https://www.faz.net/-gtl-9yr3l

Debatte um Kosten : Ferrari-Teamchef sorgt für Wirbel in der Formel 1

  • Aktualisiert am

Das Ferrari-Trio an vorderster Front: die Piloten Charles Leclerc (links) und Sebastian Vettel mit Teamchef Mattia Binotto (Mitte, Bild von 2019) Bild: Picture-Alliance

Die Formel 1 streitet um die Senkung der Ausgaben. Die kleineren Teams wollen eine weitere Reduzierung des Budgets. Ferrari ist dagegen. Nun sorgen Aussagen von Teamchef Mattia Binotto für Aufregung.

          3 Min.

          Ferrari-Teamchef Mattia Binotto hat mit heiklen Sätzen den explosiven Kostenstreit in der Formel 1 weiter forciert. Erstaunt über die Wucht der Aussagen, die zunächst als Ausstiegsdrohung verstanden worden waren, mühte sich die Scuderia am Donnerstag um eine Klarstellung. Es habe sich um „ein Missverständnis“ gehandelt, versicherte der Rennstall. Binottos Worte, Ferrari wolle im Falle einer weiteren drastischen Reduzierung des Etatlimits nicht nach „anderen Optionen“ abseits der Formel 1 schauen müssen, klangen aber durchaus ominös.

          Wissen war nie wertvoller

          Vertrauen Sie auf unsere fundierte Corona-Berichterstattung und sichern Sie sich mit F+ 30 Tage freien Zugriff auf FAZ.NET.

          JETZT F+ KOSTENLOS SICHERN

          Der erste Verdacht: Die Scuderia will nun auch öffentlich ihren Widerstand gegen weitere Notfall-Sparprogramme demonstrieren und greift dafür zum schärfsten Schwert, der Warnung vor einem Rückzug. Dabei wollte der italienische Rennstall eigentlich in dieser Saison seinen 1000. Grand Prix in der Motorsport-Königsklasse zelebrieren. 991 waren es bisher.

          Kein anderes Team ist seit dem ersten WM-Jahr 1950 dabei. Ferrari ist die schillerndste Marke der Formel 1. Sollte es tatsächlich zu einem Bruch kommen, dann müsste auch Vierfach-Weltmeister Sebastian Vettel seine Zukunft nach Ablauf seines Ferrari-Vertrags am Jahresende ganz neu überdenken.

          Kern des hochbrisanten Konflikts ist die Kostengrenze, die für 2021 nach langen Debatten auf rund 161 Millionen Euro festgeschrieben war. Doch das ist jetzt den meisten nicht mehr genug. Informell verabredet sind nach den ersten Krisenrunden bereits 150 Millionen Dollar (138 Millionen Euro) als Zielmarke. Aber gerade die kleinen Teams und der Weltverband drängen wegen der Corona-Notlage auf eine noch tiefere Grenze.

          Ferrari hält dagegen. Der Rennstalle wolle „nicht in eine Position gedrängt werden“, sich nach Alternativen zur Formel 1 umschauen zu müssen, um die „Rennsport-DNA“ des Unternehmens zum Einsatz zu bringen, wurde Teamchef Binotto vom „Guardian“ zitiert. Ferrari fürchtet eigenen Angaben zufolge vor allem, dass hunderte Arbeitsplätze durch ein drastisch reduziertes Limit gefährdet würden.

          Wie ernst es der Scuderia mit einer Veränderung seines Engagements im Motorsport sein könnte, ist offen. Dem Fachportal „the-race.com“ zufolge würde der Sportwagenbauer über Starts in der Langstrecken-WM oder der amerikanischen Indycar-Serie nachdenken. Ob andere Rennserien dem Hersteller aber eine so starke Plattform bieten würden wie die Formel 1, erscheint fraglich.

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Dass Binotto sich derzeit auch in Verhandlungen über einen neuen Kontrakt mit Vettel nach diesem Jahr befindet, deutet zumindest darauf hin, dass Ferrari auch über 2020 hinaus in der Formel 1 plant. Teamkollege Charles Leclerc, der bis Ende 2024 unter Vertrag steht, wäre „definitiv happy“, wenn Vettel nach sechs Jahren bei Ferrari noch weitere Runden im roten Rennwagen drehen würde, erklärte der 22 Jahre alte Monegasse in einer Videokonferenz am Mittwoch.

          Doch bevor überhaupt wieder gefahren werden kann, muss die Formel 1 zunächst das Überleben aller Teams sichern. Wie die Binotto-Aussagen bei Williams, McLaren oder Renault ankommen, die ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt haben, darüber kann man nur spekulieren. McLaren macht sich sogar für 100 Millionen Dollar als künftiges Limit stark.

          Wohlgemerkt: Die Fahrergehälter waren bei der vorerst gültigen Ausgabengrenze nicht eingerechnet, weitere Ausnahmen sind auch möglich. Neben Ferrari gilt auch Red Bull als Gegner einer weiteren Senkung. Branchenführer Mercedes soll sich dem Vernehmen nach nicht gegen eine moderate weitere Reduzierung sperren.

          „Wir sind uns alle bewusst, dass die Formel 1 und die ganze Welt durch die Coronavirus-Pandemie besonders schwere Zeiten durchleben“, sagte Binotto. „Es ist aber nicht die Zeit, voreilig zu handeln, denn dann geht man das Risiko ein, Entscheidungen in dieser Notsituation zu treffen, ohne alle Konsequenzen durchdacht zu haben.“

          Nicht zum ersten Mal verwies er bei seiner Argumentation auf die unterschiedlichen Interessen und Strategien der zehn Rennställe von reinen Herstellern bis zu privaten Teams. Und er fürchtet bei einer weiteren Senkung des Budgets um den Ruf der Serie als Gipfel des Motorsports in Sachen Technologie und Leistung.

          Machtlos ist aber auch die hochgezüchtete Formel 1 gegen die Corona-Pandemie. Die Zwangspause, deren Ende trotz Planungen für einen Saisonstart Anfang Juli in Österreich derzeit nicht wirklich absehbar ist, hat die Notlage bei einigen Teams dramatisch verschärft. So erscheint offen, wie lange sich Ferrari seine Basta-Haltung gegen einen noch radikaleren Sparkurs leisten kann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Musste zurückziehen: Neera Tanden im Februar in Washington

          Amerikanische Regierung : Bidens erste Niederlage

          Neera Tanden sollte das Haushaltsbüro von Joe Bidens Regierung leiten. Ihr Scheitern im Senat zeigt das Gewicht der Zentristen in der demokratischen Partei.
          Das Finanzimperium von Lex Greensill steht vor dem Aus.

          Finanzaufsicht sperrt Bank : Aufstieg und Fall des Lex Greensill

          Hinter der in Schieflage geratenen Greensill Bank steht die steile Karriere eines australischen Bauernsohns. Die findet jetzt ein abruptes Ende: Sein Finanzimperium kollabiert, Gläubigerschutz wurde beantragt. Auch deutsche Sparer sind betroffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.