue Ferrari-Teamchef vorerst nicht zu entschuldigen haben. Die Schwächen auf kurvigen Strecken wie Monaco und Ungarn sind laut Technik-Chef Aldo Costa ohne Kompromisse beseitigt worden. Und so fand Weltmeister Kimi Räikkönen bei seinen ersten Runden im F2008 am Montag in Maranello vorerst nichts auszusetzen: „Ich habe einen guten Eindruck vom Auto. Ich glaube nicht, dass wir sofort irgendwelche Verbesserungen machen müssen“, sagte der Finne nach den ersten Runden am Montag in Maranello.

          Was steckt drin im neuen Ferrari?

          Weil sich die Konstruktionsvorschriften für die Aerodynamik in den vergangenen fünf Jahren kaum geändert haben, fallen die Unterschiede zum Vorjahreswagen auf den ersten Blick kaum auf. Gegen das Raubkopieren äußerer Formen wird sich Ferrari spätestens ab dem Auftritt in Melbourne nicht mehr wehren können, wenn die besten Flügelversionen im letzten Moment zum Vorschein kommen. Interessanter als die äußere Hülle scheint die Frage, was drin steckt im neuen Ferrari. Da die Traktionskontrolle, eine elektronische Fahrhilfe zur Optimierung des Vortriebs bei durchdrehenden Rädern, nun verboten ist, experimentieren die Teams mit der Ballastverteilung, mit Getriebe- und Motorabstimmungen und der Radaufhängung. Alles zum Wohle der Piloten. Die werden es schwerer haben, ihre gut 750 PS starken Renner beim Beschleunigen unter Kontrolle zu halten.

          Theoretisch müsste Ferrari McLaren-Mercedes voraus sein. Denn während die Formel-1-Konkurrenz eifrig Neuwagen-Studien betrieb, hatten sich die Briten gleichzeitig den Anklagen zu stellen, in Untersuchungen und drei Prozessen von Juli bis zum Canossa-Gang Mitte Dezember aufwendig zu verteidigen. Wer - wie in der Formel 1 - auf jeden Arbeitstag angewiesen ist, kommt so nicht ungestört auf Touren. Zumindest die Rückkehr von Fernando Alonso zu Renault betracht Domenicali als Punkt-Gewinn: „Diese Trennung von Lewis Hamilton ist mit Blick auf die Konstrukteurswertung der WM ein Vorteil für uns und alle anderen Konkurrenten.“

          „Ich bin ja nicht weg. Ich bin die Feuerwehr“

          Während die beste Fahrerpaarung 2007 gesprengt ist, halten Insider die Ernennung Domenicalis zum Teamchef für die klügste Entscheidung nach den Absagen von Todts Kandidaten Ross Brawn und Michael Schumacher. Der Deutsche verzichtete, weil er sich nicht fürs Büro geschaffen sieht: „Vergiss es.“ Er geht lieber, wie am Montag nach der ersten Testfahrt, in die Besprechung der Ingenieure oder sucht die Nähe zum Team in Madonna an diesem Donnerstag. Dem Engagement des Briten Brawn soll auch die Sorge vor dem langen Arm seines Freundes Todt im Wege gestanden haben. Ferraris durchsetzungsfreudiger Generaldirektor lässt zurzeit keinen Zweifel an seiner Präsenz: „Ich bin ja nicht weg. Ich bin die Feuerwehr“, ließ er mitteilen, bevor Domenicali die Hackordnung auf den Punkt brachte - lächelnd: „Jean Todt ist und bleibt mein Chef.“

          Die Frage ist allerdings wie lange der Franzose diese Position noch bekleiden wird. Im Frühjahr läuft der Vertrag von Fiat-Boss Luca di Montezemolo als Arbeitgeberpräsident aus. Der Konzernchef hat schon angedeutet, dass er zu Ferrari zurückkehren wird. Um dort Todt allein Regie führen zu lassen? Domenicali ließ am Mittwoch schon durchklingen, dass Todt nicht mehr sakrosankt ist: „Sein Fehler ist, dass er manchmal zu brüsk die Meinung sagt. Das ist nicht zu seinem Vorteil.“ So eine öffentkliche Kritik an Jean Todt aus dem Mund eines leitenden Ferrari-Mitarbeiters hat es in der langen Ära Schumacher noch nicht gegeben.

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