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Ferrari : Das Ende der Erfolgsstory naht

  • -Aktualisiert am

Was wird aus Ferrari ohne Schumacher? Bild: AFP

Ohne Michael Schumacher, ohne Ross Brawn und bald auch ohne Jean Todt: Die Vormachtstellung in der Formel 1 scheint für Ferrari beendet. Auf die Scuderia kommen schwere Zeiten zu. Die Konkurrenz dagegen freut's.

          3 Min.

          Der Tag, an dem Michael Schumacher seinen Rücktritt bekanntgab, wirkte für manchen wohl wie der Gang zu einem Begräbnis. Niki Lauda hielt am vergangenen Sonntag den schnöden Zettel, der das Karriereende des besten Rennfahrers unserer Zeit ankündigte, in den Händen. Und das einzige, was ihm dazu einfiel, war: „Das sieht aus wie eine Todesanzeige.“

          Manche bei Ferrari mögen sich an diesem heißen Nachmittag im königlichen Park zu Monza genauso gefühlt haben. Die Körpersprache der Männer in Rot verriet, was sie dachten: Hier geht eine Ära zu Ende. Ferrari ohne Schumacher wird ein anderer Rennstall sein. Ein schlechterer, unken die Experten. Wenn am Ende des Saison auch noch Technikchef Ross Brawn seinen Hut nimmt, wenn Rennleiter Jean Todt seine Pläne bekanntgibt und wenn Ferrari seine neuen Strukturen veröffentlichte, dann erst wird man abschätzen können, wo die Reise hingeht.

          Auch Räikkönen fährt am Limit

          Michael Schumacher war für Ferrari mehr als nur ein Rennfahrer. Er war Motivator, Entwicklungshelfer, der absolute Maßstab für die Techniker. War Schumacher langsam, dann war das Auto schuld. Umgekehrt mußte man sich fragen: Wieviel macht der Schumacher-Faktor aus? Sein Nachfolger Kimi Räikkönen kann den siebenmaligen Weltmeister nur in einem Punkt ersetzen. Auch er hat die Gabe, jede Runde am Limit zu fahren, egal ob es regnet oder ob die Sonne scheint. Auch er liefert den Ingenieuren mit seinen Rundenzeiten eine klare Aussage darüber, wie gut das Auto ist. Aber wird er wie Schumacher in der Lage sein, seine Eindrücke in Worte zu fassen? Sie zu bewerten mit Vorschlägen für Verbesserungen? Ist er die letzte Instanz bei der Reifenwahl?

          Renault-Teamchef Briatore: „Ohne Schumacher, Todt und Brawn endet die Vormachtstellung von Ferrari”

          Das System bei McLaren ist anders als das bei Ferrari. Bei McLaren sind die Ingenieure die treibende Kraft. Die technischen Besprechungen dauern selten länger als eine halbe Stunde. Räikkönen verläßt das Fahrerlager stets als erster, Schumacher meistens als letzter. Der Finne denkt eindimensional. Schumacher kümmert sich um jeden Aspekt seines Berufs. Von der Abstimmung der Traktionskontrolle bis zum Wetterbericht.

          Massa bleibt stumm

          Kimi Räikkönen ist Fatalist. Er nimmt die Dinge, wie sie kommen. Schumacher hinterfragt. Räikkönen ist zufrieden, wenn er schnell ist. Sein künftiger Teamkollege Felipe Massa zählt auch nicht zu den Analytikern im Fahrerfeld. Während Schumacher mit Akribie so lange an den elektronischen Fahrhilfen herumspielt, bis sie zu seinem Fahrstil passen, rührt der Brasilianer die relevanten Knöpfe am Lenkrad kaum an. Der Funkverkehr läßt tief blicken. Schumacher debattiert pausenlos mit den Ingenieuren über die Auswirkung auf das Fahrverhalten. Massa bleibt stumm.

          Mit Ross Brawn geht bei Ferrari die technische Autorität. Was er sagt, hat Gewicht. Das Auto konstruieren andere. Doch die Designer Rory Byrne, Aldo Costa und Nicholas Tombazis stehen bei ihm im Büro, wenn eine Konzept-Entscheidung zu fällen ist. Die Konstruktionsabteilung, hat Brawn einmal gesagt, sei auch ohne ihn exzellent besetzt. Mit Rory Byrne in einer Beraterrolle bleibt wenigstens einer der Erfahrenen an Bord.

          Grabenkämpfe

          Der Verlust an der Strecke wird Ferrari mehr schmerzen. Dort, wo unter Zeitdruck Entscheidungen gefällt werden müssen, haben sich andere gerne hinter Brawn versteckt. Der Brillenträger gab die Richtung vor, und wenn es schiefgelaufen ist, dann hat er der Kopf hingehalten. Damit sind Leute wie Renningenieur Chris Dyer oder Strategiefuchs Luca Baldisseri überfordert.

          Ohne Brawn aber werden die Grabenkämpfe erst beginnen. Wer nicht zum Zug kommt, wird fragen: Warum der andere, warum nicht ich? Man sieht es bereits bei Testfahrten, wo Brawn nur selten vor Ort ist. Man diskutiert im Kreis ohne ein Ergebnis. Darauf sind auch einige der Fehlentscheidungen bei der Reifenwahl im ersten Saisondrittel zurückzuführen. Die beiden Reifentypen, die Bridgestone zum Grand-Prix-Wochenende anbietet, werden bei Testfahrten bestimmt. „Aus Angst, etwas falsch zu machen, hat man sich viel zu oft für die konservative Lösung entschieden“, verrät ein Reifenmann.

          Verlängert Todt um ein Jahr?

          Michael Schumacher kennt die internen Vorgänge. Er kann sich ausmalen, was ein Neubeginn für die Zukunft bedeutet. Auch das mag zu seinem Rücktritt beigetragen haben, auch wenn er dies aus Loyalität gegenüber dem Team nie so sagen würde.

          Sein Freund Jean Todt hängt möglicherweise noch ein Jahr dran. Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo hat seinem Rennleiter in Ermangelung eines Ersatzmannes ein Angebot gemacht, das Todt eigentlich nicht ablehnen kann. Die Fünf-Millionen-Dollar-Offerte zeigt, wie ernst die Lage ist. Ginge auch Todt noch, könnten in Maranello sämtliche Dämme brechen. Der Plan, daß Teammanager Stefano Domenicali und Motorenchef Paolo Martinelli dann direkt an Montezemolo berichten, ist bestenfalls eine Verlegenheitslösung. Der Präsident hat schon genug Ämter. Er ist auch noch Chef von Fiat und dem italienischen Industrieverband.

          Ende der Vormachtstellung

          Auf dem Papier spricht eigentlich nur eines für die Fortsetzung der Erfolgsstory in Rot. Bridgestone wird in der kommenden Saison Alleinausrüster des Formel-1-Feldes sein. Auch wenn die Japaner Einheitsreifen mit zwei unterschiedlichen Gummimischungen anbieten, so hat doch ihr langjähriger Entwicklungspartner Ferrari einen Erfahrungsvorsprung. Die Ferrari-Ingenieure kennen die Charakteristik der japanischen Gummis, und umgekehrt wissen die japanischen Techniker, was für ein Reifentyp gut für Ferraris Konstruktionsphilosophie ist. Renault-Teamchef Flavio Briatore sieht seinen Erzrivalen dennoch abstürzen: „Ohne Schumacher, Todt und Brawn endet die Vormachtstellung von Ferrari. Das ist die Chance für Renault, an seine Stelle zu treten.“

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